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Pharma : Geld verdienen mit dem Schlaf

  • Aktualisiert am

Gute Nacht Bild: dpa

Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit. Pharmaunternehmen suchen nach Medikamenten ohne Nebenwirkungen. Hat ein Schweizer Hersteller jetzt den Königsweg gefunden?

          3 Min.

          Gut geschlafen? Millionen Menschen beantworten diese Frage allmorgendlich mit einem müden 'nein'. Alleine in Amerika leiden 70 Millionen Menschen unter Schlafstörungen, im gesamten Westen sollen es 100 bis 160 Millionen sein. Und weltweit schläft angeblich jeder Fünfte nicht richtig ein.

          Mit Schlaflosigkeit ist nicht zu spaßen. Wenn Ärzte „Insomnie“ diagnostizieren, hat das tagsüber erhebliche Folgen. Die Betroffenen sind schlecht gelaunt, können sich nicht konzentrieren, haben Gedächtnislücken. Damit nicht genug: Die Begleiterscheinungen reichen bis hin zu Störungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Lunge und des Magen-Darm-Trakts.

          Immer mehr Menschen tun etwas dagegen. Schon 1999 summierten sich die Ausgaben für Gesundheitsleistungen und Medikamente für die Behandlung der Schlaflosen auf 14 Milliarden Dollar, Tendenz angesichts einer alternden Bevölkerung weiter steigend.

          Molekularforschung bei Actelion

          4,6 Milliarden Dollar für Schlafmittel

          Ein dickes Geschäft für die Pharmaindustrie. Der Markt für Schlafmittel ist nach Daten des Informationsdienstleisters IMS Health in den sieben großen Absatzregionen - Amerika, Japan, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien - bis Ende 2006 auf 4,6 Milliarden Dollar angewachsen. Mit 75 Prozent dominieren dabei die Vereinigten Staaten den globalen Markt für „Schlafmedizin“.

          Und doch scheint das Potential für die Arzneimittelfirmen längst nicht ausgeschöpft. Nach Erkenntnissen von Marktforschern werden nur zehn bis zwölf Prozent der Schlafpatienten pharmazeutisch behandelt.

          Das hat damit zu tun, dass andere Behandlungsmethoden ebenso wirksam sind wie Pillen. Mehr noch hat es, glauben Experten, mit den erheblichen Nebenwirkungen dieser Mittel zu tun: Sie können zu Benommenheit führen und die Motorik des Menschen einschränken.

          Wenn Arzneien süchtig machen

          Und sie können süchtig machen. Deswegen stehen viele Arzneien, die gegen Schlafstörungen verschrieben werden (wie „Ambien“, „Lunesta“ und „Sonata“), unter Beobachtung der amerikanischen Drogenbehörde DEA. Das ist mit einem gravierenden wirtschaftlichen Nachteil verbunden: Es hemmt die Verbreitung der Mittel.

          So sind einige Pharma- und Biotech-Unternehmen inzwischen eifrig dabei, Medizin ohne diese Nebenwirkungen zu entwickeln. Bereits auf dem Markt in Amerika ist Ramelteon, das dort unter dem Namen Rozerem angeboten wird und von der japanischen Pharmafirma Takeda stammt. Es kurbelt die Produktion des „Nacht-Hormons“ Melatonin an, soll keine Suchtwirkung haben, allerdings auch nur mäßig wirksam sein.

          Ein Schalter für Schlafen und Wachen

          Als „überzeugendsten“ neuen Wirkstoff bewerten Fachleute den sogenannten Orexin-Rezeptor-Antagonisten (Orexin-RA) des schweizerischen Herstellers Actelion. Orexine sind Hormone, die einen starken Einfluss auf das Wach-Schlaf-Verhalten haben. Sie wirken stoffwechselfördernd und sind aktiv beim Übergang vom Schlaf- in den Wachzustand. Ein Medikament, das auf die Orexin-Aktivität wirkt, wird vermutlich den Patienten in den Schlafzustand versetzen.

          Vorklinische Wirkstudien haben gezeigt: Das Präparat machte Tiere in der aktiven Phase schläfrig. Die präklinische Wirksamkeit beim Menschen hat Actelion bisher erst in zwei klinischen Studien geprüft. Wie stets bei Medikamenten, muss der Hersteller umfangreiche Tests absolvieren, bis aus der Entdeckung eine zugelassene Arznei wird.

          Es müssen noch viele Tests absolviert werden

          Und diese Prüfungen dürften nicht einfach werden, schätzen die Pharma- und Biotech-Analysten der Bank Vontobel - zumal vielleicht auch Orexin-RA Nebenwirkungen haben könnte: zum Beispiel Kataplexie, ein plötzlicher Verlust des Muskeltonus, ausgelöst von bestimmten Gefühlsregungen. Das alles muss noch getestet werden, bevor die Actelion-Schlafarznei möglicherweise von 2011/2012 an in der Apotheke erhältlich sein könnte. .

          Die Aktien-Einschätzung von Vontobel spiegelt die Probleme wieder, die Anleger mit einem solchen Papier haben. Derzeit bewerten die Analysten Actelion mit „Sector Outperform“ und nennen ein Kursziel von 78 Franken (aktuelles Niveau rund 65 Franken). Die Empfehlung beruht darauf, dass „der Orexin-Rezeptor-Antagonist ein überzeugendes neuartiges Präparat ist“ - und mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit von zwei Dritteln tatsächlich auf den Markt kommt.

          Titel für ausgeschlafene Anleger

          Im Klartext heißt das: Hohe Chancen, hohes Risiko. Nach einer Kursverdoppelung binnen eines Jahres ist der Kurs nicht mehr niedrig, auch nicht mit Blick auf das ambitionierte Kurs-Gewinn-Verhältnis von 27,65 (Basis Gewinn 2007). Wenn Actelion seinen „Schlaf-Schalter“ wirklich hinbekommt, dürfte der Kurs nach oben ausreißen. Geht das Projekt schief, könnte es freilich noch rascher nach unten gehen. Also nur ein Titel für ausgeschlafene Anleger.

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