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Reaktionen auf Fed-Ankündigung : Der deutsche Finanzmarkt ist positiv gestimmt

Erlebt turbulente Zeiten: Die Frankfurter Börse Bild: dpa

Trotz des Rückschlags an den Aktienmärkten glauben viele Analysten am deutschen Finanzmarkt an eine baldige Erholung. Die F.A.Z. hat die Meinungen der Strategen gesammelt.

          Nach der Ankündigung von Ben Bernanke, dem Chef der amerikanischen Notenbank Fed, im kommenden Jahr keine Staatsanleihen mehr aufkaufen zu wollen, erlebte der DAX den größten Wochenverlust seit einem Jahr. Im Gespräch mit der F.A.Z. zeigen sich die Analysten dennoch positiv gestimmt.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Uwe Streich, Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg

          Uwe Streich ist für den deutschen Aktienmarkt weiterhin positiv gestimmt. „Auf lange Sicht gibt es keine vernünftige Alternative zu Aktien“, sagt der Aktienstratege der LBBW. Die chinesischen Wirtschaftsdaten und die amerikanische Geldpolitik hätten die Märkte zwar enttäuscht und könnten auch zu einer längeren Verschnaufpause am Aktienmarkt führen. Es sei aber noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, um aus Aktien auszusteigen. „Je tiefer das absolute Zinsniveau, desto unattraktiver ist der Anleihemarkt, und das absolute Zinsniveau ist noch immer sehr niedrig“, sagt Streich. Konjunktursorgen seien zwar berechtigt, aber wenn sich die Weltkonjunktur schwach entwickeln sollte, bleibe auch die Politik billigen Geldes länger erhalten. „Dem Aktienmarkt bleibt daher auf jeden Fall ein Treiber erhalten, wobei die gesündere Welt diejenige mit einer guten Konjunktur und einer strafferen Geldpolitik wäre.“ Den deutschen Aktienmarkt hält Streich für besonders attraktiv. Den Dax sieht er Mitte 2014 auf 9000 Punkten. Der amerikanische Aktienmarkt sei derzeit im Vergleich unverhältnismäßig teuer. (dmoh.)

          Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Diba

          Ein Ausstieg der amerikanischen Notenbank aus der sehr lockeren Geldpolitik kann für die Aktienmärkte mittelfristig ein positives Signal sein. Der Chefvolkswirt der ING-Diba, Carsten Brzeski, hält die Kursverluste an den Finanzmärkten nach der Rede des Fed-Präsidenten Ben Bernanke für eine kurzfristige Reaktion. Jeder habe den Entzug irgendwann erwartet, nun zeichne er sich erstmals konkreter ab, was zunächst Ernüchterung auslöse. Aber einen Grund zur Panik sieht Brzeski nicht: „Die Fed wird sich aus der expansiven Geldpolitik nur dann zurückziehen, wenn die Konjunktur ausreichend stabil ist.“ Die amerikanische Wirtschaft fasse zunehmend Tritt und komme ohne geldpolitische Stimuli in Schwung. Jedoch sieht Brzeski in Europa, insbesondere im Euroraum, noch keine Anzeichen für eine Zinswende. Die Konjunktur, vor allem in den Krisenländern, sei zu schwach. (maf.)

          Tammo Greetfeld, Aktienstratege der Unicredit

          Mit einer Seitwärtsbewegung am deutschen Aktienmarkt rechnet Tammo Greetfeld. „Die Kurse sind in den vergangenen zehn Monaten gestiegen, ohne dass sich die Unternehmensgewinne erhöht hätten“, sagt der Aktienstratege. „Nun muss sich erst einmal die Konjunktur- und Gewinnentwicklung bessern, um das Kursniveau zu rechtfertigen.“ Zum Jahresende sieht er den Dax in etwa auf seinem derzeitigen Niveau von 8000 Punkten. „Die steigenden Kapitalmarktzinsen durch eine Zinswende kann der Markt aber verkraften, falls dies Hand in Hand mit einer konjunkturellen Verbesserung geht“, sagt Greetfeld. Einen Kursaufschwung hierzulande erwartet Greetfeld für das kommende Jahr, sofern sich die Schätzungen für das Wachstum der Weltwirtschaft bis dahin nicht verschlechterten. Derzeit wird am Markt im Durchschnitt ein Wachstum von 1,6 Prozent für Deutschland und 3,2 Prozent für die Welt erwartet. Stärkstes Industrieland würden wohl die Vereinigten Staaten bleiben. (dmoh.)

          Daniel Briesemann, Rohstoffanalyst der Commerzbank

          Daniel Briesemann ist immer noch überrascht: „Wir haben nicht mit so einem Absturz gerechnet“, sagt der Edelmetallfachmann der Commerzbank. Die physische Nachfrage ist zwar unverändert hoch. Der „kleine Mann“ habe seiner Einschätzung nach in den vergangenen Tagen nicht verkauft. Nur institutionelle Investoren hätten verkauft. Am Futures-Markt wurden gestern 1215 Tonnen veräußert, das wäre normalerweise ein Viertel der jährlichen Weltnachfrage. „Es herrscht immer noch eine hohe Dynamik am Markt, eine weitere Voraussage ist im Moment schwierig“, sagt Briesemann. Zuvor wurden viele markttechnische Hürden durchbrochen. „Technisch gibt es noch Abwärtspotential“, meint er. Die Bank musste ihre Prognosen schon mehrmals nach unten korrigieren. „Der Goldpreis reagiert momentan nur auf negative Nachrichten, gute Nachrichten werden gar nicht mehr wahrgenommen“, sagt der Fachmann. Trotzdem kann er immer noch guten Gewissens zu Gold raten: „Für Investoren, die einen längerfristigen Anlagehorizont haben, ist das aktuelle Preisniveau attraktiv“. Kurzfristig gebe es aber keinen Grund, auf den Edelmetallzug aufzuspringen. (fne.)

          Christan Kahler, Aktienstratege der DZ Bank

          In den jüngsten Kursrückschlägen am Aktienmarkt sieht Christian Kahler eine gute Kaufgelegenheit. „Langfristig zählen am Aktienmarkt die Fundamentaldaten und die bessern sich zusehends“, sagt der Aktienstratege. „2013 ist ein Jahr des Übergangs, in dem sich einige europäische Staaten in die Rezession gespart haben, aber 2014 wird es in Europa besser aussehen und in Asien und den Vereinigten Staaten sowieso.“ Kahler rechnet mit einem nominalen Wachstum der Weltwirtschaft von 6 Prozent und einem Anstieg der Gewinne der Dax-Unternehmen von 12 Prozent. „Der Dax ist ein Hebelzertifikat auf die Weltwirtschaft, bis zu Jahresmitte 2014 dürfte er auf 9600 Punkte steigen.“ Dies geschehe angesichts des erwarteten guten konjunkturellen Umfelds, ohne dass Aktien teurer werden müssten als derzeit. Der jüngste Kursrückschlag sei nur ein Zeichen dafür, dass einige Anleger von der amerikanischen Notenbank Fed auf dem falschen Fuß erwischt worden seien. „Es war abzusehen, dass die Zentralbank möglichst bald eine Normalisierung anstrebt und den Weg aus dem künstlichen Zinsumfeld skizziert, das sie seit Anfang des vergangenen Jahrzehnts geschaffen hat“, sagt Kahler. (dmoh.)

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