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Pharmawerte : Generika: Gewinne mit Kopien

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Generika-Hersteller produzieren auf Hochtouren Bild: dpa

Wenn das Patent auf ein Medikament abgelaufen ist, kommen preisgünstige Generika auf den Markt. Die Branche ist dabei, neue Wachstumsmärkte zu erschließen.

          Ablaufende Patente sind ein Alptraum für Pharmakonzerne. Denn lukrative Medikamente mit hohen Preisen müssen sich fast sofort nach Ablauf der Schutzfrist gegen deutlich billigere Kopien behaupten. Drastische Umsatzeinbrüche können die Folge sein, weil die Hersteller der Generika Marktanteile an dem Medikament übernehmen.

          Die Pharmakonzerne versuchen oft mit Klagen, diesen kritischen Zeitpunkt hinauszuschieben. Jüngstes Beispiel ist AstraZeneca mit seinem Magen-Darm-Mittel Prilosec. Der Pharmakonzern klagte gegen mehrere Generika-Hersteller wegen Patentsverletzung und gewann bis auf einen Fall. Die deutsche Schwarz Pharma darf ihre generische Version von Prilosec verkaufen. Amerikanische Mitwettbewerber mussten passen, gingen aber in die Berufung.

          Die Pharmaindustrie versucht, Zeit zu gewinnen

          Auch wenn ein Pharmaunternehmen auf diese Weise Zeit schindet, dürfte das den Generika-Herstellern keinen größeren Schaden bereiten. Die Nachahmung eines Medikaments kostet nur den Bruchteil der ursprünglichen Entwicklungskosten und so genannte Blockbuster - also sehr umsatzstarke Medikamente - deren Patentschutz ausläuft, gibt es genug. Bis 2004 sind beispielsweise bei AstraZeneca mehr als 50 Prozent des Umsatzes durch Patentausläufe gefährdet, Schering-Plough kommt auf 45 Prozent, Eli Lily auf knapp 40 Prozent.

          Während der deutsche Markt mit einem hohen Generika-Anteil nach Meinung von Analysten schon relativ gesättigt ist, liegen in Süd- und Westeuropa noch erhebliche Wachstumsmöglichkeiten. Italien, Spanien und Frankreich etwa bieten mit Subsitutionsraten von etwa sechs Prozent ein erhebliches Aufwärtspotenzial. Aber auch in Osteuropa ist der Generika-Markt noch vergleichsweise wenig erschlossen.

          Stada ist in Europa sehr gut positioniert

          Sabine Eberhardt, Analystin bei Merck Finck, hält das deutsche Generika-Unternehmen Stada für einen aussichtsreichen Kandidaten: „Stada hat sehr gute Expansionsmöglichkeiten auf den europäischen Märkten, dabei ist das Risiko sehr begrenzt, da es sich um einen reinen Hersteller von Generika handelt.“ Dieser Kaufempfehlung schließt sich auch Peter Spengler, Pharmaanalyst bei der DZ Bank an. Stada sei zwar mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2003 von 17,5 im Vergleich zum KGV der Vergleichsgruppe von14,2 relativ teuer bewertet, die gute Positionierung auf dem europäischen Markt, der eine stabile Preisentwickung verspreche, rechtfertige diesen Aufschlag aber.

          Auch die Darmstädter Merck hält Spengler für im europäischen Generika-Markt gut positioniert. Die Generika machten 2001 rund 28 Prozent des Umsatzes aus, wobei die Tendenz steigend ist. Dadurch werde die Merck-Aktie zunehmend risikoärmer, die Vorhersehbarkeit der Gewinne bleibe aber vorerst schlecht, da noch Entscheidungen über die Zulassung von Medikamenten ausstehen. Spengler hält die Merck-Aktie allerdings mit einem 2003er KGV von 10,3 für deutlich unterbewertet und empfiehlt, sie zu akkumulieren.

          Konsolidierung unter den Generika-Produzenten

          Mittelfristig erwartet Sabine Eberhardt von Merck Finck eine Konsolidierungs-Bewegung unter den Generika-Herstellern. Die Übernahmen der letzten Zeit weisen eindeutig in diese Richtung. So kaufte Novartis beispielsweise vor kurzem den slowenischen Generikahersteller Lek. Auch Stada hat einige kleinere Aquisitionen getätigt, mit denen „Keimzellen in den entsprechenden Ländern geschaffen werden sollen“, so Analystin Eberhardt. Obwohl die einmal entwickelten Produkte europaweit verkauft werden könnten, sei es sehr wichtig, vor Ort Vertrieb und Marketing zu haben. Denn die Strukturen würden sich in den einzelnen Ländern zum Teil erheblich unterscheiden.

          Peter Spengler von der DZ-Bank hält auch andere osteuorpäische Generika-Produzenten für interessante Übernahmeobjekte, um die jeweiligen Märkte zu erschließen. „Ich könnte mir vorstellen, dass Unternehmen wie die israelische Teva Pharmaceuticals oder amerikanische Hersteller von Generika eine Übernahme von kleineren osteuropäischen Produzenten in Betracht ziehen“, meint Spengler.

          Die Analysten halten es allerdings für unwahrscheinlich, dass sich die großen Pharmakonzerne eigene Generika-Sparten in größerem Umfang zukaufen könnten, um beim Auslaufen der Patente zumindest einen Teil des Marktes halten zu können. Das sei aufgrund der entstehenden Interessenkonflikte in den Unternehmen keine sehr wahrscheinliche Entwicklung, so der Konsens.

          Die Perspektiven sprechen für Generika

          Von politischen Entwicklungen dürften zumindest die europäischen Hersteller in nächster Zeit auch nicht weiter betroffen sein. Die Anfang des Jahres eingeführte „Aut-Idem-Regel“ des Arzneimittelgesetzes, nach der teure Originalpräparate durch Generika im unteren Preisdrittel ersetzt werden sollen, habe bislang kaum Auswirkungen gezeigt. Zum einen seien die Generika ohnehin oft in diesem Preissegment angesiedelt, zum anderen werde die Regelung nicht sehr konsequent umgesetzt.

          Langfristig gesehen dürften die Generika-Hersteller jedenfalls vom Sparzwang im Gesundheitswesen profitieren. Es ist anzunehmen, dass früher oder später weitere Druckmittel beschlossen werden, die den Gebrauch von teuren Originalpräparaten einschränken sollen - was wiederum steigende Umsätze für die generischen Medikamente bedeutet. Und da die Pharmabranche auch insgesamt ein Wachstumsmarkt ist - zum Beispiel aufgrund der demographischen Verschiebung zu immer mehr alten Menschen - könnten die Generika-Hersteller sogar doppelt profitieren. Gerade auch in Deutschland, dem drittgrößten Pharmamarkt der Welt.

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