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Pharma : Das Arzneimittelgesetz trifft einzelne Generikahersteller stärker

  • Aktualisiert am

Nur noch billige Pillen... Bild: Dieter Klein/STOCK4B

Das neue Arzneimittelgesetz wird zu hohem Preisdruck führen - auch im Markt für Nachahmerpräparate (Generika).

          3 Min.

          Verbandsvertreter und Analysten beurteilen die Folgen des Arzneimittelsparpakets der Bundesregierung für die deutsche Pharmabranche völlig unterschiedlich. In dem „Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz“ (AABG), das an diesem Samstag in Kraft tritt, sehen die einen ein Maßnahmenpaket mit europäischer Signalwirkung, andere rechnen nur mit geringen Auswirkungen auf die deutschen börsennotierten Medikamentenhersteller.

          Kritischer als Analysten schätzen derzeit Unternehmensberater die Situation ein: So würden sich einzelne Pharmaunternehmen für das laufende Jahr auf merkbare Umsatzeinbrüche einstellen. Fest steht, dass die Bundesregierung mit dem Sparpaket die Krankenkassen ab 2002 um 1,3 Milliarden Euro entlasten will. Dies entspräche einem Rückgang der Arzneimittelausgaben um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

          Preissenkungsdruck auch bei Generika erwartet

          Im Zentrum des Pakets steht die so genannte „Aut-idem-Regelung“. Frei übersetzt bedeutet das „oder etwas anderes“ und beschreibt die Regelung, dass die Ärzte nur noch bestimmte Wirkstoffe verschreiben und die Apotheker dann gehalten sind, dem Patienten ein Medikament aus dem unteren Preisdrittel herauszusuchen - in der Regel also ein Nachahmerpräparat (Generikum). Voraussetzung: Es muss mehrere wirkstoffgleiche Medikamente geben und der verschreibende Arzt hat auf dem Rezept die „Aut-idem-Regel“ nicht ausdrücklich ausgeschlossen.

          Wenn er auf die Verabreichung eines bestimmten Medikaments besteht, wird es sich dabei gemeinhin um ein höherpreisiges Originalprodukt handeln, das unter Patentschutz steht. Es kann jedoch auch vorkommen, dass ein solches Markenprodukt ebenfalls ins untere Preisdrittel fällt. Dann greift die „Aut-idem-Klausel“ ebenfalls nicht und der Apotheker darf das Präparat nicht durch ein Generikum ersetzen.

          Für Uwe May, Experte beim Bundesverband der Arzneimittelhersteller, ist das Sparpaket die „einschneidenste Maßnahme, die es im europäischen Pharmamarkt je gegeben hat“. Er rechnet damit, dass durch die „Aut-Idem-Regel“ Preissenkungsdruck bei den Generika aufgebaut wird und die Gesetzesänderung Signalwirkung auf andere europäische Länder hat. Da Deutschland als größter europäischer und weltweit drittgrößter Pharmamarkt für viele Länder Referenzcharakter habe, dürften auch dort Preisabwertungsspiralen in Gang kommen.

          „Große Generikahersteller dürften eher profitieren"

          Auch Klaus Schollmeier, Leiter Healthcare und Biotech bei der ING-Gruppe, sieht das Überleben kleiner Generikahersteller gefährdet: „Die großen, gut aufgestellten Unternehmen Ratiopharm, Hexal und Stada Arzneimittel dürften aber eher von dem neuen Gesetz profitieren.“ Denn diese Unternehmen seien näher am Apotheker, dem in Zukunft größere Marktmacht als zuvor zukomme. Grundsätzlich würde durch „Aut-idem“ die Substitution von Originalpräparaten durch Generika eher forciert, deshalb sei das Gesetz für dieses Marktsegment eher als Chance zu sehen. Insgesamt wenig betroffen sind seiner Ansicht nach die großen forschenden Hersteller von innovativen Originalpräparaten, weil der Markt für solche Produkte weiter wachse. „Wer allerdings ein verwundbares Portfolio hat, weil der Patentschutz für wichtige Medikamente ausläuft oder nicht über die notwendige Marketingmacht verfügt, dürfte eher zu den Verlierern gehören“, so der Branchenexperte.

          Die Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt schätzen die Auswirkungen des neuen Gesetzes insgesamt als gering ein: Die Mehrzahl der Generika sei bereits im unteren Preisdrittel angesiedelt, weshalb sie nicht unter Ersetzungsdruck geraten würden. Deshalb werde es auch nicht zu einer Preissenkungsspirale in diesem Segment kommen. Einer Studie des Instituts zufolge ist bei den Generika-Herstellern lediglich mit einem einmaligen Umsatzrückgang im niedrigen einstelligen Prozentbereich zu rechnen. Die Pharmaunternehmen Altana, Merck, und Schwarz Pharma seien kaum betroffen, dies gelte auch für den Großhändler Gehe.

          Das größte Risiko besteht den Analysten von HSBC-Trinkaus zufolge bei Stada Arzneimittel, die am stärksten vom deutschen Markt und den Generika abhängig sei. Allerdings würden die Ausnahmeklauseln der Aut-idem-Regelung sowie die Markenstärke der eigenen Generika-Mittel mittelfristig einen guten Schutz gegen den internationalen Wettbewerb bieten. Dagegen erwarten die Unternehmensberater der Boston Consulting Group zumindest für einzelne Generikahersteller “merkbare Umsatzeinbrüche“ im laufenden Jahr. Dabei hänge es stark vom Produktportfolio ab, wie sich das neue Gesetz auswirke.

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