https://www.faz.net/-gv6-8eyy6

M-Dax-Neuling Steinhoff : Warum Billigmöbel an der Börse wertvoll sind

POCO kennen viele - den Mutterkonzern Steinhoff, der jetzt in den M-Dax aufgestiegen ist, wohl nicht so viele. Bild: Imago

Die Möbelkette Poco kennt jeder. Aber Steinhoff? Pocos Mutterkonzern kommt in den M-Dax und ist sogar was für Anleger mit Stil.

          Es passiert nicht allzu oft, dass ein Schwergewicht in den M-Dax aufsteigt, also in jenen deutschen Aktienindex, in dem seit zwanzig Jahren eher die mittelgroßen Werte ihren Platz haben. Und es ist auch nicht alltäglich, dass ein solcher Aufsteiger auf derart verschlungenen Wegen in den Index kommt wie jetzt Steinhoff. 1964 in der niedersächsischen Provinz gegründet, verlegte der Konzern Mitte der neunziger Jahre seine Zentrale nach Südafrika, versorgte von dort aus die halbe Welt mit Möbeln und war 17 Jahre lang ausschließlich an der Börse von Johannesburg notiert. Seit Dezember nun ist Steinhoff primär an der Frankfurter Börse gelistet. An diesem Montag, nur dreieinhalb Monate später, wird das Unternehmen in den M-Dax aufgenommen und damit stärker in den Fokus der Anleger rücken. Aber ist die Aktie attraktiv? Und was macht die Firma eigentlich?

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur auf den ersten Blick ist die Frage einfach zu beantworten: Üblicherweise wird Steinhoff als riesiger Möbelhändler wahrgenommen. Hierzulande sind vor allem seine Poco-Möbelhäuser bekannt, die mit billigen Produkten und dem deutschen Sternchen Daniela Katzenberger werben und sich an jene Kunden richten, die im Jargon „preisbewusst“ genannt werden. In Frankreich besitzt Steinhoff die Möbelkette Conforama, in Österreich Kika und Leiner. Die ganzen Übernahmen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass Steinhoff zwei Drittel seiner Umsätze mit Möbeln in Europa macht und hinter Ikea zur Nummer zwei der hiesigen Branche aufgestiegen ist.

          Zu den internationalen Geschäftsfeldern von Steinhoff gehören allerdings auch Haushaltwaren und Textilien, in Südafrika sogar noch eine Autovermietung. Mehr als 40 Einzelhandelsmarken und 6500 Geschäfte zählen zu der internationalen Gruppe, die über ihre vielen Beteiligungen die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt und auf Synergien setzt. „Steinhoff ist ein Paradebeispiel für ein Unternehmen mit erfolgreichem Geschäftsmodell, das durch geschickte Integration der Tochtergesellschaften Synergien bestmöglich nutzt“, sagt Nick Price, Manager des Fidelity Emerging Markets Fund. Price hat die Steinhoff-Position in seinem Fonds erst kürzlich aufgestockt.

          Unermüdlich versucht Steinhoff, durch weitere Übernahmen in neue Branchen vorzustoßen. Zwar hat sich die Firma am Freitag von der Idee verabschiedet, die britische Einzelhandelskette Home Retail Group zu erwerben. Dafür steht sie unmittelbar vor der Übernahme der französischen Elektronikkette Darty. 860 Millionen Euro will Steinhoff bezahlen. Solche Zukäufe könne sich das Unternehmen problemlos leisten, sagt Anne Critchlow, Analystin der französische Großbank Société Générale. Sie hob ihr Kursziel für die Steinhoff-Aktie soeben von 4,81 Euro auf 5,25 Euro an.

