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Pharmaaktien : Pharmakonzerne profitieren von der Schweinegrippe

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Bild: FAZ.NET

Einst als margenschwach und riskant geschmäht, sind Impfstoffe gegen Krankheiten wie H1N1 inzwischen zu einem einträglichen Geschäft für Novartis und andere Pharmaunternehmen geworden. Allerdings bleibt es saisonal und unvorhersehbar.

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          Am 24. November eröffnete der schweizerische Pharmariese Novartis in den Vereinigten Staaten das landesweit erste Werk für die Großproduktion von Zellkulturen und verlieh damit den amerikanischen Bemühungen um die Bekämpfung pandemischer Grippeerkrankungen einen gewaltigen Schub. Das in Holly Springs (North Carolina) mit staatlicher Finanzhilfe von 487 Millionen Dollar erbaute Novartis-Werk ist ein wichtiger Meilenstein beim Einsatz biotechnologischer Produktionsverfahren, die nun an die Stelle der 50 Jahre alten Technik treten, bei der Impfstoffe in Eiern gezüchtet werden. „Diese Technologie ist in der Lage, das herkömmliche, auf der Züchtung in Eiern basierende Verfahren zu verdrängen, weil es die Zuverlässigkeit und Produktivität der Impfstoffherstellung erhöht“, erklärt Novartis-Chef Daniel Vasella.

          Novartis ist einer der beiden Impfstoffproduzenten, die mit dem neueren, auf Zellen basierenden Verfahren arbeiten. Das Novartis-Werk wird Grippeimpfstoffe nicht mehr in Hühnereiern, sondern in Hundenierenzellen produzieren und spart dadurch einen Monat der schätzungsweise drei bis sechs Monate, die für die Herstellung von Impfstoffen mit Hilfe von Eiern benötigt werden. Nach Aussage von Novartis wird das Werk in der Lage sein, innerhalb von sechs Monaten nach Ausrufung einer Pandemie 50 Millionen Dosen saisonalen Grippeimpfstoffs und 150 Millionen Dosen pandemischen Impfstoffs für die Vereinigten Staaten zu produzieren. Das Werk wird allerdings nicht vor 2011 mit der Herstellung von auf Zellen basierenden Impfstoffen beginnen können.

          In den Vereinigten Staaten herrscht Knappheit an Impfstoffen

          Trotzdem ist jeder weitere Kapazitätsausbau in Amerika eine willkommene Nachricht. Die derzeitig in den Vereinigten Staaten herrschende Knappheit an Impfstoffen gegen H1N1 (auch als Schweinegrippe bekannt) hat den Bedarf an neueren, zuverlässigeren Technologien der Impfstoffentwicklung deutlich gemacht. Bislang wurden zwar 50 Millionen Dosen des H1N1-Impfstoffs vertrieben, das reicht jedoch gerade einmal für ein Drittel der 160 Millionen Amerikaner, für die die amerikanische Seuchenschutzbehörde (CDC) eine Impfung vorsieht.

          Novartis - Hauptsitz in Basel

          Ein wesentlicher Teil des Problems besteht darin, dass die amerikanische Gesundheitsbehörde (FDA) im Gegensatz zu ihren europäisches Pendants den Einsatz von Adjuvanzien erst noch genehmigen muss. Adjuvanzien sind Zusatzstoffe, die die Immunreaktion des Körpers verstärken und so die erforderlichen Impfmengen verringern. Novartis stellt bereits in seinem Werk im deutschen Marburg auf Zellen basierende saisonale und H1N1-Grippeimpfstoffe mit seinem eigenen lizenzierten Adjuvans her.

          Der saisonale Impfstoff von Novartis ist in Europa und Japan zugelassen, der pandemische Impfstoff erhielt kürzlich in Deutschland und in der Schweiz die aufsichtsbehördliche Genehmigung. Vasella zufolge hätten die Versuchsreihen gezeigt, dass der Einsatz von Adjuvanzien die Impfstoffproduktion durchaus verdoppeln oder sogar vervierfachen könnte. „Etwa 45 Millionen Dosen des auf Zellen basierenden Impfstoffs mit Adjuvans sind bereits ohne Probleme verabreicht worden. In anderen Ländern haben sie sich also inzwischen bewährt“, berichtet Vasella. Er sei zuversichtlich, dass die auf Zellen basierende Technologie letztlich auch in den Vereinigten Staaten die Zulassung erhalten werde. Und sollte die Pandemie plötzlich ungeahnte Ausmaße annehmen, so würde die FDA vermutlich rasch reagieren und den Einsatz von Adjuvanzien genehmigen.

          Die Renaissance der Impfstoffe

          Noch vor nicht allzu langer Zeit galten Impfstoffe als das ungeliebte Kind der Pharmaindustrie. Die hohen Produktionskosten, ihre Komplexität, die relativ niedrigen Gewinnspannen und das Risiko jahrelanger Rechtsprozesse hatten dazu geführt, dass bis auf eine Handvoll Anbieter - darunter Novartis, GlaxoSmithKline aus Großbritannien, die französische Sanofi Aventis, Merck aus New Jersey und Wyeth, heute Teil von Pfizer - praktisch alle Unternehmen dieses Geschäft mieden.

          Seit einigen Monaten erleben wir nun so etwas wie eine Renaissance der Impfstoffe. Das liegt zum Teil daran, dass die Branche derzeit in ihrem Kerngeschäft der verschreibungspflichtigen Medikamente schweren Herausforderungen gegenüber steht. In den kommenden fünf Jahren werden verschreibungspflichtige Medikamente im Verkaufsvolumen von etwa 135 Milliarden Dollar ihren Patentschutz verlieren. Und in der Pipeline der Pharmaunternehmen gebe es kaum etwas, das diesen Umsatz ersetzen könne, so Alan Sheppard, Berater der Marktforschungsgesellschaft IMS Health.

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