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Finanzmarkt Österreich : Chancen im Wiener Glutsommer

Aufsteiger: Produktion des Leuchtenherstellers Zumtobel Bild: Picture-Alliance

Österreichs Wirtschaft schwächelt, aber einzelne Aktien sind begehrt. Etwa die eines Zuckerbäckers mit türkischen Wurzeln, der die Fußball-EM bekocht. Im Aufschwung befinden sich auch einige Nischenanbieter.

          In Wien führt nicht nur die sommerliche Hitze zur Lethargie, auch die miese Wirtschaftslage drückt auf die Stimmung. Nach Zahlen der Nationalbank vom Montag ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um nur 0,1 Prozent gestiegen. Der restliche Euroraum wuchs viermal so stark. Die Befunde der Bank sind ernüchternd: Seit geraumer Zeit zeige Österreichs Wirtschaftsleistung „keinerlei Dynamik“, das Land habe sich „von der positiven Entwicklung im Euroraum weitgehend abgekoppelt“. Die Binnennachfrage bleibe schwach, der Export sei geschrumpft, auch die Investitionen nähmen ab.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Frage ist, warum das Alpenland zurückbleibt. Die Zentralbank verweist auf den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der Österreich und dessen osteuropäische Handels- und Finanzpartner besonders getroffen hat. Des Weiteren bedeute die Krisenbank Hypo Alpe Adria (Heta) eine Extra-Bürde. Drittens trübten die Diskussionen um die Steuerreform und den Standort die Stimmung.

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          Dennoch gibt sich die Notenbank zuversichtlich. Die Euroschwäche, der Wertpapierrückkauf durch die EZB und die niedrigen Energiepreise führten zu einer Verbesserung der Auftragslage, was „auf einen bevorstehenden moderaten Konjunkturaufschwung in Österreich hoffen lässt“. Im zweiten Quartal dürfte sich das Wachstum daher verdoppelt haben, im dritten Quartal könnte die Expansion 0,3 Prozent betragen. Freilich wäre das immer noch weniger als im Rest Europas.

          Nur noch auf dem siebten Platz

          Entsprechend schwankt an der Börse in Wien die Laune zwischen Optimismus und Schwarzseherei. Nachdem der Finanzplatz vor wenigen Wochen noch zu den besten in der Eurozone gezählt hatte, ist er jetzt auf den siebten Platz zurückgefallen. Seit Jahresbeginn hat der Wiener Leitindex ATX etwa 18 Prozent zugelegt. Das ist zwar mehr als der Weltindex MSCI World und übertrifft auch die angelsächsischen Börsenbarometer in New York und London. Andere europäische Indizes haben sich aber besser entwickelt, etwa in Frankreich oder Spanien. Spitzenreiter mit 35 Prozent ist der Bux in Budapest, Wiens Schwesterstadt an der Donau. Der Dax verzeichnet ein Plus von 19 Prozent.

          In Österreich zeigen sich vor allem solche Unternehmen in schwacher Verfassung, an denen der Staat beteiligt ist, etwa der Rohstoffförderer OMV, die Telekom Austria, die Post oder der Stromkonzern Verbund. Unterdurchschnittlich laufen auch Immobilien- und Versicherungstitel: Das Kellerkind mit einem Kursverlust von 13 Prozent ist die Vienna Insurance Group VIG. Am oberen Ende der Liste hat die Aktie der Erste Group 42 Prozent an Wert gewonnen. Die Bankengruppe, die mit einer Gewichtung von 15 Prozent den ATX dominiert, scheint nach harten Jahren das Schlimmste überwunden zu haben.

          Jenseits dieses Schwergewichts fällt auf, dass es vor allem Nischenanbieter sind, die sich im Aufschwung befinden. Wie im Vorjahr führt der Leuchtenkonzern Zumtobel aus Vorarlberg den ATX an. Das Familienunternehmen brilliert mit einem Plus von 57 Prozent. Der Faserhersteller Lenzing schafft fast 30 Prozent; die Wienerberger AG, Weltmarktführer in der Ziegelproduktion, erreicht 28 Prozent; RHI, Weltmarktführer für Feuerfestprodukte, verzeichnet einen Kursgewinn von 25 Prozent.

          Analysten sehen erhebliches Potential nach oben

          Die österreichischen Titel können für Anleger also nach wie vor interessant sein. Nicht zuletzt, weil die Unternehmen traditionell hohe Dividenden zahlen. Diese werden in der Berechnung des ATX - anders als im Dax - nicht berücksichtigt. Schaut man auf die Gewinnausschüttung, dann liegen plötzlich Gesellschaften vorn, deren Kurse hinterherhinken, etwa OMV, VIG, deren Konkurrent Uniqa oder der Ölfeldausrüster Schoeller Bleckmann. Gut in beiden Feldern - der Kurs- und der Dividendenentwicklung - schneidet der Stahlhersteller und Autozulieferer Voestalpine aus Linz ab.

          Analysten sehen im Markt erhebliches Potential nach oben, zumal einige der Aktien im Sinne des Kurs-Gewinn-Verhältnisses attraktiv bewertet sind, sprich: billig. Der Halbleiterhersteller AMS aus der Steiermark profitiert stark von der Digitalisierung im Mobilfunk, im Verkehr und in der Medizin. Deshalb empfehlen Fachleute seine Aktien zum Kauf. Gleiches gilt für den letzten erfolgreichen europäischen Leiterplattenhersteller AT&S, der 2014 das beste Geschäftsjahr seiner Geschichte feierte und vor allem in China stark wächst.

          Beliebt sind bei Analysten auch der günstig bewertete Wiener Baukonzern Porr, der stark wachsende Kranhersteller Palfinger sowie der Autozulieferer und Kunststoffverarbeiter Polytec. Als Geheimtipp gilt der Caterer Do & Co, der 1981 von einem türkischstämmigen Unternehmer als Feinkostgeschäft in Wien gegründet wurde. 2002 machte Do & Co Schlagzeilen, als es die Konditorei Demel erwarb. Zwei Jahre später stemmte man die gesamte Verköstigung auf der Fußball-Europameisterschaft in Portugal. Die Anschlussaufträge folgten 2008 und 2012, auch in der EM 2016 in Frankreich ist Do & Co der Exklusiv-Caterer. Außerdem beliefert und bekocht der Betrieb mittlerweile 60 Fluggesellschaften.

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