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Pharma : Aktie von Merck & Co. längst noch nicht gesund

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Der Chart den Kursverlauf der Aktie von Merck & Co. an der Wall Street. Bild:

Merck & Co. winkt die Neuaufnahme des Vertriebs des Skandal-Mittels „Vioxx“. Gleichzeitig drohen eine Massenklage wegen „Vioxx“ und ein verfrühter Patentverlust bei der zweitwichtigsten Arznei. Bei der Aktie bleibt Vorsicht angesagt.

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          Zu Wochenbeginn stehen an den Aktienbörsen verschiedene Pharmawerte im Blickpunkt. Zum einen die schweizerische Novartis wegen der Übernahme von Hexal und Eon Labs, zum anderen die amerikanische Merck & Co. Die Aktie von Merck & Co. legt am deutschen Markt um gut sieben Prozent auf 25,03 Euro zu. Die Notiz vollzieht hierzulande den Kursgewinn nach, den das Papier am Freitag an der Wall Street hingelegt hat. Dort stieg der Kurs um gut 13 Prozent auf 32.61 Dollar.

          Der Grund: In der Affäre um das vom Markt genommene Schmerzmittel „Vioxx“ zeichnet sich eine spektakuläre Wende ab: Das Medikament könnte, mit einer besonderen Warnung versehen, wieder vertrieben werden. Den Blick nur auf diese Nachricht zu verengen, scheint allerdings nicht angebracht. Denn Merck & Co. droht eine Massenklage wegen der Folgen der „Vioxx“-Einnahme, der sich nun auch britische Patienten anschließen wollen.

          Zudem hat der Konzern erst vor drei Wochen in einem Patenstreit mit der israelischen Teva Pharmaceuticals den Kürzeren gezogen: Es droht dem Unternehmen für sein zweitwichtigstes Produkt, das Osteoporose-Medikament „Fosamax“, ein deutlich früherer Verlust seines Patentschutzes als bislang erhofft. Merck hat bisher damit gerechnet, „Fosamax“ bis 2018 alleine vertreiben zu können, doch nach dem neuen Urteil könnte der Patentschutz schon zehn Jahre früher auslaufen. Diese Nachricht ließ den Kurs der Merck-Aktie Ende Januar um gut zehn Prozent absacken. Und auch wenn der Titel derzeit auf dem höchsten Niveau in diesem Jahr notiert, wirkt er angesichts der Gemengelage noch längst nicht wieder gesund.

          Lediglich eine Empfehlung, aber...

          Zu der guten Nachricht für den amerikanischen Pharmariesen: Ein Expertenausschuß der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA hat am Freitag die Wiedereinführung des Medikaments empfohlen. „Vioxx“ war im September vergangenen Jahres zurückgezogen worden, nachdem in Studien ein erhöhtes Risiko von Herzkrankheiten in Zusammenhang mit der Einnahme des Mittels festgestellt worden war. Die Entscheidung des Ausschusses ist lediglich eine Empfehlung, die endgültige Freigabe muß von der FDA selbst erteilt werden, wie die F.A.Z. ausführt. Die Behörde folge aber üblicherweise den Empfehlungen ihrer Sachverständigen, sie will ihre Entscheidung innerhalb der nächsten Wochen treffen.

          Unschön ist für den Konzern die Aussicht, wegen „Vioxx“ bald vor Gericht zitiert zu werden. Merck & Co steht möglicherweise die größte bisher bei einem Unternehmen registrierte Klagewelle bevor. Rund 100 britische Patienten, die während der Vioxx-Einnahme Herzinfarkte oder Schlaganfälle erlitten, hätten sich der Sammelklage einer amerikanischen Anwaltskanzlei angeschlossen, berichtete die Wochenzeitung „The Business Weekly“ unter Berufung auf einen Anwalt der klagenden Locks Law Firm. Die Kanzlei vertrete bereits rund 300 amerikanische Patienten bei individuellen Klagen im Bundesstaat New Jersey, dem Sitz von Merck & Co. Die Kanzlei sammele noch Beweismittel, sie wolle die Klagen im April einreichen, hieß es.

          Der amerikanische Pharmakonzern hatte „Vioxx“ im vergangenen September wegen des erhöhten Risikos von Schlaganfällen und Herzinfarkten zurückgezogen. Studien zufolge soll das Medikament allein in den Amerika für bis zu 140.000 Fällen von Herzkrankheiten verantwortlich sein. Die Rücknahme hat den Konzern nach eigenen Angaben allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres 700 Millionen bis 750 Millionen Dollar Umsatz gekostet, wie Dow Jones-vwd anmerkt. Die FDA könnte sich auch aufgrund von Patienten-Bitten, „Vioxx“ wieder zuzulassen, den Vertrieb wieder gestatten.

          Günstige FDA-Entscheidung wäre für Merck doppelt erfreulich

          Falls „Vioxx“ wieder verkauft werden dürfte, führte dies gewiß zu einem unerwarteten Umsatzzuwachs. Schließlich brachte das Mittel im Jahr 2003 noch Erlöse von 2,5 Milliarden Dollar. Gleichsam könnte eine günstige Entscheidung der FDA die Position des Unternehmens mit Blick auf die Schadenersatzklagen verbessern. Doch steht der Beschluß der Arzneimittelbehörde eben aus. Spekulativ veranlagte Naturen werden auf die Erfahrung wetten, daß die FDA meist den Empfehlungen ihrer Experten folgt, und greifen zu.

          Sie haben im übrigen den erfolgreichen Investor John Dorfman auf ihrer Seite, der Merck & Co. zu Jahresbeginn zu seinen Favoriten für dieses Jahr erklärt hat. Dorfman führte zur Begründung die attraktive Ausschüttung an und die vergleichsweise günstige Bewertung. Beides gilt auch in diesen Tagen: Der Titel weist eine Dividendenrendite von 4,7 Prozent auf und ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13,25 zwar teurer als Pfizer (12,4), liegt aber unter seinem langjährigen Mittel von 23.

          Wer weniger zu Spekulationen neigt, wartet besser die Entscheidung der FDA ab. Und auch bei einem positiven Votum ist nicht mit einem unaufhaltsamen Höhenflug zu rechnen. Zumindest dann nicht, wenn Klagen aussichtsreich erscheinen. Anhängige Prozesse pflegen Aktien latent zu belasten, da sie einen kaum kalkulierbaren Unsicherheitsfaktor darstellen.

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