https://www.faz.net/-gv6-7yw6m

Franken-Freigabe : Plötzlich ist Ungarn ein Vorbild

Einige Länder Osteuropas wollen ihre Währungen an den Schweizer Franken binden, um private Schuldner von ihren steigenden Kosten für Fremdwährungskredite zu entlasten. Bild: dpa

Oft wurde die Bankenpolitik von Ungarn kritisiert. Nach der Wechselkursfreigabe des Franken nehmen sich einige Länder aus Osteuropa Ungarn zum Vorbild. Fachleute sind jedoch skeptisch.

          Die Führung in Ungarn ist viel für ihre Bankenpolitik kritisiert worden, jetzt dient sie anderen osteuropäischen Ländern plötzlich als leuchtendes Vorbild. Die Regierungen Polens und Kroatiens haben sich in Budapest informiert, wie sie private Schuldner von den steigenden Kosten für Fremdwährungskredite entlasten können. Hintergrund ist die Wechselkursfreigabe des Schweizer Franken gegenüber dem Euro in der vergangenen Woche. Seitdem hat der Franken auch gegenüber den Währungen in Osteuropa stark an Wert gewonnen. Angesichts der geringen Zinsen in der Schweiz hatten dort und in Österreich viele Privatkunden Franken-Kredite aufgenommen. Deren Bedienung in heimischer Valuta wird jetzt immer teurer, so dass Zahlungsausfälle drohen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Umfänge sind erheblich. Nach Angaben der Österreichischen Nationalbank lauten in Österreich 18 Prozent aller privaten Kredite auf Schweizer Franken. In Ungarn sind es 26 Prozent, in Polen 14, in Rumänien 5 Prozent. In den meisten Fällen handelt es sich um Hypotheken. In Polen gibt es mehr als 500.000 solcher Immobilienkredite, in Rumänien etwa 150.000, in Serbien 22.000, in Bosnien-Hercegovina 9000. Serbien überlegt nach Auskunft von Finanzminister Dušan Vujović, die Laufzeiten zu verlängern, Zinsentlastungen einzuleiten und die Kredite teilweise umzuwandeln. Auch das würde sich an Ungarn orientieren.

          Kroatien hat schon Fakten geschaffen

          Kroatien hat schon Fakten geschaffen. Dort geht es um 60.000 Fälle zu 3,5 Milliarden Euro. Die Regierung hat dem Parlament vorgeschlagen, die Landeswährung Kuna ein Jahr lang fest an den Franken zu binden. Des Weiteren kündigte Ministerpräsident Zoran Milanović an, den Wechselkurs in den Kreditverträgen auf 6,39 Kuna je Franken festzuschreiben. Der offizielle Kurs beträgt mehr als 7,60; seit der Franken-Freigabe hat der Kuna 18 Prozent abgewertet. Nach dem Vorbild Ungarns sollen die Banken die Verluste tragen. Ähnlich wie Ministerpräsident Viktor Orbán in Budapest spielt Milanović die populistische Karte: Zehntausende Familien könnten nun „ruhig schlafen“.

          Fachleute sind skeptisch, ob der Plan aufgeht. Den Wechselkurs ganz generell an den Franken binden zu wollen sei sehr teuer, da die Notenbank für die Stützung des Kuna Devisen verkaufen müsse, warnt Christian Glockner, Ökonom am Institut für Wirtschaftsforschung in Wien. Kroatien hat nur 12,3 Milliarden Euro an Reserven. Die Festsetzung auf ein Jahr lade Spekulanten geradezu ein. „Das klingt nicht nach einer seriösen Idee.“ Kroatiens Bankenverband zeigte sich irritiert über die Festschreibung des Wechselkurses in den Kreditverträgen und nannte den Schritt „einseitig“.

          Die Entscheidung ist auch politisch motiviert, denn Milanovićs Sozialdemokratische Partei steht unter Druck. Nachdem sie die Präsidentenwahlen verloren hat, könnte sie auch in den Parlamentswahlen scheitern. Um Anhänger unter den Schuldnern zu gewinnen, denkt Milanović daran, die Franken-Kredite zwangsweise in Kuna umzuwandeln.

          Ähnlich war Ungarn schon lange vor der Franken-Freigabe vorgegangen. Es hatte die Ablösung eines Teils der Kredite durchgesetzt sowie die Banken verpflichtet, Gebühren samt Zinsen zurückzuerstatten und die Darlehen zu einem vorgegebenen Kurs in Forint zu tauschen. Die Institute hat das rund 3 Milliarden Euro gekostet. Am meisten getroffen sind die Geldhäuser aus Österreich und Italien. Noch ist unklar, welche weiteren Belastungen jetzt auf sie zukommen. Schon warnt Österreichs Finanzaufsicht FMA vor faulen Krediten, die Ratingagentur Moody’s befürchtet negative Auswirkungen auf die Bonität: Unicredit habe Franken-Kredite über 12,4 Milliarden Euro ausstehen, in der Ersten Group und in der RBI seien es 9,9 und 4,3 Milliarden.

          Weitere Themen

          Preise für Gold und Palladium steigen weiter

          Edelmetall-Rally : Preise für Gold und Palladium steigen weiter

          Der Preisanstieg für Gold nimmt an den Rohstoffbörsen kein Ende und erreicht seinen höchsten Stand seit zehn Monaten. Auffälliger ist aber die Entwicklung von Palladium: wegen des Dieselskandals.

          Hedgefonds machen einen Rückzieher

          Tech-Aktien : Hedgefonds machen einen Rückzieher

          Viele Profianleger haben ihre Beteiligung an Apple reduziert – Berkshire Hathaway auch. Ändert Warren Buffett seine Meinung zum iPhone-Konzern?

          Topmeldungen

          Samsung Galaxy Fold : Smartphone, 2000 Euro, faltbar

          Nun ist es wirklich da. Samsung hat das erste faltbare Smartphone in Serienreife vorgestellt. Es kommt Anfang Mai, kostet 2000 Euro und hat aufgeklappt einen Bildschirm, der fast so groß ist wie das iPad Mini.

          Brexit-Krise : Kein Durchbruch, aber May sieht Fortschritte

          Der Countdown zum angestrebten Austrittsdatum vom 29. März läuft. Doch einig sind sich die britische Premierministerin May und EU-Kommissionspräsident Juncker nur darüber, dass sie weitere Gespräche führen wollen.
          Eine einfache Gesetzesänderung hätte auch gereicht - das Grundgesetz hätte nicht angetastet werden müssen.

          Digitalpakt-Kommentar : Armes Grundgesetz

          Die Änderung des Grundgesetzes für den Digitalpakt widerspricht dem Geist unserer Verfassung – denn sie schadet dem Föderalismus, der einen Wettbewerb um die beste Politik vorsieht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.