https://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/pharmazie-uebernahmeangebot-gut-fuer-aktionaere-von-girindus-1232244.html

Pharmazie : Übernahmeangebot gut für Aktionäre von Girindus

  • Aktualisiert am
Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Girindus in den vergangenen drei Jahren.
          3 Min.

          „Die Girindus-Aktie jetzt ins Depot! Alle Kurse, die sich um die 33-34 Euro bewegen, sind nochmal absolute Einkaufskurse. Ich sehe die Girindus in relativ kurzer Zeit bei 60 Euro!“ So und ähnlich jubelten Kleinanleger in den letzten Tagen des Neuer Markt-Booms über das Pharma-Unternehmen Girindus.

          Diese 60 Euro sah die Aktie im Leben nie. Über 43,92 Euro, circa einen Monat nach dem Börsengang im Mai 2000 kam das Papier nicht heraus. Geht es nach dem Willen des belgischen Chemieriesen Solvay wird aus den 60 Euro wohl nie mehr etwas werden.

          Gelingen der Übernahme praktisch außer Zweifel

          Am späten Mittwoch abend gaben die Unternehmen bekannt, daß Solvay über seine deutsche Tochter Solvay Organics ein Übernahmeangebot für Girindus vorgelegt hat. Daran, daß Solvay die Kontrolle über Girindus übernehemen wird, gibt es kaum einen Zweifel. Denn per Kaufvertrag hat sich Solvay Organics bereits von den Girindus-Vorständen und Hauptaktionären Fritz und Robert Link sowie Christa Link zusichern lassen, daß diese verkaufen werden. Damit erhält Solvay bereits Zugriff auf insgesamt 35,54 Prozent des Grundkapitals.

          Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Girindus in den vergangenen fünf Jahren.
          Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie von Girindus in den vergangenen fünf Jahren. :

          Angestrebt wird die Übernahme von wenigstens 51 Prozent der Girindus-Aktien. Weiterer Großaktionär ist neben der AG mit 9,39 Prozent die Westdeutsche Kapitalbeteiligungsgesellschaft der WestLB (WestKB), die acht Prozent hält. Stimmen die Girindus-Aktionäre auf der Hauptversammlung am Donnerstag dem Verkauf zu, so hat Solvay sein Ziel mit 52,92 Prozent bereits erreicht. Angesichts der Stimmrechtsverteilung kommt es dabei eigentlich nur auf die WestKB an.

          Nie Geld verdient

          Sieben Euro bietet Solvay für eine Aktie des Verfahrensentwicklers und Wirkstoffproduzenten für Arzneimittel und Kosmetika. Das Geschäft basiert auf drei Säulen: der Auftragsproduktion von Wirkstoffen, der Herstellung eigener Kosmetikwirkstoffe und sogenannter therapeutischer Oligonukleotide, die bei der Behandlung von Gen-Erkrankungen eine Rolle spielen.

          Geld hat das Unternehmen aus Bergisch-Gladbach bislang nicht verdient. Im ersten Quartal 2005 fiel bei einem gegenüber der Vorjahresperiode um 30 Prozent höheren Umsatz von 5,6 Millionen Euro ein Felbetrag von 2,8 Millionen Euro an - 96 Prozent mehr als im ersten Quartal 2004.

          Im Jahr 2004 waren die Umsätze sogar um 27 Prozent unter das Niveau von 2002 gefallen. Statt eines ausgeglichenen Vorsteuerergebnisses (Ebitda) wie 2003 stand ein Minus von 4,9 Millionen Euro zu Buche. Schuld daran war eine geringere Zulassnung neuer Arzeneimittel und ein eher rückläufiger Trend beim Outsourcing der Wirkstoffproduktion.

          Erst für 2006 hat Girindus geplant, vor Steuern (Ebit) die Gewinnschwelle zu erreichen. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll bereits in diesem Jahr positiv ausfallen. Dazu müsste Girindus aber in den kommenden drei Quartalen freilich noch einiges zulegen.

