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Leitindex wird neu geordnet : Die Schweizer Börse will nicht mehr klumpen

Der SMI musste umgebaut werden. Bild: AFP

Alles neu macht der Mai: Im Swiss Market Index (SMI) sind die 20 liquidesten Titel des Landes gelistet. Nun soll der Leitindex neu geordnet werden. Was macht das mit dem Index?

          3 Min.

          Selten hat es im wichtigsten Börsenbarometer der Schweiz, dem Swiss Market Index (SMI), so viel Bewegung gegeben wie in diesem Jahr. Im SMI sind die 20 größten und liquidesten Titel des Landes gelistet. Im Mai sind gleich zwei Unternehmen aus diesem Leitindex herausgefallen: Der Pharmakonzern Actelion wurde von dem amerikanischen Rivalen Johnson & Johnson übernommen; das Agrochemie-Unternehmen Syngenta fiel in die Hände des chinesischen Staatskonzerns Chem-China.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Ersetzt wurden diese Titel durch das Basler Chemieunternehmen Lonza und den Baarer Bauchemiekonzern Sika. Mit einer addierten Marktkapitalisierung von 28 Milliarden Franken bieten diese Unternehmen freilich deutlich weniger als die Hälfte des Gewichts auf, das Actelion und Syngenta gemeinsam auf die Waage gebracht hatten.

          Dies hatte der Schweizer Börsenbetreiber Six Swiss Exchange womöglich auch vor Augen, als er vor kurzem entschied, das Regelwerk innerhalb der SMI-Indexfamilie zu ändern: Vom 18. September an wird das Gewicht der größten Titel auf 18 Prozent gekappt, wie diese Zeitung bereits berichtete. So soll das Klumpenrisiko verringert werden, das dem SMI schon lange innewohnt und das durch den Abgang von Syngenta und Actelion noch verschärft wurde.

          Der Schweizer Leitindex wird von Nestlé, Novartis und Roche dominiert. Diese drei Unternehmen machen rund 61 Prozent der Gesamtkapitalisierung aus, wobei der Nahrungsmittelriese Nestlé mit inzwischen 24 Prozent das größte Gewicht hat, gefolgt von Novartis (20 Prozent) und Roche (18 Prozent).

          Commerzbank und Deutsche Bank haben SMI-Fonds bereits aufgelöst

          Indizes dienen als Basisinstrument für Anlagefonds, börsennotierte Indexfonds (ETF) und Derivate wie Indexoptionen. Dabei folgen viele Fondsmanager internationalen Richtlinien, denen zufolge ein Index dann nicht als Referenz für die Zusammensetzung eines Fonds herhalten darf, wenn zwei darin enthaltende Titel jeweils 20 Prozent oder mehr der Gesamtkapitalisierung ausmachen. Deshalb haben Commerzbank und Deutsche Bank bereits gehandelt und entsprechende SMI-Fonds aufgelöst. Die Börsenbetreiber in Zürich fürchteten nun, dass weitere Emittenten diesem Schritt folgen könnten. Daher entschieden sie sich für die Gewichtskappung auf 18 Prozent.

          Wenn diese von September an schrittweise zu greifen beginnt, werden Fondsmanager, die den SMI eins zu eins abbilden wollen, Aktien von Nestlé und Novartis abgeben und Titel aus dem Feld der 18 übrigen Unternehmen zukaufen. Nach Einschätzung von Martin Hüsler, Aktienanalyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB), könnte sich dies dämpfend auf die Kursentwicklung von Nestlé und Novartis auswirken.

          Hüsler hat es überrascht, dass die Kurse dieser beiden Schwergewichte, die es zusammen auf einen Börsenwert von 460 Milliarden Franken bringen, nicht schon bei Bekanntgabe der Indexänderung unter Druck geraten sind. Tatsächlich haben beide Titel seither sogar zugelegt.

          SMI ist seit Beginn des Jahres um zehn Prozent gestiegen

          Weil es sich um eine kursrelevante Nachricht handelt, wurden Nestlé und Novartis vorab nicht über die Regelwerksänderung im SMI informiert. Danach hätten beide Unternehmen aber Verständnis für diesen Schritt gezeigt, sagt der Six-Direktor Werner Bürki. Bei Nestlé und Novartis seien zum größten Teil Investoren aus der EU engagiert. Und diese hätten ein starkes Interesse daran, dass der SMI handelbar bleibe. Bürki schließt nicht aus, dass die Aktienkurse des betroffenen Führungsduos im Zuge der konkreten Umstellung unter Druck geraten könnten. Dies hänge nicht zuletzt auch davon ob, wie schnell die Fondsmanager die Anpassungen vornähmen: „Wenn alle genau zum Stichtag ihr Aktienportfolio umschichten, wäre das suboptimal.“

          Umgekehrt sind theoretisch natürlich Kursavancen in den Titeln unterhalb der zu kappenden Spitzenreiter denkbar, wobei rein rechnerisch die größten Zuflüsse in den größten Titeln unterhalb von Nestlé, Novartis und Roche stattfinden müssten. Dies wären UBS, ABB, Richemont, Zurich Versicherung, Credit Suisse und Swiss Re. Der ZKB-Analyst Hüsler gibt allerdings zu bedenken, dass sich manche Asset-Manager nicht an der neuen Kappung orientieren werden, sondern stattdessen am „alten“ SMI festhalten, der unter einem neuen Namen erhalten bleiben soll. Unterdessen wird es im nächsten Jahr wohl einen weiteren Wechsel im SMI-Gefüge geben: Nach der Fusion mit dem amerikanischen Rivalen Huntsman dürfte dem Spezialchemiekonzern Clariant wohl der Sprung in die oberste Börsenliga gelingen.

          Seit Beginn dieses Jahres ist der SMI um 10 Prozent auf 9017 Punkte gestiegen. Damit bewegte er sich im gleichen Tempo wie der Dax nach oben. Hüsler erwartet, dass es in den nächsten Monaten weiter bergauf geht. Potential sieht er insbesondere bei den großen Pharmawerten Roche und Novartis. Diese seien bisher nicht sonderlich gut gelaufen und wiesen daher eine attraktive Dividendenrendite auf. Insgesamt dürfte für Rückenwind sorgen, dass der Franken seit den Wahlen in Frankreich schwächer geworden ist. Das hilft der exportstarken Schweizer Wirtschaft, die im ersten Quartal mit guten Ergebnissen aufwartete.

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