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Ölkatastrophe : Erste Fragen zur Systemrelevanz von BP

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Schon wird untersucht, zu welchen Verwerfungen ein Zusammenbruch von BP auf den Finanzmärkten führen könnte. Doch Fachleute glauben nicht an ein „Lehman Brothers“-Ereignis für die Ölindustrie.

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          Sollte der britische Ölkonzern BP wegen der Katastrophe im Golf von Mexiko zusammenbrechen, stellt sich die Frage, ob die Insolvenz zu einem systemischen Risiko für die Weltfinanzmärkte werden könnte. Die Besorgnis steigt, da es Berichte über Krisenpläne der britischen Regierung für den Fall eines Zusammenbruchs des BP-Konzerns gibt. Von einer möglichen Insolvenz wären nicht nur Anleger wie Pensionsfonds betroffen, die in BP-Aktien investiert haben. Gravierend könnte ein solches Ereignis auch sein, weil BP einer der größten Anbieter im Energiemarkt ist und aus diesem Grund geradezu zwangsläufig die Versorgung mit Öl und Gas auf der Welt sicherstellt.

          „BP ist einer der größten Produzenten“, sagt Steffen Bukold, Ölfachmann des unabhängigen Analyseunternehmens Energycomment. Im vergangenen Jahr war BP sogar vor Exxon Mobil der weltgrößte Produzent für Öl und Gas. BP gehören wichtige Öl- und Gasleitungen in der Nordsee. Außerdem ist BP an den Finanzmärkten eine bedeutende Gegenpartei für Absicherungsgeschäfte am Terminmarkt. Allerdings stellt eine BP-Insolvenz nach Einschätzung von Bukold kein vergleichbares Systemrisiko für die Finanzmärkte wie bei den Banken dar: „BP ist nicht das Lehman Brothers der Ölindustrie“, sagt Bukold.

          Die amerikanische Bank Lehman Brothers hatte im September 2008 Insolvenz angemeldet und Schockwellen durch das globale Finanzsystem geschickt. „Ich glaube ohnehin nicht, dass BP zusammenbricht“, sagt Bukold. „Im Falle einer Insolvenz wären viele Unternehmen daran interessiert, BP-Tochterunternehmen zu kaufen.“ Sollte BP gezwungen sein, Anteile zu verkaufen, oder im schlimmsten Fall zusammenbrechen, könnten sich allerdings Förderprojekte verzögern. Dies hätte dann auch Auswirkungen auf den Ölpreis.

          Die amerikanische Notenbank Fed soll schon untersucht haben, wie es um die Systemrelevanz von BP bestellt ist. Das Ergebnis ist zwar nicht bestätigt, doch soll nach Einschätzung der Fed keine Systemrelevanz wie bei den Banken vorliegen. „Ein Unterschied zur Bankenkrise liegt darin, dass die Ölkonzerne deutlich finanzstärker sind“, sagt Bukold.

          BP erwägt, sich von von Beteiligungen zu trennen

          Der BP-Konzern ist an den Finanzmärkten auch eine wichtige Gegenpartei für Absicherungsgeschäfte am Terminmarkt. Doch selbst wenn BP insolvent wäre, besteht nach Einschätzung von Rohstoffanalysten, die mit Blick auf BP nicht zitiert werden wollen, „kein großes Risiko für die Terminmärkte“. Sie argumentieren: „Auch bei einer Insolvenz des BP-Konzerns wäre die physische Öllieferung nicht sonderlich beeinträchtigt.“

          Wegen der Ölpest im Golf von Mexiko erwägt BP, sich von Beteiligungen zu trennen. Als Käufer kommen nicht nur BP-Konkurrenten wie Exxon Mobil und Shell in Betracht. Auch der chinesische Staatskonzern CNOOC dürfte interessiert sein. Zwar will BP keine neuen Aktien ausgeben, um mit den Einnahmen die Kosten der Katastrophe zu decken. BP hat aber ein Interesse daran, dass Aktionäre ihren Anteil erhöhen oder neue Investoren gefunden werden. Seit die Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April im Golf von Mexiko explodiert ist, hat sich der Wert der BP-Aktie halbiert, das Unternehmen muss eine feindliche Übernahme fürchten. Bisher hat die Katastrophe BP 3,12 Milliarden Dollar gekostet. Immer noch fließen jeden Tag Millionen Liter Rohöl ins Meer.

          BP-Aktie gewinnt wieder an Wert

          Der rasante Abstieg des Kurses der BP-Aktie schmerzt allerdings die Pensionsfonds. Viele britische Fonds haben in BP-Aktien investiert, um mit den Dividendenzahlungen die finanzielle Versorgung von Millionen Pensionären zu finanzieren. Nach der Katastrophe im Golf von Mexiko hat BP die Dividende für dieses Jahr gestrichen. Ein Systemrisiko bestehe auch mit Blick auf die Fonds nicht, argumentieren Analysten: „Auch wenn es wegen der BP-Katastrophe zu weiteren Ausfällen für die Fonds kommen sollte, die Pensionsfonds müssten dies abfedern können“, sagt ein Analyst. Zumal die Banken- und Finanzkrise der vergangenen Jahre für größeren Schaden gesorgt habe, als eine BP-Insolvenz anrichten würde.

          Am Dienstag gewann die BP-Aktie wieder an Wert. Die Royal Bank of Scotland hat die Aktie des Ölkonzerns von „halten“ auf „kaufen“ heraufgestuft. Aus Sicht der Analysten seien nun selbst pessimistische Prognosen zu den Kosten der Ölkatastrophe im Aktienkurs eingepreist.

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