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Bilanz eines Desasters : Neue Aufmerksamkeit für Unternehmen aus dem Neuen Markt

Die Vorzugsaktie des Laborzulieferers Sartorius ist die beste der wenigen Erfolgsaktien des ehemaligen Neuen Marktes. Bild: Picture-Alliance

Der Neue Markt hat die Aktie in Deutschland in Verruf gebracht. Eine Bilanz des Desasters nach 19 Jahren zeigt, dass dies durchaus verständlich ist.

          An diesem Donnerstag wäre er 19 Jahre alt geworden, der Neue Markt. Wenn es ihn noch gäbe. Denn tatsächlich wurde Deutschlands wohl verrufenstes Aktienmarktsegment schon kurz nach seinem sechsten Geburtstag geschlossen und vom Tec-Dax beerbt. Auch wenn sich an den Fall des Segments für Wachstumsunternehmen fast nur noch die Über-Vierziger erinnern, war dieser ein schwerer Schlag für die Aktienkultur in Deutschland. So besaß damals fast jeder sechste Deutsche Aktien und/oder Aktienfonds. 2015 war es nur noch jeder neunte, obwohl die Zahl gegenüber 2014 deutlich gestiegen ist.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf dem Höhepunkt der IT- und zu Beginn der Internetrevolution war der Neue Markt als Segment für mittelständische Wachstumsaktien geschaffen worden. Die Absicht war gut, das Reglement nicht schlecht - aber zu viele wollten den großen Reibach machen. Das spülte Unternehmen an den Markt, die dort nichts zu suchen hatten. Firmen, die nicht reif waren für eine Publikumsgesellschaft, keine nachhaltigen Geschäftsmodelle hatten, aber auch einen Gutteil Glücksritter.

          Jüngst haben die Unternehmen des früheren Neuen Marktes ein kleines Comeback erlebt. Als am Dienstag der vergangenen Woche der Aktienkurs des Cloud-Spezialisten Cancom mit 48,38 Euro ein neues Allzeithoch erreichte, war dies der zwanzigste Höchstkurs eines der einstigen Überflieger seit Beginn des Jahres 2015. Das waren mehr Höchstkurse als in den 13 Jahren davor.

          Zwischen 1997 und 2003 wurden die Aktien von mehr als 300 Unternehmen am Neuen Markt gehandelt. Heute, fast 13 Jahre danach, ist davon noch knapp die Hälfte börsennotiert. 97 Unternehmen und damit fast jeder dritte der damaligen „Shooting-Stars“ ging dagegen in die Insolvenz. Mancher eher spektakulär wie etwa der IT-Dienstleister Heyde oder das Software-Unternehmen Infomatec, bei dem manche auch heute noch nicht sicher sind, was das Unternehmen tatsächlich machte und ob es überhaupt etwas tat. Andere schieden eher unbemerkt dahin wie etwa das Software-Unternehmen Bäurer oder der Mediendienstleister Cross.IT Media.

          Mehr als die Hälfte der Insolvenzanträge wurde noch zu Zeiten des Neuen Marktes gestellt, vornehmlich in den Jahren 2001 und 2002, 14 weitere im Zuge der Finanzkrise 2008 und 2009. Augenscheinlich hatten einige Unternehmen die Krise zu Beginn des Jahrzehnts mühsam überlebt, sich aber nie richtig erholt.

          Der jüngste Konkursantrag datiert aus dem Juli 2014. Die Chemiefirma Hansa Group, deren Aktiennotierung einmal der Kassenhersteller Vectron Systems innehatte, musste ihre Geschäfte einstellen. Vectron selbst ist dagegen weiter oder besser gesagt: nach der Abtrennung von der Hansa Group seit 2007 wieder) an der Börse. Wer dagegen 1999 die alte Vectron-Aktie gekauft und als Hansa Group gehalten hatte, musste einen Totalverlust hinnehmen.

          Kaum Restwerte aus Auflösungen

          Neben den 97 Unternehmen, die in der Insolvenz endeten, lösten sich sechs freiwillig auf. Das erste war der Telekommunikationsdienstleister Trius, dessen Aktionäre schon Ende 2001 beschlossen, dass die weitere Fortsetzung des Geschäftsbetriebs wenig erfolgversprechend sei. Am Ende bekamen sie 2,04 Euro aus der Auflösung. Das war angesichts eines Höchstkurses von 10,29 Euro immerhin ein substantieller Betrag.

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