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Bald neu im Dax : Börsenaspiranten lassen sich nicht abschrecken

  • -Aktualisiert am

Der Kunststoffhersteller Covestro war bis vor kurzem noch Teil des Bayer-Konzerns. Bild: dpa

Etablierte Aktien verlieren zum Wochenauftakt 20 Prozent. Anleger tun sich mit der Unternehmensbewertung schwer. Vor ihrem Start tragen Covestro, Scout 24 und Schaeffler dem nervösen Umfeld Rechnung.

          An der Börse geht es derzeit so wild zu wie selten. Am Montag fiel die Aktie von Volkswagen um fast 20 Prozent, weil dem größten europäischen Automobilkonzern wegen Betrugs eine Milliardenstrafe in Amerika droht. Die Anleger erleichterten daraufhin Deutschlands zuvor zwölftwertvollstes börsennotiertes Unternehmen auf einen Schlag um 6 Milliarden Euro – so viel an Unternehmenswert von VW wurde durch den Kursrutsch binnen weniger Aktienhandelsminuten ausradiert.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch kleinere Unternehmen kamen am Montag an der Börse ungewohnt deutlich unter die Räder. Der Automobilzulieferer Elring Klinger und das Technologieunternehmen Dialog Semiconductor, mit ihren Aktien immerhin im M-Dax und im Tec-Dax, erlitten zum Wochenauftakt ebenfalls einen Kursrutsch um rund 20 Prozent wie auch die Porsche-Aktien.

          Ausgerechnet in diesem unruhigen Börsenumfeld stehen so viele Unternehmen für einen Börsengang in den Startlöchern wie seit Jahren nicht mehr. Zum Kunststoffunternehmen Covestro und dem Internetportal Scout 24 gesellte sich am Montag noch der Automobilzulieferer Schaeffler. Alle drei Unternehmen wollen in den nächsten Wochen neu an die Börse und dabei Aktien für mehrere Milliarden Euro verkaufen. Sie werden aber nur Käufer finden, wenn ihr Unternehmenswert gut abschätzbar ist – absolut und im Vergleich zu Konkurrenten, die schon an der Börse notiert sind. Dabei machte der Blick auf VW, Elring Klinger und Dialog Semiconductor keinen Mut. Schließlich zeigen die Kursschwankungen, dass die Anleger große Schwierigkeiten haben, den richtigen Preis zumindest für diese Unternehmen zu finden.

          Neue Rangliste der größten Börsengänge

          Der Dax zeigte sich am Montag zwar stabil. Aber der Aktienindex der dreißig größten deutschen Börsenunternehmen war schon am Freitag kräftig um 3 Prozent unter 10 000 Punkte gefallen. Unter dieser Marke verharrte der Dax über weite Strecken des Handels. Der V-Dax, der die Kursschwankungen der Dax-Werte misst, ist von 38 Punkten im August auf 27 Punkte gefallen. Investmentbanker halten aber einen V-Dax von weniger als 20 Punkten für erforderlich, um eine größere Aktienplazierung sicher über die Bühne zu bringen. Daher stellt sich die Frage: Warum kommen in einer derart schwierigen Marktphase drei Unternehmen nahezu gleichzeitig an die Börse? Schaffen sie es, wie geplant mehr Geld einzusammeln als alle acht Börsenneulinge im ersten Halbjahr, die zusammen nur auf 3 Milliarden Euro kamen? Und warum dauerte es fünfzehn Jahre, bis mit Schaeffler und Covestro jetzt Börsengänge anstehen, die mehr als 2 Milliarde Euro einbringen und sich damit in der Rangliste der größten Börsengänge in Deutschland unter die ersten fünf einsortieren dürften?

          „Die Entscheidungen für solche großen Börsengänge sind wichtige strategische Weichenstellungen für die Zukunft der Unternehmen. Sie brauchen daher entsprechend lange und sorgfältige Vorbereitungen“, weiß Jörg Dimeg, der im Investmenthaus Lazard Unternehmen und Eigner vor und während des Börsenganges berät. Niemand wisse genau, ob das Börsenumfeld in einem Jahr besser oder schlechter sei als heute. „Es gibt Jahre, da ist der Markt für Börsengänge komplett zu“, erinnert Dimeg an die Jahre 2008 und 2009. Trotz des jüngsten Kursrutsches stehe der Dax noch 60 Prozent höher als vor fünf Jahren, die Unternehmenbewertungen seien also aus Sicht der Verkäufer ordentlich.

          Aber müssen die Unternehmen nicht auf die nervösen Anleger reagieren? „Die aktuellen Börsenaspiranten tragen dem schwankungsanfälligen Börsenumfeld Rechnung, indem sie die Preisspanne sehr weit wählen“, beobachtet Dimeg. So bietet Covestro seine Aktien zwischen 26,50 und 35,50 Euro. Die Aktien von Scout 24 werden zwischen 26,50 und 33 Euro angeboten. Zu welchem Preis die Aktien ausgeben werden, wird von der Nachfrage der Anleger abhängen. Die Nachfrage nach Scout 24 mit Angeboten wie Immobilienscout 24 und Autoscout wird sich etwa auch danach richten, wie die Aktien der börsennotierten Konkurrenten sich in den nächsten Tagen entwickeln. Die Anleger achten dabei besonders auf die an der britischen Börse notierten Rightmove und Autotrader. Schaeffler will am kommenden Montag die Spanne nennen, in der die Aktien angeboten werden. Keiner der drei Börsenneulinge hat sich zudem festgelegt, wie viele Aktien sie verkaufen wollen. „Entscheidend ist für viele, den Schritt jetzt zu machen“, sagt Dimeg.

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