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Nach Krim-Referendum : Russische Aktien auf Erholungskurs

Gibt Gas: Leitung des russischen Gaskonzerns Gasprom in Sudzha unmittelbar an der Grenze zur Ukraine Bild: REUTERS

Die Papiere gelten als günstig bewertet, aber hochriskant. Deutsche Anleger müssen auf Zertifikate ausweichen. Der Rubel fällt indes auf ein Rekordtief.

          Die Aktienkurse in Russland haben mit kräftigen Kursgewinnen auf das Referendum auf der Krim reagiert. Der russische Aktienindex RTS stieg am Montag nach Wochen kräftiger Kursverluste um 5 Prozent auf 1115 Punkte. Auch an den westlichen Börsen legten die Kurse zu. Der Dax gewann bis zum frühen Abend 1,4 Prozent auf 9180 Punkte. Das Ausbleiben einer Eskalation rund um das Referendum auf der Krim wurde mit Erleichterung aufgenommen, sagten Marktteilnehmer. Die angekündigten Sanktionen des Westens gegen Russland wurden aus russischer Sicht als milde eingestuft. Der Rubel zeigte sich im Handelsverlauf jedoch weiter schwach und markierte ein neues Rekordtief gegenüber Euro und Dollar. Binnen eines Jahres hat die russische Währung gegenüber dem amerikanischen Dollar 15 Prozent an Wert eingebüßt, gegenüber dem Euro sogar 21 Prozent. So schwach hat sich keine Währung aus einer der größeren Volkswirtschaften entwickelt.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Rein optisch macht dies die in Rubel gehandelten russischen Aktien für westliche Anleger billig. Seit jeher ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) als klassische Bewertungskennzahl am Aktienmarkt für Russland sehr niedrig. Durch die Kursverluste der vergangenen Wochen ist die Bewertung nochmals günstiger geworden. Auf Basis der für das Jahr 2014 erwarteten Unternehmensgewinne beträgt das KGV gerade einmal 4, für den Dax sind es 13, für den amerikanische S&P 500 sogar 15. Auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis russischer Aktien ist außergewöhnlich günstig. Genutzt hat es den Kursen bislang wenig. Die rechtliche und politischen Risiken gelten in Russland schon immer als überdurchschnittlich hoch und sind in der aktuellen Krise nochmals gestiegen. Das dürfte manchen westlichen Anleger vor einem Engagement in russischen Aktien zurückschrecken lassen.

          „Der Handel ist in den meisten Werten sehr liquide“

          Wer sich als deutscher Anleger in russischen Aktien engagieren will, ist dabei auf ADR oder GDR angewiesen. Dies sind von den russischen Originalaktien abgeleitete Zertifikate. Die Originalaktien sind nur in Russland handelbar. ADR und GDR verbriefen das Recht auf die volle Dividende. Ein Stimmrecht hat der Anleger jedoch nicht. Spezialisierte Banken besitzen die Originalaktien und dürfen diese in Zertifikate umwandeln. Für viele russische Aktien macht dies die Bank of New York. Handelbar sind die GDR und ADR an vielen Börsen in der Welt. Der größte Handelsplatz ist London. Für deutsche Anleger ist der Handel an allen deutschen Präsenzbörsen möglich. In Frankfurt betreut die Baader Bank den Großteil des Handels in GDR und ADR auf russische Aktien.

          Entwicklung des RTS seit Jahresbeginn

          „Der Handel ist in den meisten Werten sehr liquide“, sagt Jan Vrbsky, Händler der Baader Bank: „Die Börse Frankfurt hat klare Kriterien für den maximalen Spread und ein Mindestvolumen, für das wir immer Kurse stellen müssen.“ Der Kursunterschied zwischen Kauf- und Verkaufskurs (Spread) liegt demnach nicht höher als in London und beträgt bei Gasprom, der am regsten gehandelten russischen Aktie, nur 1 Cent. Aber auch gefragte Aktien wie Norilsk Nickel, Severstal oder Lukoil haben nur sehr geringe Spreads. Bei kleinere russischen Werten kann er aber bis zu 5 Prozent betragen. Die Baader Bank bietet den Handel in etwa 50 Derivaten auf russische Aktien an.

          „In der Regel gibt es keine nennenswerte Abweichung zwischen dem Kurs der Original-Aktie in Moskau und dem Zertifikat in Frankfurt“, sagt Vrbsky. Ein Anrecht darauf hat der Anleger jedoch nicht. Eine Ausnahme stellt zum Beispiel die Sberbank da. „Für manche Titel hat Russland die Umwandlung in ADR und GDR beschränkt, bei der Sberbank auf 20 Prozent.“ Wird diese Grenze erreicht und es gibt weitere Nachfrage nach den Zertifikaten, so steigt deren Kurs mitunter über das Niveau der Aktie in Moskau hinaus. Am Montag kostete eine Aktie der Sberbank in Moskau umgerechnet 5,85 Euro, der GDR in Frankfurt aber 6,15 Euro.

          Zu beachten ist das Währungsrisiko

          Ob ein Anleger hierzulande einen GDR oder einen ADR erwirbt, ist belanglos. Die Unterscheidung in American (ADR) oder Global Depositary Receipts (GDR) ist nur für institutionelle amerikanische Investoren relevant. Das Verhältnis zur Aktie muss dabei nicht eins zu eins sein. Zum Beispiel kann ein Zertifikat 10 oder 100 Aktien beinhalten. Entsprechend des Verhältnisses erhält der Besitzer eines GDR oder ADR seine Dividende. Die Abrechnung kann ein paar Tage länger dauern als bei einer Inlandsaktie üblich. Der Handel mit ADR und GDR ist über viele Jahre erfolgreich erprobt und auch kein Spezifikum für Russland. Vielmehr ist es gerade für Schwellenländerbörsen typisch. Beim Kauf einer Aktie wäre damit die Verwahrung der Aktie für den Anleger im Ausland und die Einbuchung in seinem Depot nicht möglich. Denn die Handelssysteme sind meist noch nicht kompatibel.

          Dollar je 100 Rubel (seit Jahresbeginn)

          Gibt es jedoch ein hohes Interesse ausländischer Anleger an Aktien, werden ADR und GDR konstruiert, um ihnen die Teilhabe an der Wertentwicklung zu ermöglichen. Dies gilt nicht nur für Privatanleger. Auch größere institutionelle Anleger wie Fondsgesellschaften investieren über GDR und ADR in russische und viele andere Auslandsaktien. Zu beachten ist das Währungsrisiko. Verliert der Rubel weiter an Wert, so mindert das den Wert der russischen Aktien in Euro. Umgekehrt würde der Anleger von einer Erholung des Rubel-Kurses gegenüber dem Euro profitieren.

          Im Falle Russlands überwiegt das Handelsvolumen an der Heimatbörse Moskau. Es ist jedoch oftmals nur knapp höher als das GDR/ADR-Handelsvolumen in London. Vor allem in jüngster Zeit wurden russische Papiere sehr rege gehandelt. „Wir haben ein deutlich höheres Interesse als üblich“, sagt Baader-Händler Vrbsky: „Gerade in der Gasprom-Aktie geht sehr viel um, schließlich gilt Gasprom quasi als Waffe Putins und ist deshalb besonders vielen Spekulationen ausgesetzt.“

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