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S&P-Warnung : Wall Street reagiert verhalten

  • -Aktualisiert am

Der negative Ausblick von S&P hat einige Händler in New York überrascht Bild: AFP

Analysten hoffen auf finanzpolitische Initiativen wegen der gefährdeten Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten. Einige große Investoren haben Staatsanleihen schon verkauft. Ein klarer Trend zeichnet sich jedoch nicht ab.

          Börsianer an der Wall Street haben nach einer ersten negativen Reflexreaktion mit gedämpfter Sorge auf die gefährdete amerikanische Kreditwürdigkeit reagiert. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hatte am Montag den Ausblick für die Bewertung der Bonität der größten Volkswirtschaft der Welt erstmals auf negativ gesenkt, die bisherige Bestnote aber beibehalten.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Agentur begründete ihre Entscheidung mit der Gefahr, dass sich die Politiker in Washington nicht vor den nächsten Kongresswahlen Ende 2012 auf einen Plan zum Abbau der hohen Staatsverschuldung einigen könnten. Die Aktienkurse an den amerikanischen Börsen gingen daraufhin stark zurück, erholten sich zum Handelsende aber wieder von zwischenzeitlich höheren Verlusten. Am Dienstag notierten die Kurse im frühen Handel an der New Yorker Börse freundlich. Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen fielen am Montag überwiegend leicht, obwohl eine schlechtere Bonität höhere Zinsen zur Folge haben würde. Am Dienstag stiegen die Renditen dann geringfügig. Amerikanische Staatsanleihen profitieren derzeit allerdings auch von ihrem Status als sicherer Hafen etwa für Anleger, die sich um die Refinanzierung europäischer Krisenländer sorgen. Der japanische Finanzminister Yoshihiko Noda bezeichnete amerikanische Staatsanleihen auf einer Pressekonferenz in Tokio als „attraktiv“. Analysten bezeichneten die Einschätzung von S&P vor allem als Warnsignal. „Das ist ein gigantischer Weckruf“, sagte Peter Boockvar, der die Aktienanlage beim Wertpapierhaus Miller Tabak verantwortet. „Die Leute hatten das nicht erwartet, obwohl wir alle wissen, dass unsere Schulden und Defizite eine wichtige Angelegenheit sind.“

          Investoren äußerten zudem die Hoffnung, dass die Warnung in Washington endlich Ernst genommen wird. „Das könnte der Anstoß sein, den der Kongress braucht, um Ernst zu machen“, glaubt James Cox, Manager beim Vermögensverwalter Harris Financial Group. Die Schuldenkrise könnte nun in der breiten Bevölkerung wegen der schlagzeilenträchtigen Warnung von S&P zum Wahlkampfthema werden. „Das hat die Debatte über eine Reduzierung des Haushaltsdefizits in den Mittelpunkt gerückt. Das steht jetzt auf der Titelseiten von Otto Normalverbraucher“, kommentierte Paul Nolte, geschäftsführender Direktor des Vermögensverwalters Dearborn Partners.

          Fallende Preise für Anleihen resultieren in steigenden Renditen

          Analysten der Citigroup fürchten allerdings zunächst keine starken Folgen für die Finanzmärkte wegen der negativeren Bewertung durch S&P. „Weil das eine langfristige Einschätzung ist, rechnen wir nur mit geringen kurzfristigen Auswirkungen. Der negative Trend der amerikanischen Schulden und Defizite ist weithin bekannt“, hieß es in einem Marktkommentar.

          Große Investoren haben sich daher schon in den vergangenen Monaten in Stellung gebracht. Der Anlageausschuss der zum Münchner Versicherungskonzern Allianz gehörenden kalifornischen Rentenfondsgesellschaft Pimco war Anfang des Jahres zur Ansicht gekommen, dass nervöse Marktteilnehmer wegen des Schuldenberges der Vereinigten Staaten massiv Anleihen verkaufen werden, sobald das Thema stärker in den Medien vorkommen wird. Fallende Preise für Anleihen resultieren in steigenden Renditen. Bill Gross, der Manager des Pimco Total Return Fonds, hatte sich im Februar von allen verbliebenen amerikanischen Staatsanleihen im Portfolio getrennt. Das entsprach rund 12 Prozent des gesamten Anlagevolumens.

          Gross reagierte damit auch auf das erwartete Ende staatlicher Stützungsprogramme. Ein laufendes Kaufprogramm für Staatsanleihen der Notenbank Fed, mit dem sie die Zinsen niedrig halten will, läuft im Juni aus. Gross hält die Preise für Anleihen wegen der Kaufprogramme für künstlich überhöht. Er schätzt, dass die Renditen ohne den Eingriff der Fed um bis zu 1,5 Prozent höher liegen würden. Pimco hat daher jüngst nachgelegt und wettet mittlerweile mit Leerverkäufen von Staatsanleihen auf fallende Kurse. Mohamed El-Erian, der zusammen mit Gross die Anlagestrategie bei Pimco verantwortet, betonte nach dem negativen Ausblick von S&P abermals die Notwendigkeit einer politischen Lösung in Washington. „Ohne glaubwürdige mittelfristige finanzpolitische Reform, müsste sich jeder Bereich der amerikanischen Gesellschaft auf höhere Kreditkosten, einen schwächeren Dollar und einen weniger hellen Ausblick für Beschäftigung, Geldanlagen und Wachstum einstellen“, sagte El-Erian.

          Die Einschätzung von Pimco ist an der Wall Street allerdings kein Konsens. Andere große Investoren wie die Fondsgesellschaft Blackrock haben Staatsanleihen zuletzt bei nachgebenden Preisen gekauft.

          Analysten hoffen auf finanzpolitische Initiativen wegen der gefährdeten Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten.
          Einige große Investoren haben Staatsanleihen schon verkauft.

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