https://www.faz.net/-gv6-qbom

SAP-Aktie : Apothekers Abgang bringt Kurs unter Druck

Apotheker sagt Adieu bei SAP Bild: picture alliance / dpa

Der letztlich überraschende Abgang von Vorstandschef Léo Apotheker bringt am Montag den Kurs der SAP-Aktie unter Druck. Zwar gab es über eine Zurückstufung zuvor Gerüchte, doch die offenbar anhaltenden Querelen werfen kein gutes Licht auf die Zukunft.

          Wer dachte, dass Europas größter Softwarehersteller SAP nach der jüngsten Geschäftszahlenvorlage in ruhigerem Fahrwasser wieder Fahrt aufnehmen würde, sieht sich an diesem Montag getäuscht - oder zumindest verwirrt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach mehrfachen Vorstandswechseln in kurzer Folge wird die Chefetage abermals radikal umgebaut: Léo Apotheker, erst seit sieben Monaten alleiniger SAP-Chef, hat sein Vorstandsmandat mit sofortiger Wirkung niedergelegt.

          Alles andere als „einvernehmlich“

          Und die Umstände des Rücktritts zeigen, dass es alles andere als friedlich und einvernehmlich in Walldorf zugeht. In der Mitteilung hieß es, der Aufsichtsrat habe sich mit Apotheker einvernehmlich darauf verständigt, dessen Vertrag als Vorstandsmitglied nicht zu verlängern. Daraufhin habe Apotheker sein Vorstandsmandat mit sofortiger Wirkung niedergelegt - was die Formulierung von der „Einvernehmlichkeit“ letztlich Lügen straft.

          Die nun wieder etablierte Doppelspitze, bestehend aus den Vorständen für Vertrieb und Produktentwicklung, Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe, soll laut Plattner die Produktinnovationen näher mit den Kundenanforderungen zusammenbringen. Dies kann man als Hinweis auf die Differenzen mit Apotheker verstehen, die es gegeben haben muss.

          Erst Mitte Januar hatte SAP nach monatelangem, teilweise erbittert geführten Streit mit den Kunden über höhere Preise für die Software-Wartung überraschend eingelenkt und den Nutzern ein Wahlrecht zwischen Standard- und der umfassenderen, aber auch teuren sogenannten Enterprise-Wartung eingeräumt und dies mit der „immer noch schwierigen Finanzsituation vieler Unternehmen“ begründet. Zudem beließ das Unternehmen die Preise für die Software-Wartung für das laufende Jahr auf dem Niveau von 2009.

          Innere und äußere Kämpfe

          Apotheker, dem diese Auseinandersetzung angelastet wurde, gab sich bei diesem Thema auch eher wortkarg. In der anlässlich der überraschend vorgelegten Geschäftszahlen für 2009 seinerzeit kurzfristig einberufenen Telefonkonferenz ließ er sich nicht über finanzielle Folgen aus, sondern beschränkte sich darauf, den Schritt als deutliches Signal zu bezeichnen, wie wichtig SAP die Zufriedenheit seiner Kunden sei.

          Wartung und Aktualisierung von Software ist für Häuser wie SAP ein lukratives Geschäft und sichert über mehrere Jahre weitgehend stabile Einnahmen, während der Software-Verkauf stärkeren Schwankungen unterliegt. Die steigende Bedeutung der Wartung wird nicht zuletzt von den vorläufigen Jahreszahlen unterstrichen. Das Geschäft mit neuen Lizenzen brach dabei um 28 Prozent ein, der Gesamtumsatz aber lediglich um 9 Prozent.

          Die starke Rolle, die Mitgründer Plattner „auf Wunsch des Aufsichtsrats“ - dem Plattner vorsteht - weiter spielen soll, indem er die neue Führung in Fragen der Technik und der Produktentwicklung berät, deutet so etwas wie eine Spaltung zwischen Erneuerern und Konservativen an, wobei über die Details der Differenzen nur spekuliert werden kann.

