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Private Krankenversicherung : Niedrigzins belastet Kunden

Die Axa legt als erste konkrete Zahlen vor Bild: picture alliance / dpa

Versicherer erzielen am Kapitalmarkt immer schwerer auskömmliche Renditen. Das schlägt sich jetzt auch auf die Versicherten der privaten Krankenversicherung durch, die mit höheren Beiträgen rechnen müssen.

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          Ende des Jahres bekommen Kunden der privaten Krankenversicherer (PKV) regelmäßig einen Brief. Er klärt sie darüber auf, ob und wie hoch im kommenden Jahr ihr Beitrag steigt. Weil der medizinische Fortschritt teuer ist, Krankheitskosten sich manchmal anders als erwartet entwickeln und die Gesundheitsprüfungen in der Vergangenheit nicht immer exakt waren, kommen bisweilen hohe Anpassungen zustande.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          In diesem Jahr könnten sich die Prämien aber auch noch aus einem anderen Grund verteuern. Die niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt hatten bislang nur an der Substanz der Unternehmen geknabbert. Allmählich schlagen sie voll auf die privaten Krankenversicherer durch.

          Als erstes Unternehmen der Branche hat nun die Axa öffentlich gemacht, dass sie ihre Kalkulation für Bestandskunden deshalb ändern muss. Der Rechnungszins, mit dem die Versicherer ihre künftigen Verpflichtungen abzinsen, wird unter die branchenüblichen 3,5 Prozent gesenkt. Für die neuen geschlechtsneutralen Verträge, die nach dem 21. Dezember geschlossen wurden, hatten fast alle Anbieter diesen Zins schon auf 2,75 Prozent reduziert; die Hallesche sogar auf 2,5 Prozent.

          Das hat die Tarife deutlich verteuert, so dass weibliche Kunden auch in der Summe nicht von der Umstellung auf Unisex-Tarife profitierten. So stark wie für diese Neukunden werde der Rechnungszins für Bestandskunden nicht sinken, ließ der Axa-Vorstand durchblicken. Gesenkt werden muss er aber.

          „Nach jetzigem Kenntnisstand wird das sicherlich in diesem Jahr noch vier bis fünf weitere Unternehmen treffen“, sagt Gerd Güssler vom Branchendienst KVpro. Denn wenn die laufende Durchschnittsverzinsung unter einen Schwellenwert fällt, zwingt die Finanzaufsicht Bafin das Unternehmen dazu, den Rechnungszins zu senken. Jeweils im März eines Jahres prüft sie den aktuariellen Unternehmenszins der Unternehmen.

          Das Ergebnis ihrer Abfrage wird sie möglicherweise schon auf ihrer Jahrespressekonferenz in der kommenden Woche veröffentlichen. Der Schwellenwert liegt bei den 3,5 Prozent zuzüglich einiger Abschlagsfaktoren, die die Risikostruktur der Kapitalanlage abbilden. Wird der Rechnungszins von 3,5 auf 2,5 Prozent gesenkt, ergibt sich im Branchendurchschnitt eine Beitragserhöhung um etwa 10 Prozent, hat Güssler errechnet.

          Auf die Kunden kommt einiges zu

          Nach Informationen aus der Branche hat die Bafin schon im Vorjahr drei Unternehmen dazu gezwungen, den Rechnungszins zu senken. Die höheren Beiträge durch die veränderte Kalkulation dürfen die Versicherer dann bei der nächsten planmäßigen Beitragsanpassung an ihre Kunden weitergeben. Die Gesellschaften können den Effekt noch mildern, indem sie Mittel aus ihren Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung einsetzen.

          Maßgeblich für dieses Verfahren ist der Erfolg in der Kapitalanlage. Konservativ anlegende Krankenversicherer haben sich in der derzeitigen Niedrigzinsphase in den vergangenen Jahren am besten geschlagen. Mit sehr langen durchschnittlichen Laufzeiten ihrer Zinspapiere konnten sie sich Kupons sichern, die deutlich oberhalb der erforderlichen 3,5 Prozent Verzinsung lagen.

          „Uns kommt es darauf an, dass wir die Sicherheit nach vorne stellen“, sagt Manfred Schnieders, Vorstandsmitglied des kleinen Versicherungsvereins Alte Oldenburger. Sein Unternehmen hat von der Ratingagentur Assekurata als eines der wenigen eine „exzellente“ Bewertung erhalten - auch weil es die Beiträge in den vergangenen Jahren weit unter Durchschnitt anpassen musste.

          Mit einer durchschnittlichen Duration von 15 Jahren hat die Alte Oldenburger die branchenweit längsten Laufzeiten. „Dadurch träfe uns ein spontaner Zinsanstieg auch härter als andere“, sagt Schnieders. Zu dem Rechnungszins, mit dem die notwendigen Alterungsrückstellungen für die Kunden errechnet werden, hat er aber dadurch weiterhin einen komfortablen Abstand.

          Bilderstrecke

          Weil er auch andere Risikofaktoren wie die Gesundheitskosten oder die Langlebigkeit ausreichend vorsichtig prognostiziert habe, sei er nicht darauf angewiesen, für größere Chancen in der Kapitalanlage auch höhere Risiken einzugehen. Er hält weiterhin an der Maßgabe fest, in Papiere mit der höchsten Bonität zu investieren.

          Betrachtet man die Branche im Durchschnitt, nähert sie sich dem Schwellenwert. Noch im Jahr 2000 lag die laufende Durchschnittsverzinsung bei 6,2 Prozent. Im Jahr 2011 betrug sie nur noch 4,2 Prozent (siehe Grafik). Dabei sticht der Marktführer Debeka mit 4,95 Prozent heraus. In der Wiederanlage kommen die Versicherer nach Angaben des PKV-Verbands bei leicht steigenden Risiken aktuell noch auf 4,1 Prozent. Die Tabelle zeigt allerdings, dass sich hinter diesen Durchschnittswerten große Abweichungen verbergen. Auf die Kunden einzelner Versicherer kommt also einiges zu.

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