https://www.faz.net/-gv6-6lk05

Risikoscheu : Franzosen meiden Aktien

Bild: F.A.Z.

Eine Umfrage im Auftrag der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und der Postbank zeigt: Die Abneigung der Franzosen gegen Aktien ist so groß, wie lange nicht mehr. Dabei gelten die Perspektiven für 2011 als gut.

          3 Min.

          Die Franzosen waren nie große Freunde der Aktien. Mittlerweile ist die Abneigung aber so groß wie lange nicht mehr. Nach einer Umfrage im Auftrag der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und der Postbank bezeichnen sich nur vier Prozent der Umfrageteilnehmer als „bereit zum Aktienkauf“. Dagegen halten 73 Prozent das Sparbuch für die bessere Anlage. Seit diese Befragung vor sechs Jahren erstmals vorgenommen wurde, war der Anteil der Risikoscheuen noch nie so hoch. Auch die traditionell beliebten Lebensversicherungen, ebenfalls steuerlich begünstigt, finden zu 54 Prozent noch die Zuneigung der Franzosen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Dabei gelten die Perspektiven am französischen Aktienmarkt als gut. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter rund dreißig Analysten und Fondsmanagern rechnen diese im kommenden Jahr durchschnittlich mit einem Anstieg des französischen Leitindex CAC 40 um rund zehn Prozent. Von derzeit 3850 Punkten stiege der französische Leitindex damit auf mehr als 4200 Punkte. Immer wieder jedoch tappen die Analysten gerne in die Dezemberfalle. Wenn sich die Kurse zum Jahresende erholen, schreiben sie das für das ganze nächste Jahr fort. Im Dezember 2009 beispielsweise legte der CAC 40 250 Punkte zu, um dann im Januar 2010 300 Punkte zu verlieren. Insgesamt erwies sich auch das weitere Jahr 2010 dann als enttäuschend, denn der CAC 40 stagnierte. Nur kurzzeitig im Januar und zwischen Ende März und Anfang April lag der Index bei mehr als 4000 Punkten. Derzeit liegt er etwa 100 Punkte niedriger als zu Jahresbeginn. Wie aus einer anderen Zeit wirken die Höchststände von mehr als 6000 Punkten: Sie wurden im Frühsommer 2007 erreicht, im Frühjahr 2000 erreichte der CAC 40 sogar fast 7000 Punkte.

          Wachstum in den Schwellenländer

          Jetzt aber ist Ernüchterung angesagt. Dass die Anleger aus Staatsanleihen fliehen und zum Schutz vor Inflation die Aktienmärkte aufsuchen, erwartet kaum ein Beobachter. „Die Fortsetzung der Krise im Euroraum erlaubt zunächst keine deutliche Höherbewertung der Aktienmärkte. Der Abschlag gegenüber den stärker tugendhaften Volkswirtschaften wie Deutschland und Skandinavien dürfte in den kommenden Monaten fortbestehen“, schreiben die Analysten von Edmond de Rothschild Asset Management.

          Nur wenige sind so optimistisch wie die Société Générale. Sie rechnet mit einem CAC 40 von 4300 Punkten Mitte des kommenden Jahres und von 4700 Punkten Ende 2011. Solide Unternehmensgewinne, getragen vom Wachstum in den Schwellenländer seien die Grundlage dafür. In einem Musterportfolio gewichtet die Société Générale Aktien aus dem Euroraum mit 47,5 Prozent. Titel aus Frankreich haben dabei mit rund einem Drittel den höchsten Anteil, gefolgt von Deutschland. Besonders überzeugt ist die französische Bank jedoch von Aktien aus Großbritannien; ihnen traut sie, getragen von einem schwächeren Pfund, durchschnittlich einen höheren Gewinn je Aktie zu als den Werten aus dem Euroraum. „Die Geschichte zeigt, dass Aktien nach dem Platzen von Immobilienblasen zurückkommen, wenn die Wirtschaft keine Rezession erleidet“, meint die Société Générale. Unternehmen aus dem Metall- und Bergbausektor hätten besonders gute Chancen. Auch die Ölindustrie sowie die Hersteller von Kapitalgütern wie der Maschinenbau und die Elektroindustrie seien gut positioniert.

          Die Verlierer des Jahres

          Bei der Bewertung von einzelnen Aktien rät die Bank zu Unternehmen mit Preissetzungsmacht, also jenen mit hohen Marktanteilen. Auch mehr Phantasie für Fusionen und Übernahmen wird wieder erwartet. Ein französischer Ideal-Kandidat für solche Kriterien sei Vinci, der Baukonzern, der auch Autobahnen sowie Parkhäuser verwaltet. Er ist der einzige französische Wert auf der 15 Aktien umfassenden Topliste der Société Générale. Einen Kursanstieg von derzeit 40 auf 50 Euro halten die Analysten für möglich.

          Ob die Luxushersteller ihre Dynamik des zurückliegenden Jahres aufrecht erhalten, weckt dagegen zunehmend Zweifel. Sie profitieren zwar weiterhin vom starken Wachstum in China und anderen Schwellenländern, doch die Aktien sind sehr teuer geworden. Die LVMH-Aktie ist mit einem Plus von fast 60 Prozent seit Jahresbeginn der Spitzenreiter im CAC 40. Der Konzern ist mit einem Marktwert von 61 Milliarden Euro jetzt schon der viertschwerste Wert im französischen Leitindex hinter Total, Sanofi-Aventis und GDF Suez. Zweitbester Wert des Jahres war ebenfalls ein Konzern, der sich zunehmend auf Luxus ausrichtet: PPR setzt immer stärker auf seine Luxusmarken wie Gucci, Yves Saint Laurent oder Bottega Veneta sowie den hochwertigen Freizeitmarkt mit dem in Deutschland erworbenen Unternehmen Puma. Die Aktie stieg in diesem Jahr um gut 40 Prozent. Die Verlierer des Jahres dagegen kommen aus ganz unterschiedlichen Sektoren: Alstom, EDF, Axa und Crédit Agricole gaben seit Jahresbeginn jeweils mehr als 20 Prozent nach.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Britische Zeitungen am Tag nach dem Interview.

          Harry und Meghan : Rassismus bei den Royals?

          Eine familiäre Seifenoper hat sich in eine kleine Staatsaffäre verwandelt. Wenn sich sogar Boris Johnson äußern muss, wurde tatsächlich eine „Atombombe gezündet“.
          Die richtige Versicherungsform zu wählen, kann bares Geld wert sein.

          Krankenkassen : Soll ich mich gesetzlich oder privat versichern?

          Die Wahl der richtigen Krankenversicherung ist noch heikler als die Wahl des richtigen Partners. Aber man kann die künftigen Kosten überschlagen – und das Ergebnis fällt in unserer Beispielrechnung sogar eindeutig aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.