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Niederlande : Die drittälteste Aktie der Welt

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Start-Up-Aktie: Ein VOC-Anteil brachte in rund einem Jahrzehnt knapp 100 Prozent Dividende. Bild: Stadtarchiv Amsterdam

Die holländische Handelskompanie VOC gilt als älteste Aktiengesellschaft der Welt. Nun ist ein Anteil aus dem Jahre 1606 aufgetaucht: ein rentables Papier.

          Die Anteilseigner mussten eine Weile um ihre Rendite bangen: Jahrelang bekamen sie von ihrem Unternehmen keine Dividende ausgeschüttet – nach etwa einer Dekade aber konnten sie sich dann doch über fast 100 Prozent Rendite freuen, ihr Einsatz hatte sich verdoppelt. Anfang des 17. Jahrhunderts war das, im „Goldenen Jahrhundert“, in dem die Niederlande blühten und den Welthandel beherrschten. Das Unternehmen: die Verenigde Oostindische Compagnie (VOC), jene Gesellschaft, die den Handel im Osten betreiben durfte. In Amsterdam ist jetzt ein Anteilschein der VOC aufgetaucht, aus dem Jahr 1606: nach heutigem Wissen die drittälteste Aktie der Welt. Sie gehörte einst der Halbwaise Agnietje Nagel, das Papier lagerte all die Zeit im Archiv der Waisenkammer.

          Kaufleute gründeten die VOC 1602. Um Schiffe und Mannschaften zu finanzieren, wandte sich die Gesellschaft an Privatleute; die Anteile waren übertrag- und handelbar. Deswegen gilt die VOC als erste Aktiengesellschaft. Sie setzte schon im Gründungsjahr die erste Finanzierungsrunde auf, und es sollte die einzige bleiben: Insgesamt schrieben sich mehr als 2000 Menschen in das Register ein, davon 1143 am Hauptsitz Amsterdam. Es war ein riskantes Unterfangen. Würde das Unternehmen reüssieren, würden die Schiffe überhaupt zurückkommen? Ein echtes Start-Up, von hohen Gewinnen bis zum Totalverlust des Kapitals war alles möglich.

          Anteile zwischen 50 und 85.000 Gulden

          Dennoch zeichneten Privatleute aus allen Schichten, mit kleinem und großem Geldbeutel – Handwerker oder Anwälte, Händler, Haushälterinnen oder Dienstboten. Die meisten Anteile wurden mit einem Nennwert zwischen 300 und 6000 Gulden ausgereicht, wie Harmen Snel berichtet, Archivar im Stadtarchiv Amsterdam, das die Aktie von Agnietje Nagel jetzt gefunden hat. 300 Gulden, das wären an der Kaufkraft gemessen heute etwa 5000 Euro. „Es gab aber auch Anteile für 50 Gulden und auch welche über Zehntausende.“ Der Extremfall: 85.000 Gulden.

          Die Anteilseigner zahlten in mehreren Tranchen bis 1606 ein, dann bekamen sie ein Récipissé, einen Zahlungbeleg. Am 6. Oktober 1606 erhielt der Lebensmittelhändler Theunis Jansz so einen Schein. Er wurde über vier Generationen vererbt und ging an Agnietje über, Jansz’ Ururenkelin. Sie war Halbwaise, deswegen lag die Aktie in der Obhut der Waisenkammer, einer städtischen Einrichtung, die den Besitz von Amsterdamer Waisen und Halbwaisen verwaltete. Agnietje hatte aber auch ein Haus an einer der Amsterdamer Hauptgrachten geerbt, der Herengracht. Und weil der Unterhalt teuer war, musste 1739 der VOC-Anteil verkauft werden.

          Die Aktie war 600 Gulden wert, also grosso modo 10.000 Euro. Wenn jemand verkaufte, dann wurde der Anteil im Register auf den neuen Eigner umgeschrieben. Das Papier selbst erhielt der alte Besitzer manchmal zurück, nur war es jetzt entwertet. So landete Agnietjes Anteil wieder bei der Waisenkammer. Weil die Verwalter ihn falsch ablegten, blieb das Papier so lange verborgen. Das Amsterdamer Stadtarchiv entdeckte den Schein im Fundus der Kammer.

          Eine von vier bekannten VOC-Aktien

          Nachdem die Anleger von 1602 bis 1606 ihre Einlage nach und nach eingezahlt hatten, warf ihr Investment erst einmal wenig ab. „Die Leute begannen ein bisschen zu murren“, sagt Snel. 1612 erst habe die VOC eine Dividende ausgekehrt, dafür dann aber auch gleich 51 Prozent. Drei Jahre später folgte eine zweite Ausschüttung, diesmal 44 Prozent. Im VOC-Register blieb der Anteil stets mit demselben Nominalwert gelistet, es gab keine offiziell festgestellten fluktuierenden Kurse. „Es war eigentlich eine Mischung aus Aktie und Obligation“, sagt Snel. Ende des 18. Jahrhunderts hörte die VOC auf zu bestehen, die Niederlande hatten längst ihre Führungsrolle in der Welt verloren.

          Agnietjes Anteilschein ist nach Angaben des Stadtarchivs Amsterdam eine von vier existierenden VOC-Aktien, die überhaupt bekannt sind. Die älteste ist knapp einen Monat älter, ausgestellt einst von der VOC-Filiale Enkhuizen. Die zweitälteste wurde vor vielen Jahren aus dem Amsterdamer Stadtarchiv gestohlen; sie tauchte später auf dem Markt auf, ein Deutscher erwarb sie, und so ist sie heute auch in Deutschland aufbewahrt. „Die liegt irgendwo in einem Schließfach“, sagt Snel. Für die Historiker frustrierend – das Gemeindearchiv bemühte sich in den neunziger Jahren, das Papier zu erwerben, aber der geforderte Preis war zu hoch.

          Schließlich ist noch ein VOC-Anteil aus dem Dezember 1606 bekannt; er liegt in den historischen Schätzen der Amsterdamer Börse. Agnietjes Anteilschein ist also, am Alter gemessen, die neue Nummer drei – ein doppelt gefaltetes Blatt in DIN-A-4-Größe. Das Stadtarchiv Amsterdam stellt das Dokument bis 18. Oktober aus.

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