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Rettung in der Not : JP Morgan übernimmt Bear Stearns zum Spottpreis

  • Aktualisiert am

Die Liquiditätsprobleme waren zu groß geworden bei Bear Stearns Bild: dpa

Die Kreditkrise fordert in Amerika ihr erstes prominentes Opfer. Die Investmentbank Bear Stearns gibt auf. JP Morgan kauft ihre gebeutelte Konkurrentin für rund 240 Millionen Dollar und sichert sich außerdem noch über die amerikanische Notenbank gegen weitere Risiken ab.

          Die Krise an den weltweiten Finanzmärkten hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Unterstützt durch eine Risikoabschirmung der amerikanischen Notenbank Fed übernimmt die drittgrößte amerikanische Bank JP Morgan Chase für einen Spottpreis ihre schwer angeschlagene Konkurrentin Bear Stearns. Der Kauf soll über einen Aktientausch erfolgen, teilte JP Morgan Chase am Sonntagabend (Ortszeit) in New York mit. Die Verwaltungsräte beider Unternehmen hätten dem Vorschlag zugestimmt.

          Man sei bereit, Bear-Stearns-Anteile gegen 0,05473 eigene Aktien zu tauschen. Auf Basis des Schlusskurses vom vergangenen Freitag ergebe dies einen Preis von rund zwei Dollar pro Aktie - das sind 93 Prozent weniger als der Aktienkurs der Investmentbank vom vergangenen Freitag. Damit hat der Aktiendeal ein Volumen von rund 240 Millionen Dollar. Letzten Freitag war das Bear Stearns-Papier nach einem Kurseinbruch noch 30 Dollar wert. Vor gut einem Jahr stand es bei mehr als 170 Dollar.

          Die Gesamtkosten des Geschäfts bezifferte JP Morgan auf sechs Milliarden Dollar. Die vollständige Eingliederung von Bear Stearns werde aber einen Gewinnzuwachs von etwa einer Milliarde Dollar bringen. Die Aktionäre müssen dem Kauf noch zustimmen. Die Nachricht von der Übernahme versetzte dem Dollar einen weiteren Schlag und schickte den Euro in der Nacht zum Montag auf ein neues Allzeithoch: Er notierte zeitweilig bei 1,5907 Dollar.

          Als Indiz für dramatische Lage an der Wall Street gewertet

          Bear Stearns war als bisher prominentestes Opfer der Finanzkrise in Not geraten. Am Freitag hatte die Bank die Finanzwelt mit der Nachricht geschockt, dass sie kurz vor dem Kollaps steht. Nur eine großzügige Finanzspritze der New Yorker Notenbank verhinderte vorerst den Zusammenbruch der fünftgrößten Investmentbank an der Wall Street. Bear-Stearns-Chef Alan Schwartz hatte einräumen müssen, dass seine Bank in der Liquiditätsklemme steckt. Zuvor hatte er derartige Probleme lange verleugnet, obwohl es immer wieder entsprechende Gerüchte gegeben hatte.

          Die Aktien von Bear Stearns brachen am Freitag um 45,88 Prozent auf 30,85 Dollar ein. Einen Rettungseinsatz wie diesen, bei dem die Notenbank einem einzelnen Geldinstitut unter die Arme greift, hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Beobachter werteten den Schritt als einen Beleg dafür, wie dramatisch die Lage an der Wall Street ist.

          „JP Morgan Chase steht hinter Bear Stearns“

          Jetzt übernimmt mit sofortiger Wirkung JP Morgan Chase die Handelsverpflichtungen von Bear Stearns und ihrer Tochtergesellschaften sowie die Aufsicht über sämtliche Operationen des Managements, wie es in der Mitteilung des Bankhauses heißt. Die Transaktion solle bis Ende des zweiten Quartals 2008 abgeschlossen sein. Die amerikanische Zentralbank Fed habe im Zusammenhang mit der Übernahme Sonderfinanzierungen zugesagt und zugestimmt, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zur Sicherung der Liquidität zu stützen. Ein Zusammenbruch von Bear Stearns hätte die Angst an den Finanzmärkten weiter verstärkt, was die Regierung unbedingt verhindern wollte.

          „JP Morgan Chase steht hinter Bear Stearns“, sagte JP Morgan-Chef Jamie Dimon. „Bear-Stearns-Kunden und Vertragspartner sollten sich sicher fühlen, dass JP Morgan für Bear Stearns Vertragsrisiken garantiert. Wir heißen ihre Kunden, Vertragspartner und Angestellten in unserer Firma willkommen, und wir sind froh, ihr Partner zu sein.“ JP Morgan beschäftigt rund 180.000 Menschen.

          Einstieg der chinesischen Citic Securities droht zu platzen

          Darüber hinaus war am Sonntag bekannt geworden, dass ein erst im vergangenen Jahr vereinbarter milliardenschwerer Einstieg des größten chinesischen Brokerhauses Citic Securities bei Bear Stearns zu platzen droht. Das Unternehmen könne ein Zustandekommen des Geschäfts „nicht garantieren“, teilte Citic in Peking mit. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse wollten die Chinesen die geplante Allianz nochmals komplett auf den Prüfstand stellen. Bisher sei kein „formelles Abkommen“ unterzeichnet worden und auch noch kein Geld geflossen. Über zentrale Punkte der Vereinbarung sei bisher keine Einigung erzielt worden.

          Der chinesische Broker, der zur staatlichen China International Trust & Investment Corp. gehört, hatte im Herbst seinen Einstieg mit sechs Prozent bei Bear Stearns für eine Milliarde Dollar angekündigt. Im Gegenzug wollte sich Bear Stearns für ebenfalls eine Milliarde Dollar mit zwei Prozent an dem Geschäft der Chinesen beteiligen. Daneben wollte sich Citic die Möglichkeit sichern, seinen Anteil an Bear Stearns auf knapp zehn Prozent zu erhöhen.

          Weitere Investmentbanken legen diese Woche Zahlen vor

          Offensichtlich wurde die Krise bei Bear Stearns erstmals im vergangenen Sommer, als zwei Hedge-Fonds der Bank im Zusammenhang mit dem Kollaps am amerikanischen Hypothekenmarkt zusammenbrachen. Für das vierte Quartal musste die Bank erstmals in ihrer Geschichte einen Verlust ausweisen. Wegen fauler Kreditpapiere bereinigte Bear Stearns schließlich im gesamten Geschäftsjahr 2007 (30. November) Wertverluste von 1,9 Milliarden Dollar. Der Gewinn brach auf 233 Millionen Dollar ein, nach 2,1 Milliarden Dollar im Vorjahr. Bei Bear Stearns sind derzeit 14.153 Mitarbeiter beschäftigt.

          In dieser Woche werden auch noch die Investmentbanken Goldman Sachs, Lehman Brothers und Morgan Stanley Zahlen vorlegen. Beobachter fürchten sich vor weiteren schlechten Nachrichten. An den Börsen ging es für Finanzwerte nach der Übernahmeankündigung von Bear Stearns durch JP Morgan schon jetzt bergab. Die Aktien der Hypo Real Estate verloren 8,21 Prozent auf 13,64 Euro; Commerzbank-Papiere verbilligten sich um 5,04 Prozent auf 17,13 Euro.

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