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Schwankungsindikator Vix : Angstindex besitzt beachtliche Prognosekraft

Wegen des Auf und Ab der Aktienkurse meiden viele Anleger Aktienmärkte wie hier im Bild die New Yorker Börse Bild: AP

Der Vix misst erwartete Schwankungen von Aktienkursen. Er eignet sich für Spekulationen wie für Absicherungsgeschäfte. Ökonomen nutzen ihn auch für Analysen von Risiken für das gesamte Finanzsystem.

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          Viele Teilnehmer an den internationalen Finanzmärkten schauen auf den Vix, um mit einem Blick eine Vorstellung von der Stimmungslage an den Märkten zu erhalten. Eine Vielzahl von Finanzprodukten auf diesen Index - darunter Optionen, Terminkontrakte und Fonds - erlaubt Anlegern und Händlern Spekulations- wie Absicherungsgeschäfte. Gegenwärtig zeigt der Vix eine Entspannung an den Märkten an - er befindet sich in der Nähe eines mehrjährigen Tiefs. Wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre belegen, kann sich dies aber schnell ändern.

          Der Vix misst die von den Finanzmarktteilnehmern erwartete Schwankungsbreite des Aktienindex von Standard & Poor’s für 500 amerikanische Werte (S&P-500) in den kommenden 30 Tagen. Sein vollständiger Name heißt CBOE Volatility Index; berechnet wird er von der großen Chicagoer Terminbörse CBOE. Eingeführt wurde der Vix im Jahre 1993. Berechnet wird er auf der Grundlage von Optionspreisen auf den S&P-500; die zugrunde liegenden Optionen werden überwiegend von Großanlegern zur Absicherung von Aktienbeständen genutzt. Das umsatzstärkste Produkt auf den Vix ist ein in Chicago gehandelter Terminkontrakt. Inwieweit der Vix sich für Prognosen der künftigen Aktienmarktentwicklung eignet, ist umstritten. In Tests hat er sich als oft recht brauchbar, aber keineswegs immer als zuverlässig erwiesen.

          Volatilität als Anlageklasse für Großanleger

          Der Vix wird auch als „Angstindex“ bezeichnet, weil hohe Werte, also eine erwartete hohe Schwankungsbreite der amerikanischen Aktienkurse, auf Verunsicherung unter den Marktteilnehmer schließen lässt, während ein niedriger Indexstand auf Entspannung deutet. Weil der amerikanische Aktienmarkt einer der wichtigsten Finanzmärkte der Welt ist, wird der Vix häufig auch als Stimmungsindikator für die internationalen Finanzmärkte verstanden und damit als Indikator für bevorstehende Preisänderungen auch an anderen Märkten als dem amerikanischen Aktienmarkt verstanden.

          „Angst-Index“ und Kreditvergabe

          In den vergangenen Jahren haben viele Banken und Vermögensverwalter, von den Vereinigten Staaten ausgehend, die Schwankungsbreite von Kursen (Volatilität) als eine eigenständige Anlageklasse mit speziell hierfür geeigneten Finanzprodukten entdeckt. Geeignet ist die Volatilität als Anlageklasse am ehesten für Großanleger, die ihr Kapital über eine größere Zahl von Anlageklassen streuen wollen. Die Begründung der Volatilität als eigenständiger Anlageklasse beruht vor allem auf historischen Untersuchungen, die sie als eine brauchbare Ergänzung zu Aktien verstehen. Weit verbreitet ist diese neue Anlageklasse allerdings nicht.

          Indikator für Entwicklung grenzüberschreitender Finanzströme

          Im Zuge der im Jahre 2007 ausgebrochenen Finanzkrise ist daneben das Interesse von Ökonomen am Vix als Maßstab für den Zustand der Stabilität des gesamten Finanzsystems geworden. Hierzu gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Analysen. Tobias Adrian (Federal Reserve Bank of New York) und Hyun Song Shin (Princeton University) haben vor mehreren Jahren untersucht, ob Veränderungen in der Vergabe besicherter Kredite durch große amerikanische Banken und Wertpapierhäuser - und damit die Verschuldungsneigung dieser Finanzhäuser - ähnliche Schlussfolgerungen über die Stimmungslage in der Finanzwelt geben wie der Vix. Konkret haben sie für die jüngere Vergangenheit gezeigt, dass auf ein Wachstum der Bilanzsummen der Vix in der darauf folgenden Woche zu sinken neigte. Auf sinkende Bilanzsummen reagierte der Vix oft mit einem Anstieg.

          Mit Valentina Bruno (American University) hat Shin in jüngerer Zeit demonstriert, dass sich der Vix auch als Indikator für die Entwicklung grenzüberschreitender Finanzströme eignet. Das ist ein für die Analyse der internationalen Stabilität des Finanzsystems interessanter Befund, da Daten über internationale Kapitalbewegungen nur mit einiger Verzögerung erhoben werden können, der Vix aber börsentäglich berechnet wird und damit sehr viel schneller Daten liefert.

          Laxe Geldpolitik steigert Risikofreude

          Eine Grundlage dieses Zusammenhangs ist die erhebliche Bedeutung der amerikanischen Finanzmärkte als Quelle internationaler Kapitalbewegungen. Shin hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, wie vor der laufenden Krise nicht zuletzt große europäische Banken in den Vereinigten Staaten erhebliche Mittel aufgenommen hatten, um sie nach Europa und in Schwellenländer zu transferieren. Diese Kapitalströme haben vor allem in kleineren Schwellenländern Störungen Verwerfungen in lokalen Finanz- und Bankenmärkten erzeugt und im Falle Koreas zu vorübergehenden Beschränkungen des freien Kapitalverkehrs Anlass gegeben.

          Als eine Ursache des Bilanzsummenwachstums der Banken und der Ausweitung der grenzüberschreitenden Kreditvergabe wird eine expansive Geldpolitik vermutet. Ein Argument lautet, dass niedrige Zinsen die Banken verlocken, auf der Suche nach attraktiven Gewinnen ihr Geschäft auszuweiten und höhere Risiken einzugehen. Dies wirft die Frage auf, ob es statistische Zusammenhänge zwischen der Geldpolitik und dem Vix gibt.

          Die Ökonomen Geert Bekaert, Marie Hoeverova und Marco Lo Duca haben eine solche Analyse auf der Basis historischer Daten für die Geldpolitik der Fed und den Vix durchgeführt und sind zu interessanten Ergebnisse gelangt. So steigert eine laxe Geldpolitik die Risikofreude der Anleger, ablesbar an einem Rückgang des Vix. Dieser Effekt lässt sich sechs Monate nach der Lockerung der Geldpolitik gut beobachten und dauert rund zwei Jahre. Umgekehrt folgt auf eine hohe Verunsicherung der Anleger, ablesbar an einem hohen Vix, gewöhnlich eine Lockerung der Geldpolitik.

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