          Kaufobjekt ist das Know-How

          Nach Aussagen von Solvay zu urteilen, soll die Profitabilität verstärkt angestrebt werden. „Der Erwerb von Girindus markiert einen weiteren Schritt bei der Realisierung der Solvay-Strategie profitablen und nachhaltigen Wachstums“, wird Eberhard Piepho zitiert, Geschäftsführer der Solvay Organics GmbH.

          Davon ist Girindus nach den letzten Zahlen zu urteilen, indes recht weit entfernt. Das bedeutet, daß mit Kostensenkungsmaßnahmen zu rechnen ist. Dazu paßt, daß Girindus offenbar in einen neuen Unternehmensbereich Chemie eingegliedert werden soll, dessen Leitung der Solvay-Mann Piepho übernimmt, wohingegen die Brüder Link sich zumindest eigentumsrechtlich aus Girindus zurückziehen. Weitergehende Auskünfte wollte man bei Girindus am Donnerstag nicht erteilen.

          Mit dem Erwerb will die Solvay-Gruppe ihre Aktivitäten im Bereich der organisch-chemischen Spezialitäten ergänzen. Wert legt man bei Solvay nach der Pressemeldung zu urteilen, offenbar vor allem auf das Forschungs-Know-how der Bergisch-Gladbacher und die Technik zur Produktion von Oligonukleotiden.

          Die neu aufgenommene Produktion von Kosmetikwirkstoffen wird dagegen wohl nicht so hoch eingeschätzt. Da dieser Bereich zudem im ersten Quartal laut Girindus „keine oder nur geringe Umsätze“ eingebracht hat, kann darauf spekuliert werden, daß diese Produktionslinie nicht weitergeführt werden wird. Auch der Auftragsproduktion von Wirkstoffen kann Solvays Interesse angesichts der schieren Größe des Konzerns nicht die Hauptaufmerksamkeit gelten.

          Guter Abschluß für Girindus-Aktionäre

          Solvay ist eine internationale Chemie- und Pharmagruppe mit Sitz in Brüssel. Das Unternehmen beschäftigt rund 30.000 Mitarbeiter in 50 Ländern. 2004 lag der konsolidierte Umsatz aus den drei Unternehmensbereichen Chemie, Kunststoffe und Pharma bei 7,9 Milliarden Euro. Die Übernahme, die Girindus mit 45 Millionen Euro bewertet, spielt für die Aktie der Belgier kaum eine Rolle. Der Kurs reagierte am Donnerstag dementsprechend auch nicht auf die Nachricht.

          Ganz anders bei Girindus. Der Kurs der Aktie schoß heute um knapp 22 Prozent auf genau die Höhe des Übernahmeangebots. Niemand scheint also am Gelingen des Vorhabens zu zweifeln.

          Den Girindus-Aktionären konnte im Prinzip auch nichts besseres passieren. Das Angebot bewertet Girindus mit rund dem Doppelten des Umsatzes des vergangenen Jahres. Das ist in Ordnung (zumal der wahre Wert in der Technik und dem Know-how und nicht dem Markt steckt). Ob und wann es Girindus jemals gelungen wäre, sich einen Kurs von sieben Euro aus eigener Kraft zu verdienen, ist angesichts der Geschäftsentwicklung der vergangenen Jahre fraglich.

          Außerdem haben die Girindus-Aktionäre einen Kurs von sieben Euro zum letzten Mal vor rund drei Jahren gesehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausnahmsweise ohne Buch in der Hand: Buschmann im Sommer bei der Kabinettsklausur in Meseberg

          Die zwei Justizminister : Wer ist Marco Buschmann?

          Fußnoten-Liebhaber und Musikproduzent: Justizminister Buschmann pflegt eine widersprüchliche Selbstinszenierung. Wenn es um seine Überzeugungen geht, ist vom braven Aktenmenschen aber nicht mehr viel übrig. Dann kämpft er hart.
          Französischer Doppeldecker über einer Industrieanlage im Ruhrgebiet: Die Besetzung wegen ausstehender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs begann im Januar 1923 und dauerte bis 1925.

          Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.