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Nebenwerte : Amerikanische Nebenwerte in guter Kondition

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Wall Street setzt auf Nebenwerte mit Value Bild: AP

Trotz des konjunkturellen Vorfrühlings verfolgen Anleger defensive Strategien. Davon profitieren die werthaltigen US-Nebenwerte.

          Ein Plus von knapp vier Prozent hat der Dax seit Jahresbeginn verbucht. Der vermeintliche Aufschwung, der sich immer mehr in den Konjunkturindikatoren niederschlägt, hat sich damit nur sehr zaghaft auf das Anlageverhalten ausgewirkt. Dagegen geht es trotz des konjunkturellen Vorfrühlings den amerikanischen Nebenwerten, vor allen den Value-Aktien noch recht gut, was nicht für eine bevorstehende Hausse spricht.

          Der Russell 2000-Index hat seit Jahresbeginn immerhin 7,4 Prozent zugelegt. In diesen Index sind 2000 Nebenwerte zusammengefasst, wobei die größte Aktiengesellschaft gerade einmal eine Marktkapitalisierung von 1,4 Milliarden Dollar aufweist. Die durchschnittliche Marktkapitalisierung der Indexmitglieder liegt bei 530 Millionen Dollar.

          Nebenwerte als sichere Häfen

          Die derzeitige Kursentwicklung zwischen Neben- und Standardwerten ist bemerkenswert, weil sich Anleger in vermeintlichen Aufschwungzeiten auf die großen Unternehmen stürzen und die kleineren wieder auf die hinteren Reihen des Börsenparketts verdrängt werden. So war es zumindest in der Vergangenheit. Der Russell 2000 Index führte beispielsweise in den neunziger Jahren ein Schattendasein, gefragt waren Wachstum und Fantasie, koste es, was es wolle.

          Nach der geplatzten Technologieblase hieß es dann Wunden lecken und die gemachten Fehler vermeiden. Statt auf Wachstum wollten die Anleger nun wissen, wie die Aktien bewertet sind. Die hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) bei den Technologiewerten, wo dreistellige Zahlen keine Seltenheit waren, waren nicht mehr tragbar. Die schmerzhafte Korrektur bedeutete Kursverlusten. Dagegen war in der zweiten und dritten Reihe im Aufschwung nicht viel passiert, die Bewertungsniveaus passabel. Sie erwiesen sich daher in der Baisse als sichere Häfen.

          Anleger bleiben Nebenwerte treu

          Diese Erfahrungen der vergangenen zwei Jahren scheinen die Anleger auch nicht so schnell abzustreifen, denn sie halten ihren Nebenwerten die Treue. Zum einen empfinden einige Anleger die Technologiewerte trotz der nunmehr verbesserten Aussichten für zu teuer. Der Markt habe bereits einen Großteil des Aufschwungs vorweg genommen, so dass das Aufwärtspotenzial begrenzt sei, heißt es.

          „Nach den Wunden der vergangenen zwei Jahren zögern die Anleger wieder zu den höher bewerteten Technologieaktien zurück zu kehren“, meint Portfolio-Manager Steve Geist von First Pacific Advisor. So liegt das durchschnittliche KGV für den S&P 500 auf Basis der aktuellen Gewinne bei 45, im S&P-Midcap-Index bei 35. Der Russell-2000-Index geht mit einem KGV von 25 um und ist damit noch wesentlich billiger als die größeren Indizes und suggeriert mehr Sicherheit.

          Vorsichtigere Anlagestrategien

          Zudem gehen viele Wall-Street-Experten davon aus, dass der Aufschwung zwar vor der Tür steht, aber dieser nur moderat und wenig dynamisch ausfällt. „Daher sind Aktien mit einer niedrigen Bewertung die beste Alternative. Dies schützt einfach vor Kursrückschlägen“, so Geist. Allerdings sind noch lange nicht alle Aktien billig, die als so genannte „Vaue-Werte“ gepriesen werden. Wichtig ist dabei, dass die Titel mit einem KGV umgehen, das unterhalb des Vergleichsmaßstabs liegt.

          Bei Nebenwerte sollten Investoren darauf achten, dass so genannte Value-Werte mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 15 notieren, beim Growth-Titel dagegen mit einem KGV von unter 20. Denn auch innerhalb des Russell-2000-Index gibt es vermeintliche Unterschiede. So legten die „billigsten“ Aktien mit einem KGV von 13 oder weniger in diesem Jahr zwölf Prozent zu, während die Werte mit einem KGV von 50 dagegen vier Prozent verloren haben, ermittelte Steven DeSanctis von Prudential Securities.

          Technologieaktien meiden

          Giles Knight von ARK Small Cap Equity Fund meidet trotz des Aufschwung Technologiewerte und schließt sich damit der defensiven Haltung vieler Anleger an. „Einige Bereiche wie Halbleiter-Unternehmen dürften sich zwar gut schlagen, aber bis zu den früheren Kursniveaus dürfte es wohl noch eine ganze Weile dauern“, meint Knight. Telekommunikationswerte würde er aber auf Grund der hohen Verschuldung der Gesellschaften in den kommenden zwei Jahren nicht anpacken. Dagegen setzt er auf zyklische Werte, Konsumtitel und Bankaktien.

          „Wir mögen Konsumaktien, weil die amerikanischen Verbraucher im Gegensatz zu den Dot.Com-Arbeitern und Investmentbanker die Rezession unbeschadet überstanden haben“, erklärt Knight. Zu seinen Favoriten zählen Royal Caribbean Cruises, Mesa Air Group und SkyWest. Die größten Positionen in seinem Fonds sind derzeit Alliant Techsystems, ein kleineres Verteidigungsunternehmen, das Technologieunternehmen Kulicke & Soffa und Dosenhersteller Crown Cork & Seal.

          Anleger agieren noch defensiv

          „Value-Werte haben Growth-Aktien in den vergangenen zwei Jahren outperformt. Es spricht viel dafür, dass dies auch dieses Jahr so bleibt“, fasst Knight seine Handlungsstrategie zusammen. Die Kursentwicklungen der beiden Unterindizes des Russell-2000-Index geben ihm bislang recht. So legte der Russell-2000-Value-Index in diesem Jahr knapp 15 Prozent zu, markierte am Dienstag sogar ein neuen Allzeithoch, während der Russell-2000-Growth-Index 0,4 Prozent nachgab.

          Angesichts der von Anlegern weiterhin bevorzugten vorsichtigen Anlagestrategie dürfte diese Entwicklung auch noch eine Weile anhalten. Allerdings ist sich Experte Knight auch sicher, dass wieder die Zeit kommen werde, in der die Bewertungen in den Hintergrund treten und die Anleger sich auf die riskanteren Technologieaktien stürzen werden. „Aber das dürfte noch mindestens ein Quartal dauern.“

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