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Schwarzbuch Börse : Anleger unter den Rädern von Inkompetenz und Rücksichtslosigkeit

  • Aktualisiert am

Das neue Schwarzbuch Börse Bild: SdK

Wie in jedem Jahr präsentiert die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger das Schwarzbuch Börse. Einmal mehr zeigt sich, daß es an der Börse brutal zugeht und dabei die Schwächsten, nämlich die Kleinaktionäre, meist den größten Schaden nehmen.

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          In der Geschäftswelt setzt sich immer mehr ein Trend durch, der sich an den Finanzmärkten naturgemäß am stärksten zeigt. Man macht Geschäfte mit Geschäften und weniger Geschäft. Will sagen: Das Verschachern von Beteiligungen, Unternehmen und Unternehmensteilen steht im Vordergrund, was das Unternehmen macht und ob es überhaupt etwas tut, ist schon fast sekundär.

          Das ist zumindest einer der Eindrücke, den die Lektüre des „Schwarzbuchs Börse“ der „Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger“ SdK, dessen Jahresband auch in diesem Februar wieder eine eigentümliche Freude bereitet, die so mancher Anleger nun wird gar nicht teilen können. Auch FAZ.NET hat über einige der geschilderten Fälle im vergangenen Jahr berichtet.

          „Wenn Heuschrecken grasen“

          „Heuschrecken“ war 2005 eines der Worte/Unworte des Finanzjahres und sie haben ihre Spuren auch im SdK-Report hinterlassen. „Wenn Heuschrecken grasen“ betiteln die Aktionärsschützer den Fall des Sanitäranlagenhersteller Grohe, bei dem innerhalb weniger Jahre gleich zwei Private-Equity-Investoren „alles taten, um das einstige Erfolgsunternehmen systematisch zugrunde zu richten.“

          Grohe: „Systematisch zugrunde gerichtet”

          1999 verkaufte die Gründerfamilie Grohe ihre Mehrheit an die britische BC Partners für schätzungsweise 0,9 bis 1,3 Milliarden Euro. BC Partners brachte nur einen Bruchteil der Summe selbst auf. Den Rest finanzierte man mit Krediten. Unter anderem wurde Grohe zur Auflage eines sogenannten „Junkbonds“ gezwungen - einer Hochzinsanleihe mit einem Zinssatz von stattlichen 11,5 Prozent.

          Die enormen Zinslasten trieben Grohe in die Krise, so daß BC Partners den ursprünglichen Plan, das Unternehmen nach dem Rückzug vom Parkett wieder mit Gewinn dahin zurückzubringen, aufgeben mußte. Die Briten verkauften an die Texas Pacific Group und die Credit Suisse First Boston. Erneut wurde der Löwenanteil über Kredite finanziert und erneut durfte Grohe wieder einen Junkbond auflegen, obwohl die Eigenkapitalquote bereits 2003 in den einstelligen Bereich gesunken war (siehe auch Junk Bonds-Boom erhöht Risiken).

          Der neu installierte Vorstandschef David Haines habe daraufhin zu einem radikalen Restrukturierungsprogramm gegriffen und den Mitarbeitern die Schuld an der schwachen Ertragslage gegeben.

          Ausgequetscht wie eine Celanese

          Der Fall Grohe ist für die SdK ein Heuschrecken-Muster: Das Interesse der Investoren war nur kurzfristig, einziges Ziel der gewinnbringende Wiederverkauf, das finanzielle Risiko wird auf das Unternehmen angewälzt und die Leidtragenden sind am Ende die Mitarbeiter, weil die Investoren mit radikalen Restrukturierungsprogrammen ihre Renditeziele zu erreichen versuchen. Schuld daran sei die rot-grüne Regierung aber selbst gewesen, die mit der steuerlichen Freistellung von Veräußerungsgewinnen beim Verkauf von Unternehmensanteilen erst die nötigen Voraussetzungen geschaffen habe, um Deutschland so stark in den Blickpunkt der Private-Equity-Investoren zu rücken.

          Kaum anders beschreibt die SdK den Fall Celanese. Erst habe sich Blackstone die Kontrolle erkämpft. Dann mußte Celanese ihr Herzstück, das Amerika-Geschäft bilanziell radikal abwerten und zum Spottpreis an eine Blackstone-Gesellschaft verkaufen. Die neue Gesellschaft übernahm dann auch die Kontrolle über die europäischen Aktivitäten, dann stieß Blackstone über die Börse einen Großteil der Aktien ab - nicht ohne vorher Blackstone über eine durch Anleihen finanzierte Ausschüttung 500 Millionen Dollar aus Celanese herausgezogen zu haben und einen mit 100 Millionen Dollar honorierten Beratungsvertrag mit Celanese abgeschlossen zu haben. Fazit der SdK: „Auch auf diese Weise kann man ein Unternehmen offensichtlich ausquetschen.“

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