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Pharma : Fusionsgerücht könnte nicht nur Aventis- und Sanofi-Aktien treiben

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Am Donnerstag können sich Börsianer mit neuen Übernahmephantasien beschäftigen. Die europäischen Pharmariesen stehen nach einem Bericht vor einer Fusion. Ansonsten sind diese Aktien nicht sonderlich attraktiv.

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          Das Dementi ist schon vorauseilend verlautbart worden: Am Freitag vergangener Woche hatten Sprecher der französischen Pharma-Konzerne Aventis und Sanofi-Synthelabo nach Angaben der Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters gesagt, die sprächen nicht darüber, sich miteinander zu verbinden.

          Doch zum Donnerstag erhalten Übernahmephantasien neue Nahrung: Nach einem Pressebericht sollen die 1999 aus der Fusion der Hoechst AG und Rhone-Poulenc entstandene Aventis und Sanofi-Synthelabo doch recht kurz vor einer Fusion stehen. Als Quelle der Auskunft werden Finanzkreise genannt.

          Ob es nun stimmt oder nicht: Die Börsianer können aufgrund dieser Nachrichtenlage ihrer Phantasie um Fusionen und Übernahmen in der Pharmabranche freien Lauf lassen - und vorbörslich gilt die Geschichte um Aventis und Sanofi laut Agentur vwd als eine der großen Storys des Tages nach den neuen Zahlen von SAP und Siemens. Die Kurse beider Pharmatitel dürften davon profitieren.

          Kreise: Abschluß könnte nächste Woche verkündet werden

          Die Gespräche um die mutmaßlich anstehende Fusion befänden sich in einer weit fortgeschrittenen Phase, berichtet das „Handelsblatt“ am Donnerstag unter Berufung auf Finanzkreise. Schon in der nächsten Woche könne der erfolgreiche Abschluß der Verhandlungen verkündet werden. Ein Sanofi-Sprecher wollte auf Anfrage Informationen über eine bevorstehende Fusion nicht kommentieren, berichtete die Zeitung weiter. Aventis habe auf eine Stellungnahme vom Freitag verwiesen. Dabei hatten die beiden Unternehmen Fusionsgespräche dementiert und waren damit Marktspekulationen über ein bevorstehendes Zusammengehen entgegengetreten.

          Die Beteiligten verhandeln dem Bericht zufolge derzeit noch über eine Reihe offener Punkte. Mit einer Fusion würde nach Auffassung von Branchenexperten ein französischer Branchenriese mit einer Marktkapitalisierung von rund 100 Milliarden Dollar und einer starken Position auf dem Weltmarkt entstehen, der derzeit von Branchenriesen wie Pfizer und GlaxoSmithKline dominiert wird. Das neue Unternehmen wäre die Nummer zwei hinter Pfizer.

          Hinter das Fusionsgerücht treten die gerade veröffentlichen neuen Zahlen von Sanofi etwas in den Hintergrund. Dabei können sie sich durchaus sehen lassen. Denn der Konzern hat im Jahr 2003 etwas mehr umgesetzt als erwartet. Der Umsatz sei auf 8,048 Milliarden Euro von 7,448 Milliarden Euro im Jahr 2002 gestiegen. Analysten hatten mit 8,03 Milliarden Euro gerechnet. Im vierten Quartal habe der Umsatz 2,1 Milliarden Euro betragen.

          Aktienhändler sehen Novartis und Roche unter Zugzwang

          Spekulationen um ein Zusammengehen der beiden Unternehmen gibt es schon seit einiger Zeit. Der Kosmetik-Konzern L'Oreal und der Ölkonzern Total hatten entschieden, einen Anteilspakt bei Sanofi nicht zu erneuern. Vor einem Jahr hatte Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq zudem Aventis ins Spiel gebracht, als er in einem Zeitungsinterview sagte: „Wir werden möglicherweise eines Tages etwas mit Aventis machen“, wird er von der Agentur Reuters zitiert.

          Damit kämen auch andere Unternehmen wie die Schweizer Novartis und Roche in Zugzwang und eröffneten dem Sektor weitere Fantasie, sagt ein weiterer Börsianer. Dies könnten auch die Schering-Aktie beflügeln, war der Berliner Konzern doch immer wieder Objekt von Gerüchten um eine mögliche Übernahme, die meist zu Kostensenkungen, also Entlassungen genutzt wird, und die Ertragskraft eines Unternehmens stärken soll.

          Synergien erwartet man sich laut RZB Research auch in der Forschung und Entwicklung, die in den vergangenen Jahren enorme Kosten verursacht hat. Zudem könnte dadurch das Ausmaß der im Jahr 2005 auslaufenden Patente gemildert werden. Zusätzlich eröffnet die größere Vertriebskraft die Chance, weniger bekannte Medikamente besser vermarkten zu können.

          Pharma-Aktien bisher keine Kursraketen

          Wie zuletzt in der deutschen Banken-Branche, dürfte das Fusionsgerücht um die beiden französischen Konzerne auch den Kursen anderer Pharmatiteln dienen, die sich in den vergangenen Wochen allgemein nicht gerade durch überdurchschnittliche Höhenflüge ausgezeichnet haben. Pharma-Aktie zählten vielmehr zu den schwächen Papieren.

          So hat sich das mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,7 moderat bewertete Papier von Aventis binnen Jahresfrist nur um knapp drei Prozent verbessert und dabei um 18,2 Prozent schlechter entwickelt als der Gesamtmarkt in Paris. Der Titel steckt weiter im langfristigen Abwärtstrend, der erst bei 66 Euro geknackt wäre. Aufgrund des Gerüchts hat die Aktie, die am Mittwoch mit 53,64 Euro aus dem Handel ging, die Charthürde bei 54,30 Euro genommen und steht in der ersten halben Stunde nach Handelsauftakt bei 55,95 Euro. Doch nun lauern Widerstände bei 60,30, 61,75 und 64,40 Euro. Wenn sie diese überwinden könnte, kämen technische Kaufsignale hinzu.

          Die Sanofi-Aktie, mit 18,1 etwas ambitionierter bewertet als Aventis, hat sich binnen Jahresfrist vergleichsweise besser entwickelt. Ein Plus von 18,4 Prozent steht beim Kurs zu Buche, doch auch dieser Titel ist hinter dem französischen Leitindex CAC 40 zurückgeblieben. Nach einem Mittwochsschluß von glatt 60 Euro ist die Hürde bei 60,50 Euro erwartungsgemäß kein Thema mehr, da der Titel auf 62,25 Euro vorgerückt ist, aber jetzt sieht sich auch dieser Titel einer Reihe von weiteren Widerständen gegenüber.

          In Anbetracht dessen erscheinen diese Titel, wie etwa auch die Aktien von Altana, Novartis oder Schering, die ebenso hinter ihren Vergleichsindizes hinterher hinken, nur mäßig interessant. Doch kurzfristig dürften sie von neuen Fusions- und Übernahmephantasien profitieren. Diese müssen sich aber nicht bewahrheiten. Die Analysten der RZB Research rechnen nicht damit, daß am Beispiel der französischen Konzerne eine neue Konsolidierungswelle einsetzen wird. Und falls sich die Meldung als Ente erweisen sollte, könnten die Aktien Rückschläge erleiden. Dies sollte bedenken, wer das auf Phantasien gestützte Spiel mitmachen will.

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