          Wohin steuert SAP?

          Eines davon könnte der Wandel sein, in dem sich die Branche derzeit befindet und den SAP bislang nicht mit gemacht hat: Konkurrenten wie Oracle und Microsoft beschreiten den Weg zu integrierten Soft- und Hardwareanbietern, IBM hat seit je alles in eigener Hand.

          Dagegen setzte SAP vor allem auf Innovation, wofür Hagemann Snabe steht, der in Interviews stets betont, dass die Innovationskraft ungebrochen sei, derweil Apotheker spätestens nach den jüngsten Sparmaßnahmen und der Wartungsdebatte, ob zu recht oder Unrecht, für Rendite vor Innovation stand.

          Anzeichen für den Wechsel gab es. So wurde Hagemann-Snabes Rolle erst kürzlich gestärkt und immer wieder Gerüchte kolportiert, der Däne werde Apotheker in einer neuen Doppelspitze zur Seite gestellt werden, so auch als dieser nicht selbst vor wichtigen Entscheidern in Boston die neue Firmenstrategie vorstellte, nicht einmal anwesend war.

          Der Rücktritt von Konzernchef Leo Apotheker wird die SAP-Aktien wohl belasten. „Das wird Verunsicherung schüren“, sagt ein Händler. „Apotheker hatte erfolgreich die Margen erhöht und Kosten eingespart.“ Der Konzern sah sich nach den jüngsten Verlautbarungen wieder auf Wachstumskurs, rechnete mit Erlössteigerungen.

          Plattners Rolle

          Das Fatale für den Aktienkurs ist, dass offenkundig die Nachfolge- und Strategiequerelen nach dem Ausscheiden der Gründergeneration bei SAP anhalten. Befürchtungen, dass SAP durch innere Zerstrittenheit die Zukunft verspielt, könnten gerade nach dem schwachen Jahr 2009 neue Nahrung erhalten. Plattners starke Rolle kann sowohl als „Hineinregieren“ verstanden werden als auch als wertvoller Beitrag eines Gründers, das Unternehmen auf Kurs zu halten - eine Ansicht die populär ist, wie etwa bei Apple, Yahoo oder Dell, aber nicht in jedem Fall zum Erfolg führt.

          Fundamental ist die Aktie mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 16,6 für das laufende und knapp 15 für das kommende Jahr bewertet. Das ist historisch nicht viel, entspricht aber angesichts der nicht mehr ganz so rosigen Perspektiven immer noch optimistisch. In der vergangenen Woche hat sich der Aktienkurs vergleichsweise gut gehalten und seit Donnerstag nur rund 3 Prozent nachgegeben. Am Montagmorgen fällt der Aktienkurs gegen den Markttrend, wenngleich nur leicht.

          Je nach Verlauf der für den Nachmittag angekündigten Telefonkonferenz, bei der neben Details zum Abgang von Apotheker auch Aussagen zur Strategie der neuen Doppelspitze erwartete werden, könnten sich die Abgaben weiter vertiefen oder einengen. Im Zusammenwirken mit einem schwächeren Markt könnte die Notierung dann schon bald die Marke von 31 Euro testen.

          Weitere Themen

          Fondserträge richtig angeben

          Der Steuertipp : Fondserträge richtig angeben

          Ob in Private-Equity, Schiffsbeteiligungen oder Immobilien, geschlossene Fonds sind eine beliebte Investitionsmöglichkeit. Doch bei der Angabe der steuerlichen Erträge sollten Anleger aufpassen.

          Topmeldungen

          Kommt heute nach Berlin: Boris Johnson

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.

          Kindesmissbrauch : Kardinal Pell bleibt hinter Gittern

          Der ehemalige Finanzchef des Vatikans hat in den neunziger Jahren zwei Chorknaben in Melbourne missbraucht. Die Vorsitzende Richterin spricht von einem Prozess, der ihr Land gespalten habe

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.