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Bankenbetrug : Scheinkonten erschüttern den Ruf von Wells Fargo

  • -Aktualisiert am

Links liegen gelassen: Wells-Fargo-Filiale in New York Bild: Bloomberg

Die amerikanische Bank Wells Fargo hat mit vorgetäuschten Konten Millionen Kunden geschädigt. Der Ruf des traditionsreichen Geldhauses ist stark angeschlagen. Ein wichtiger Aktionär ist darüber ziemlich verärgert.

          Der Skandal um Scheinkonten bei der amerikanischen Großbank Wells Fargo schlägt immer größere Wellen. Am Anfang der Woche kündigte der Kämmerer des Bundesstaates Illinois an, Investmentgeschäfte mit Wells Fargo für mindestens ein Jahr auszusetzen. „Wells Fargo spielt als Finanzinstitut eine große Rolle in Illinois und ich hoffe, die Botschaft zu senden, dass diese skrupellosen Praktiken nicht willkommen sind und nicht toleriert werden“, sagte Kämmerer Michael Frerichs auf einer Pressekonferenz. Wells Fargo drohe ein Verlust von Gebühreneinnahmen von „Millionen von Dollar“. Illinois werde auch alle anderen Geschäfte mit Wells Fargo überprüfen. Ein Sprecher der Bank spielte die Summe herunter. Die verlorenen Einnahmen aus Geschäftsbeziehungen mit Illinois beliefen sich nur auf „etwa 50.000 Dollar im Jahr“. Wells Fargo scheint damit möglicherweise aber zum wiederholten Mal die Auswirkungen derart negativer Schlagzeilen auf den Ruf der Bank zu unterschätzen. Zudem könnte es zu einer Art Dominoeffekt kommen. Illinois ist bereits der zweite Bundesstaat nach Kalifornien, der auf diese Weise auf den Skandal reagiert. Wells Fargo hat ihren Hauptsitz in der nordkalifornischen Stadt San Francisco.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Wells Fargo hatte vor knapp einem Monat in einem Vergleich mit mehreren Aufsichtsbehörden einer Strafe von 185 Millionen Dollar zugestimmt, weil Angestellte in den vergangenen Jahren rund 2 Millionen fiktive und gebührenpflichtige Konten für Kunden der Bank eröffnet hatten. Mitarbeiter standen unter hohem Druck, ambitionierte Vertriebsziele zu erreichen. Die stark im Privatkundengeschäft verankerte Wells Fargo hatte sich in den vergangenen Jahren darauf konzentriert, Privatkunden zusätzliche Produkte wie Autokredite oder Kreditkarten anzubieten. Obwohl die Geldbuße vergleichsweise niedrig ausgefallen ist, gab der Aktienkurs im vergangenen Monat um mehr als 13 Prozent nach, mehr als viermal so stark wie das Branchenbarometer großer amerikanischer Kreditinstitute.

          John Stumpf, der Vorstandsvorsitzende von Wells Fargo, wurde wegen des Skandals sowohl vor den Bankenausschuss des Senats als auch vor den Finanzdienstleisterausschuss des Repräsentantenhauses zitiert. Einen souveränen Eindruck machte Stumpf dabei nicht. Er entschuldigte sich vor den Senatoren zwar dafür, die „unakzeptable Aktivität“ nicht früher gestoppt zu haben. Aber er betonte auch, dass es sich nicht um „orchestrierte Machenschaften“ gehandelt habe. Es habe keine Anweisungen an Mitarbeiter gegeben, Kunden zusätzliche Produkte aufzudrängen. Solche Anhörungen haben oft den Charakter von Schauprozessen, weil es den Politikern oft darum geht, vor der eigenen Klientel durchsetzungsstark zu wirken. Stumpf machte sich aber angreifbar, weil er Fragen nach der Rückzahlung von Boni auswich und in den Verantwortungsbereich des Aufsichtsrats schob. Zudem hatte sich die Bank während der internen Aufarbeitung des Skandals von mehr als 5000 einfachen Mitarbeitern getrennt, Spitzenmanager aber geschont. Ins Visier geriet die für die Privatkundensparte und die aggressiven Vertriebsmethoden verantwortliche Wells-Fargo-Managerin Carrie Tolstedt, die direkt an Stumpf berichtete und zu ihrem zunächst für das Ende des Jahres geplanten Abschied rund 124 Millionen Dollar erhalten sollte.

          Gewissen der Wall Street

          Ein paar Tage nach der Anhörung vor dem Senatsausschuss und noch vor dem Auftritt im Repräsentantenhaus kündigte Wells Fargo dann eine Gehaltskürzung für Stumpf und Tolstedt an. Stumpf wird auf ein Aktienpaket im Wert von 41 Millionen Dollar verzichten und zudem keinen Bonus für das laufende Jahr erhalten. Tolstedt wird Aktien im Wert von 19 Millionen Dollar zurückgeben, ebenfalls keinen Bonus erhalten und die Bank sofort und nicht erst zum Jahresende verlassen.

          An der Wall Street wird nun über die Reaktion von Warren Buffett gerätselt, dessen Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway rund 10 Prozent der Anteile an Wells Fargo hält. Der Multimilliardär fungiert zudem als eine Art Gewissen der Wall Street und hat fragwürdige Geschäftspraktiken der Finanzbranche in der Vergangenheit wiederholt angeprangert. Auf der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway wird jedes Jahr ein kurzer Film aus dem Jahr 1991 von einem Auftritt Buffetts vor einem Kongressausschuss gezeigt. Buffett, der damals nach einem Finanzskandal bei der Investmentbank Salomon Brothers aufräumen sollte, schwor damals, „gnadenlos“ durchzugreifen, sollten Mitarbeiter den Ruf ihres Arbeitgebers aufs Spiel setzen. Buffett hatte in einem Interview mit dem Sender Fox zunächst mitgeteilt, erst im November einen Kommentar zu Wells Fargo abgeben zu wollen. Ende September schrieb der bekannte Investor Doug Kass, dass Buffett dem Aufsichtsrat von Wells Fargo seinen Ärger über den Skandal deutlich gemacht und auf eine „kulturelle Transformation“ gedrängt habe. Buffett dementierte den Bericht und sagte dem Wirtschaftssender CNBC, dass er nur mit John Stumpf gesprochen habe. In dem fünfminütigen Telefonat habe er dem Wells-Fargo-Chef gesagt, dass das Thema größer sei, als Stumpf zunächst zu glauben schien. Stumpf habe zugestimmt, dass er das Ausmaß des Problems anfänglich unterschätzt habe. Einen Kommentar zu einem möglichen Kauf- oder Verkaufsinteresse von Wells-Fargo-Aktien gab Buffett nicht ab. Aber die Beziehungen zwischen Berkshire und einer anderen amerikanischen Großbank werden enger. Todd Combs, einer der designierten Nachfolger Buffetts als Chefanleger von Berkshire, erhält einen Sitz im Aufsichtsrat von J.P. Morgan Chase.

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