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Österreich : Die Wiener Börse verdient Bewertungsaufschlag

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Der österreichische Aktienmarkt hat sich zu mehr als nur einem Geheimtip gemausert. Was dort möglich ist, beweist Austria Börsenbrief-Autor Proschofsky, der seit Jahren beständig über 20 Prozent erwirtschaftet.

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          Der österreichische Aktienmarkt hat unter den etablierten europäischen Börsen seit einiger Zeit eine Sonderrolle inne. Anders als früher, als die Wiener Börse eher im Dreivierteltakt gemütlich vor sich hinwiegte, dreht man sich jetzt wesentlich schneller.

          Seit Mitte Oktober ist der richtungsweisende Aktienindex ATX um rund 30 Prozent gestiegen und befindet sich dadurch in einem intakten Aufwärtstrend. Bei einem aktuellen Stand von 1.308 Punkten ist der Index inzwischen aber nahe an das Vorjahreshoch bei 1.357,16 Punkten herangerückt.

          Idealer Markt für „Stockpicker“

          Um sich neues Potenzial zu erschließen, müßte der ATX erst diese Hürde überwinden. Rein charttechnisch gesehen wäre dann der Weg frei bis in den Bereich von 1.460 bis 1.480 Punkten. Alexander Proschofsky, Autor des „Austria Börsenbrief“ hat zum Jahresbeginn für den ATX sogar ein Kursziel bis Ende 2003 von 1.500 Punkten vorgegeben, an dem er auch jetzt noch festhält.

          Was an der österreichischen Börse, die gemessen am ATX trotz des jüngsten Anstiegs nur auf dem Niveau des Jahres 1997 notiert, bei der richtigen Wahl der Einzeltitel möglich ist, beweist Proschofsky seit langem. Das von ihm im wöchentlich erscheinenden „Austria Börsenbrief“ erwirtschaftete Kursplus beträgt alleine in diesem Jahr schon über 36 Prozent. Die gute Bilanz ist offenbar kein Zufall, denn in den vergangenen zehn Jahren kommt Proschofsky auf einen jährlichen Wertzuwachs von fast 23 Prozent.

          Geht es nach Proschofsky, sollen die Performances in den kommenden Jahren ähnlich gut ausfallen. Der Markt gebe das her, insbesondere dann, wenn man an den ein bis zwei großen Geschäften, die sich jedes Jahr machen lassen, beteiligt ist. Bis auf die Ausnahme Austria Tabak, deren Übernahme auch er verschlafen hat, hat Proschofsky nach eigener Aussage an allen großen Deals der vergangenen Jahre teilgehabt.

          Osteuropaphantasie und Pensionsförderung stützt

          Mit Blick auf den Gesamtmarkt hält der Österreich-Experte, der den dortigen Markt seit 1987 intensiv beobachtet, an der Prognose eines ATX von 1.500 Punkten fest. Für seinen Optimismus nennt Proschowsky im wesentlichen drei Gründe. Erstens verweist er auf die Osteuropa-Fantasie, die viele Unternehmen dank der Tatsache aufweisen, daß sie seit Jahren in der Region sehr aktiv sind. Die Gesellschaften hätten dort ihre „Sünden und Fehler bereits abgebüßt“ und würden jetzt die Früchte ihrer Arbeit ernten. Als Paradewert sei in diesem Zusammenhang die Erste Bank zu nennen, die bereits 80 Prozent ihrer Gewinne in Osteuropa erwirtschafte.

          Einen zweiten Kaufgrund sieht Proschofsky in dem neu eingeführten staatlich geförderten privaten Altersvorsorgemodell. Dadurch dürften beträchtliche Mittel an den Markt fließen, die sich gemessen an der Größe der österreichischen Börse als kursstützendes Element erweisen dürften.

          Etliche Abfindungs- und Übernahmekandidaten

          Ein dritter Vorzug besteht zudem darin, daß sich auf dem Wiener Kurszettel verhältnismäßig viele Abfindungs- und Übernahmekandidaten finden. Was in dieser Hinsicht möglich sei, habe erst unlängst die hohe Prämie deutlich gemacht, die Heineken bei der Übernahme der österreichischen Brauerei Brau Union geboten hat. Hier sei jedes Jahr ein- oder zweimal mit weiteren Aktivitäten dieser Art zu rechnen. So kursierten immer wieder Gerüchte, Swisscom könnte die Telekom Austria übernehmen. Sollte sich das irgendwann bewahrheiten, veranschlagt Proschofsky das Kurspotenzial gemessen am aktuellen Niveau auf 15 Prozent.

          Interessant gestaltet sich auch die Lage bei Generali Vienna. Hier halte die italienische Mutter Genrali bereits 90 Prozent der Aktien, was ihr nach österreichischem Recht einen Squeeze-Out ermögliche. Und da Generali ähnliches bereits bei der deutschen Tochter durchgezogen habe, sei diese Maßnahme auch bei Generali Vienna zu erwarten. Obwohl der Titel wegen dieser Spekulation zuletzt bereits anzog, ist für Proschofsky hier „bei relativ geringem Risiko noch etwas an Kursgewinnen drin“.

          Regelrecht ins Schwärmen gerät der Autor des Austria Börsenbrief wenn er auf seinen größten Favoriten überhaupt, den Kartonagenhersteller Mayr-Melnhof zu sprechen kommt. Das Unternehmen sieht er „ganz toll aufgestellt“, weshalb hier noch erhebliche Kurszuwächse zu erwarten seien.

          Österreich profitiert mehr und mehr von geographischer Lage

          Bei allem Lob, das sich die Wiener Börse wegen den genannten Vorzügen verdient hat, muß aber nach der zuletzt guten Kursentwicklung auch konstatiert werden, daß der früher übliche Bewertungsabschlag des dortigen Aktienmarktes inzwischen weitgehend abgebaut wurde. Doch selbst das läßt Proschofsky nicht als Argument gegen einen Kauf österreichischer Aktien gelten.

          Vielmehr rechnet er damit, daß sich die Verhältnisse in den kommenden Jahren umkehren und der ATX verglichen mit dem Dax einen Bewertungsaufschlag aufweisen wird. „Und das ist auch gerechtfertigt“ legt sich Proschofsky fest. Dafür spreche neben geringeren Konjunkturproblemen als in Deutschland die geographisch sehr gute Lage Österreichs. Nach der EU-Osterweiterung finde sich das Land in der Mitte Europas wieder, und wegen dieses Vorzugs sei auch weiterhin davon auszugehen, daß viele international agierende Konzerne ihren Firmensitz nach Österreich verlegen.

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