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Talsohle erreicht : Durchatmen an Russlands Börse

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Ein schwacher Rubel kann für russische Unternehmen ein Vorteil sein: zum Beispiel für die Bergbau- und Metallbranche. Bild: Picture-Alliance

Der Aktienmarkt in Russland findet seinen Boden. Viele Unternehmen sind günstig bewertet und zahlen Dividende. Doch die Risiken bleiben hoch - für manche Branchen sind die derzeitigen Aussichten eher mau.

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          Es kann nicht immer nur bergab gehen. Mit dem Wahrheitsgehalt dieser Börsen- und Binsenweisheit trösten sich derzeit die Investoren am russischen Aktienmarkt – zumindest jene, die im vergangenen Jahr nicht das Weite gesucht haben und ausgestiegen sind. Der Ukraine-Konflikt, die westlichen Sanktionen und die russische Wirtschaftsschwäche verlangten damals von den Anlegern starke Nerven. Inzwischen präsentiert sich die Lage an der Moskauer Börse freundlicher. Der Leitindex RTS hat seit Jahresbeginn 11 Prozent gewonnen, der Micex-Index legte um 18 Prozent zu. Auch wenn sich beide Barometer größtenteils auf Papiere derselben Konzerne beziehen, nämlich Russlands 50 wichtigste Unternehmen, liegen die Preisindizes dennoch spürbar auseinander: Der RTS bildet in Dollar notierte Aktien ab. Der Dollar war und ist für das Schwellenland eine wichtigere Referenzwährung, für ausländische Investoren bezieht der RTS gewissermaßen das Währungsrisiko mit ein. Der Micex hingegen basiert auf Rubel-Aktien.

          Ende des vergangenen Jahres schien es, als kenne der Fall des Rubels kein Halten. Fast die Hälfte hat die russische Währung 2014 zum Dollar an Wert eingebüßt. Der Aktienindex RTS verlor im vergangenen Jahr rund 45 Prozent, der Micex hingegen gab nach einer Achterbahnfahrt nur 7 Prozent nach. Doch dann schaffte der Markt die Wende, denn das Frühjahr brachte zwei hilfreiche Trends: Zunächst eine Gegenbewegung beim Rubel, der sich zum Dollar erholte und von dem fundamental nicht begründeten Tief zurückglitt. Ein Dollar ist derzeit 59 Rubel wert, auf dem Höhepunkt der Krise waren es knapp 80 Rubel. Außerdem hat sich auch der Erdölpreis stabilisiert. Das Schwellenland zählt zu den größten Ölproduzenten der Erde. Ein Fass der Nordseesorte Brent steht bei 54 Dollar. Anfang Mai erreichte es knapp 70 Dollar – zu jener Zeit zeigten sich auch Rubel und der RTS-Aktienindex am stärksten.

          Schwacher Rubel kann für russische Unternehmen von Vorteil sein

          Seit Mitte Mai allerdings ist der Erdölpreis wieder auf dem Rückzug. Das hat auch die Dollar-Aktien aus dem Öl- und Gassektor, etwa der staatlich kontrollierten Konzerne Rosneft und Gasprom, zurückfallen lassen. Seit Jahresbeginn liegt Gasprom nun knapp im Minus, Rosneft noch 6 Prozent im Plus. Laut Analysten der Sberbank werden die Aktien aus der russischen Ölbranche, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, mit fast rekordhohen Abschlägen zu ihren internationalen Konkurrenten gehandelt. Die Dividendenrenditen, auch in anderen Branchen, seien im Vergleich mit anderen Schwellenländern außergewöhnlich hoch.

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          Ein schwacher Rubel kann für russische Unternehmen ein Vorteil sein, wenn sie viel exportieren und Dollar einnehmen, während ihre Kosten in Rubel anfallen. Das ist exemplarisch für die Bergbau- und Metallbranche der Fall. Allerdings konnten Konzerne wie der Aluminiumhersteller UC Rusal oder der Stahlhersteller Evraz nicht wirklich profitieren, weil sich viele Rohstoff- und Basismetallpreise aufgrund der Wachstumsschwäche in China nicht erholt haben. In Dollar notierte Aktien von Rusal haben seit Januar 25 Prozent verloren, jene von Evraz 33 Prozent. Hier zeigen Dividenden ihre stabilisierende Wirkung: Aktien des weltgrößten Nickelproduzenten Norilsk, bekannt für seine verlässlichen Ausschüttungen, gewannen 8 Prozent.

          Während die Aussichten für den russischen Bausektor und damit auch für Immobilienaktien in der derzeitigen Rezession eher mau sind, sieht es im Konsumsektor etwas besser aus. Zwar setzen eine seit der Jahrhundertwende nicht gesehene Inflation, fallende Reallöhne und sinkende Einzelhandelsumsätze den Anbietern zu. In dem einstigen Boom-Markt sind die Russen wesentlich preisbewusster geworden. Doch das birgt Chancen für große Anbieter, die günstig einkaufen und verkaufen, sich Marktanteile zu erobern – wenn sie schnell expandieren und dabei einen ruinösen Preiswettbewerb vermeiden können. Hier trennt sich Spreu von Weizen: Die Dollar-Aktien der großen Einzelhandelskette O’Key, die aggressiv mit Preisnachlässen um Kunden wirbt, liegen seit Januar 43 Prozent im Minus. Jene der Wettbewerber Magnit und X5 stiegen um 18 und sogar 50 um Prozent.

          Inflation steigt meist, wenn der Ölpreis fällt

          Ihren Höhepunkt hat die Teuerung inzwischen wohl überschritten, aber im Juni betrug sie immer noch 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Das schmälert auch die reale Rendite russischer Investoren am Finanzmarkt. Dieses Problem hat nun das Finanzministerium veranlasst, neue Wege zu gehen. Es hat Mitte Juli eine auf Rubel lautende Staatsobligation verkauft, deren Zinszahlung an die Inflationsentwicklung gekoppelt ist. Diese im Fachjargon auch „Linker“ genannten Papiere sind eine Premiere für Russland.

          Von der ersten Anleihe mit einer Laufzeit bis 2023 hat Moskau zunächst 75 Milliarden Rubel (1,1 Milliarden Euro) in den Markt gegeben und zog dafür Gebote von rund 300 Milliarden Rubel an. Das Papier besitzt einen Basiszins von 2,5 Prozent, der zu jedem Fälligkeitstermin um die Änderung des Konsumentenpreisindexes aufgestockt wird. Der Aufbau orientiert sich an jenem amerikanischer Treasury Inflation-Protected Securities (TIPS). Als primäre Zielgruppe haben Analysten der Bank VTB russische Pensionsfonds ausgemacht. Die hielten sich bislang am Markt zurück, weil die klassischen Papiere zu wenig reale Rendite brachten. Ferner könnten die neuen Obligationen für ausländische Investoren interessant sein, besonders wenn sie in internationale Indizes aufgenommen werden. Da die russische Inflation meist steigt, wenn der Ölpreis und in der Folge der Rubelkurs fallen, kann der Linker als Absicherung gegen eine Schwäche von Erdöl und Rubel gesehen werden. Allerdings müssten für nichtrussische Anleger Liquidität und Emissionskonditionen attraktiv sein, so die VTB.

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