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Ölaktien : Die größte Gefahr lauert in der Tiefsee

Stimmungstöter für Ölaktien Bild: ddp

Die Aktien großer Ölkonzerne erscheinen oft niedrig bewertet, auch wenn eine ganze Reihe von Unternehmen viele Milliarden Dollar verdient. Anleger haben nach dem Unfall im Golf von Mexiko Angst. Und davor, dass die Saudis den Ölpreis bestimmen.

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          Die professionellen Marktbeobachter sind sich einig, wenn es darum geht, die Aktien großer Ölkonzerne einzuschätzen. Sie empfehlen sowohl die Anteilsscheine von Exxon Mobil, dem mit einer Marktkapitalisierung von rund 280 Milliarden Dollar aktuell wertvollsten amerikanischen Unternehmen, als auch von dessen Wettbewerbern Chevron und Royal Dutch Shell. Unter den Analysten, die beim Finanzdatenportal Bloomberg registriert sind, rät beispielsweise im Moment niemand, Chevron-Aktien zu verkaufen; dafür raten 18, sie zu kaufen, nur sieben, sie zu behalten, wenn sie schon im Portfolio sind.

          Alexander Armbruster
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Die Einschätzung fußt dabei wesentlich auf zwei Argumenten - einem gesamtwirtschaftlichen und einem betriebswirtschaftlichen. Sollte sich die Wirtschaftsleistung, die im vergangenen Jahr in vielen Industrieländern deutlich zurückgegangen war, wieder erholen und mithin ein höheres Wachstum der Weltwirtschaft auslösen, heißt das nichts anderes, als dass die Unternehmen wieder mehr produzieren. Und dafür fragen sie üblicherweise mehr Öl nach.

          Geld fließt in die Kassen

          Denn nach wie vor hängt die Produktion in Ländern wie etwa den Vereinigten Staaten oder Deutschland sehr stark vom Erdöl ab, sei es, um daraus Strom und Wärme zu erzeugen, sei es, um in Chemiefabriken komplizierte Kunststoffe zu produzieren. Nach einer Schätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris sind im zweiten Quartal dieses Jahres auf der ganzen Welt 3,2 Prozent mehr Öl nachgefragt worden als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

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          Ölaktien : Die größte Gefahr lauert in der Tiefsee

          In den Monaten April, Mai und Juni haben die großen Ölmultis denn auch wieder mehr verdient als im vergangenen Jahr. Der amerikanische Marktführer Exxon Mobil verdiente im zweiten Vierteljahr netto 7,6 Milliarden Dollar. Das sind immerhin 85 Prozent mehr als zur selben Zeit des Vorjahres.

          Konkurrent Chevron, die Nummer zwei auf dem amerikanischen Ölmarkt, meldete, im zweiten Quartal 5,4 Milliarden Dollar verdient zu haben. Das ist gegenüber dem Vorjahr sogar eine Verdreifachung. Umgerechnet entspricht das einem Gewinn von 2,70 Dollar je Aktie, deutlich mehr, als die Marktbeobachter erwartet hatten - sie rechneten im Durchschnitt mit 2,44 Dollar je Anteilsschein. Zuvor teilte der niederländisch-britische Ölkonzern Royal Dutch Shell mit, seinen bereinigten Quartalsgewinn auf 4,5 Milliarden Dollar annähernd verdoppelt zu haben.

          Den Reigen der positiven Branchenergebnisse komplettierte der französische Wettbewerber Total, der einen Quartalsgewinn in Höhe von 2,96 Milliarden Euro auswies - 72 Prozent mehr als im Vorjahr. Sie alle profitierten dabei davon, dass der Ölpreis Ende April und Anfang Mai auf einem Stand von über 90 Dollar für ein Fass (159 Liter) der amerikanischen Sorte WTI notierte. Einzig der britische Ölkonzern BP erzielte 17 Milliarden Dollar Verlust aufgrund der Kosten durch das Leck einer seiner Unterwasserölquellen im Golf von Mexiko.

          Ressourcenersatz fällt nicht allen leicht

          Dass die Marktbeobachter auch für das gesamte Jahr mit guten Ergebnissen rechnen, hat im Augenblick darüber hinaus zur Folge, dass die Aktien dieser großen Ölwerte im Vergleich nicht sonderlich teuer erscheinen. Das Verhältnis aus aktuellen Börsenkursen und für dieses Jahr erwarteten Gewinnen pro Aktie (KGV) ergibt nach Daten von Bloomberg für Exxon Mobil einen Wert von 10,5, für Chevron einen von 8,3 und für Royal Dutch Shell einen von 9. Die entsprechende aggregierte Kennzahl für den amerikanischen Leitindex S&P 500 beträgt momentan 13, für den deutschen Leitindex Dax 11,6. Übersetzt heißt das, dass sowohl amerikanische als auch deutsche Standardwerte im Durchschnitt teurer sind.

          Die niedrigere Bewertung hängt damit zusammen, dass die Ölmultis trotz ihrer Milliardengewinne und des verbesserten wirtschaftlichen Umfelds nicht sorgenfrei dastehen. Besonders eine Frage treibt dabei Anleger an den Finanzmärkten um: Finden die Konzerne genügend neues Öl, um die bereits geförderten Mengen auszugleichen?

          Die Autoren einer aktuellen Studie der Deutschen Bank haben ausgerechnet, wie die großen Ölmultis mit diesem Thema in den Jahren 2005 bis 2009 umgegangen sind. Üblicherweise werden dafür die in einem Jahr neu erschlossenen Ölvorkommen mit der tatsächlichen Förderung ins Verhältnis gesetzt (Reserve Replacement Ratio). Dabei ergaben sich für Exxon Mobil und Shell Werte von 130 bis 150 Prozent - beide Unternehmen haben also dafür gesorgt, dass mindestens ihre momentane Förderung aufrechterhalten werden kann. Chevron und insbesondere Total fällt das der Studie zufolge hingegen schwerer.

          Tiefseegefahren

          Als zusätzliches Problem kommt hinzu, dass viele neue Vorkommen unter Wasser im Meer liegen und nur über risikoreiche, komplizierte und teure Verfahren angebohrt werden können. Die explodierte Plattform „Deep Water Horizon“ im Golf von Mexiko sollte Öl aus über tausend Meter Tiefe fördern.

          Der Vorstandschef von Royal Dutch Shell, Peter Voser, äußerte denn auch während der Vorlage der Quartalszahlen, dass der „Ausblick nach wie vor unsicher“ sei. Infolge des vorübergehenden Verbots für Tiefseebohrungen, das die amerikanische Regierung ausgesprochen hat, legte sein Unternehmen sieben Plattformen still und stellte dafür 56 Millionen Dollar zurück.

          Nicht zuletzt ist der Ölpreis seit Mai deutlich gesunken von mehr als 85 auf unter 80 Dollar für ein Fass. Ursache dafür waren Sorgen um die Zahlungsfähigkeit Griechenlands und anschließend vor allem um die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Bei 75 Dollar pro Fass sehen Vertreter Saudi-Arabiens - des größten Ölförderers der Welt - als fair an. Die Analysten der Deutschen Bank sagen voraus, dass das Land den Preis in dieser Höhe halten möchte, um die Erholung der Weltwirtschaft, die Saudi-Arabien vor allem selbst nutzt, nicht zu gefährden. Sie trauen den Saudis darüber hinaus sogar zu, das auch zu schaffen.

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