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Neue Regularien : Banken brauchen 100 Milliarden Euro Kapital

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Europäische Finanzinstitute haben mit neuen Regularien und strikteren Kapitalanforderungen zu kämpfen. Fachleute rechnen mit Übernahmen.

          3 Min.

          Fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sind europäische Banken weiterhin unterkapitalisiert. Nach aktuellen Berechnungen der Beratungsgesellschaft McKinsey haben Europas Banken einen Kapitalbedarf von bis zu 100 Milliarden Euro. Die amerikanische Bank JP Morgan Cazenove geht von 79 Milliarden Euro bis zum Jahr 2015 aus. Die einzelne Lage der Banken stellt sich unterschiedlich dar, was auch ein Blick auf die Aktienkurse zeigt.

          Gemeinsam haben die Finanzinstitute, dass sie seit dem Jahr 2008 mit höheren Kapitalkosten, veränderten Regularien und strikteren Kapitalanforderungen zu kämpfen haben, heißt es in der McKinsey-Studie. Aufgrund der andauernden Restrukturierung des Bankensektors werden Übernahmen und Verkäufe von Geschäftseinheiten erwartet. So schätzt McKinsey, dass in der nächsten Zeit europäische Banken bis zu 725 Geschäftseinheiten unterschiedlicher Art (Privatkundengeschäft, Investmentbanking, Vermögensverwaltung) in verschiedenen Ländern und Regionen veräußern werden. Da 16 der 20 größten Banken nicht europäisch seien und diese insgesamt besser dastehen würden, rechnet McKinsey eher mit Aktivitäten von internationaler als von europäischer Seite.

          Periode der Stagnation abgeschlossen

          Bis jetzt entwickelt sich der Markt für Übernahmen und Fusionen (Merger & Acquisitions, M&A) aber verhalten. Noch im Jahr 2007 fanden im Bankensektor Transaktionen in Höhe von 207 Milliarden Euro statt, übertroffen ein Jahr später durch das Eingreifen von Regierungen, die Banken verstaatlichten, mit 322 Milliarden Euro. Seitdem bewegen sich M&A-Aktivitäten auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Im vergangenen Jahr wurden Geschäfte im Wert von 67 Milliarden Euro abgewickelt, in diesem Jahr bis jetzt in Höhe von 28 Milliarden Euro.

          Die Periode der Stagnation sei jedoch abgeschlossen, meint McKinsey. Die Banken seien durch die neuen Regularien der Aufsichtsbehörden gezwungen, ihre Risikobewertung zu verbessern, ihre Bilanzen zu verkleinern oder Staatshilfen zurückzuzahlen - sprich sich von (unrentablen und risikoreichen) Geschäftseinheiten zu trennen. Bewegung dürfte auch durch die Regierungen selbst kommen, die nach den Rettungsaktionen Eigentümer von Banken sind. Aufgrund von Haushaltsdefiziten seien viele Regierungen unter Druck, ihre Anteile an (teilweise) verstaatlichen Banken zu verkaufen und Einnahmen zu generieren.

          Bankaktien schneiden schlecht ab
          Bankaktien schneiden schlecht ab : Bild: F.A.Z.

          Abgesehen von den Bemühungen, Fremdkapital abzubauen und die Kapitalquoten zu verbessern, benötigen die Finanzinstitute bis zu 100 Milliarden an Kapital, wie McKinsey vorhersagt. Die Deutsche Bank erwartet, dass schon durch den noch in diesem Jahr anstehenden Bilanztest der Europäischen Zentralbank der Risikovorsorgebedarf der europäischen Banken um durchschnittlich 30 Prozent nach oben schnellen wird (F.A.Z. vom 12. September). Die Deutsche-Bank-Analysten vermuten ferner, dass allein diese Bilanzprüfung der Commerzbank den höchsten Kapitalbedarf aller europäischen Banken hervorrufen wird: 2,6 Milliarden Euro. JP Morgan rechnet für 25 Banken mit 79 Milliarden Euro Kapitalbedarf bis 2015.

          Bankenaktien nicht im Gleichschritt

          Die divergierenden Situationen in den einzelnen Instituten zeigen auch deren Aktienkurse. Britische Bankaktien ragen in diesem Jahr an der Börse in London positiv heraus. Deutsche Bankaktien dagegen entwickeln sich seit Jahren schlechter als der gesamte deutsche Aktienmarkt. Der Bankenindex innerhalb des F.A.Z.-Index ist seit Januar dieses Jahres um 5,6 gestiegen, der im Euro Stoxx um fast 12 Prozent.

          Der Kurs der Aktie der britischen Lloyds Bank hat um 57 Prozent zugelegt, der Kurs der französischen Bank Natixis ist gar um 71 Prozent gestiegen. Beide haben anscheinend eine erfolgreiche Restrukturierung auf den Weg gebracht. Die spanische Bankia SA hingegen musste in diesem Jahr Kursverluste von fast 83 Prozent hinnehmen, die österreichische Raiffeisenbank 17 Prozent, die Commerzbank liegt auf Platz drei mit einem Minus von 12 Prozent. Die Barclays-Aktie entwickelte sich besser als die der Deutschen Bank: Im Vergleich zu vor einem Jahr liegt der Barclays-Kurs um 41 Prozent höher, seit Jahresanfang hat er um 11 Prozent zugelegt. Die Aktie der Deutschen Bank kostet 9 Prozent mehr als vor einem Jahr und 2,8 Prozent mehr als zu Jahresbeginn.

          “Für große und komplexe Bankengruppen im Euroraum liegt das Kurs-Buchwert-Verhältnis derzeit im Schnitt bei gut 0,5“, sagte das deutsche Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, Jörg Asmussen, vor ein paar Tagen. Je niedriger das Kurs-Buchwert-Verhältnis, desto preiswerter ist eine Aktie. Das bedeute, dass Anleger der Meinung seien, dass Banken entweder den Wert ihrer Aktiva zu hoch ansetzten, nicht die erwartete Ertragsrate erbringen würden oder frisches Kapital brauchen, fügte Asmussen hinzu.

          Für JP Morgan sind Bankaktien im Vergleich zu anderen Sektoren „preiswert“, wenn man sich das Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,8 anschaue. Die Analysten empfehlen die Aktien von Unicredit, UBS, Société Générale und der Deutschen Bank zu kaufen, und sind vielen anderen gegenüber, darunter Lloyds oder Commerzbank, neutral eingestellt. Nach Meinung der Analysten sei das Aufwärtspotential nur für einzelne Werte gegeben und nicht für den Bankensektor insgesamt.

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