          Auch andere empfehlen die Aktie zum Kauf. Zum Beispiel der Commerzbank-Analyst Andreas Riemann, der sein Kursziel auf 5,80 Euro angehoben hat. Nicht zuletzt deshalb, weil die Bewertungen vergleichbarer Unternehmen zuletzt entsprechend gestiegen sind. Aktuell steht die Steinhoff-Aktie bei knapp 5,50 Euro und damit zehn Prozent über dem Frankfurter Ausgangskurs im Dezember. Mit seinem Börsenwert von rund 20 Milliarden Euro läge der Konzern im Dax im Mittelfeld, zwischen Adidas und Beiersdorf. Dass Steinhoff es dennoch nicht auf Anhieb in die erste deutsche Börsenliga geschafft hat, liegt an den bisher zu geringen Umsätzen im Börsenhandel.

          Unter denen, die das Unternehmen kennen, gilt es als gut geführt

          Unter denen, die das Unternehmen ein wenig besser kennen, gilt es als gut geführt. Das Management ist nicht verzagt, sondern zupackend. „Starkes Unternehmertum“ nennt es Analyst Riemann. Schließlich hat Steinhoff-Vorstandschef Markus Jooste nicht nur ein Faible für schnelle Rennpferde, sondern auch für resolute Zukäufe. So ließ sich Steinhoff im vergangenen Jahr die südafrikanische Textil- und Schuhhandelskette Pepkor 4,5 Milliarden Euro kosten.

          Nun ist es das erklärte Ziel, in Europa zu wachsen. Und zwar mit einem Tempo, das selbst Experten verblüfft. Aber welche Strategie steckt hinter einer Übernahme eines Waschmaschinenverkäufers wie Darty? Es sei derzeit nicht nachzuvollziehen, warum sich Steinhoff von den Möbeln wegbewegt und wohin es strebt, sagen die Analysten. Vermutet wird, dass sich das Unternehmen gegen Konkurrenz aus dem Internet wie Amazon wappnet. Die Konzernführung schweigt dazu.

          Bisher hat Steinhoff meistens richtiggelegen bei der Ausweitung seiner Geschäftsbereiche. Ein halbes Jahrhundert nachdem der heute 78-jährige Milliardär Bruno Steinhoff einen Vertrieb für Möbel aus Osteuropa gegründet hat, produziert und verkauft die Firma allerlei Waren in Europa, Australien, Asien und Afrika. Die Zahlen sind beeindruckend: Im zurückliegenden Geschäftsjahr stieg der Umsatz zum sechsten Mal nacheinander, um 15 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro.

          Im ersten Halbjahr des neuen Geschäftsjahres (seit 1. Juli 2015) lief es noch besser: Steinhoff hat den Umsatz um 47 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro gesteigert, beim operativen Gewinn legte das Unternehmen sogar um 67 Prozent auf 802 Millionen Euro zu. Firmenchef Jooste fand diese sechs Monate „sehr aufregend“. Das mag auch daran liegen, dass wenige Tage vor dem Börsengang in Frankfurt gegen vier Steinhoff-Manager Ermittlungen wegen des Verdachts auf Bilanzfälschung begannen.

          Das rasante Wachstum hat allerdings auch dazu geführt, dass die Struktur der Steinhoff-Gruppe nicht einfach zu durchschauen ist. „Aufgrund der vielen Aquisitionen und Ländergesellschaften von Steinhoff müssen sich Anleger genau angucken, was sie da kaufen“, sagt Commerzbank-Analyst Riemann. Von Montag an, wenn Steinhoff in den M-Dax aufsteigt, werden sich immer mehr Investoren in die Unternehmensstruktur vertiefen. Und wenn dann die Handelsumsätze weiter steigen, wird Steinhoff vermutlich in absehbarer Zeit dort ankommen, wo es mit seinem Börsenwert bereits hingehört: unter die dreißig Dax-Schwergewichte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Klare Ansage : Kovac will Real-Star nicht beim FC Bayern

          Den Spekulationen um einen möglichen prominenten Neuzugang erteilt Bayern-Trainer eine vehemente Absage. Die Zukunft von Renato Sanches bei Bayern München scheint jedoch geklärt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.