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Nach den Anschlägen in Paris : Börsen reagieren besonnen – Unsicherheit beim Ölpreis

Wider Erwarten haben die Terroranschläge in Paris die Börse kaum beeinträchtigt. Bild: AFP

Nach den Anschlägen in Paris reagieren die Finanzmärkte weniger dramatisch als von vielen befürchtet. Rüstungsaktien legen zu. Könnte Öl durch den Konflikt knapp werden?

          Am ersten Handelstag nach den Terroranschlägen in Paris haben die Börsen am Montag weitgehend besonnen reagiert. Selbst am Pariser Handelsplatz fing sich der Leitindex CAC 40 nach anfänglichen Verlusten von 1,2 Prozent schon im Laufe des Vormittags wieder und stand am Abend bei 4803 Punkten. Der Dax legte sogar leicht zu um 0,4 Prozent.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Starke Verluste mussten vor allem Tourismuswerte hinnehmen. Die Aktien des französischen Hotelkonzerns Accor rutschten zum Handelsbeginn um sieben Prozent ab und gehörten zu den schwächsten Werten an der Pariser Börse. Auch Aktien des Pariser Flughafenbetreibers Aéroports de Paris, Air France und Eurotunnel verloren deutlich an Wert.

          Keine nachhaltigen Auswirkungen auf Finanzmärkte erwartet

          In Deutschland gehörte die Lufthansa mit einem Minus von zwischenzeitlich 2,4 Prozent zu den größten Verlierern im Dax. Die Reise- und Freizeitindustrie sei besonders abhängig von Vertrauen und Sicherheit, sagte Analyst André Juillard von der Investmentbank Kepler Cheuvreux. Terrorattacken seien unvorhersehbar und wirkten entsprechend negativ auf die Touristenströme. Auch für die Luxusbranche rechnen die Anleger mit schlechteren Geschäften: So bildete die französische LVMH SE, die Marken wie Louis Vuitton und Moët vereint, das Schlusslicht im Euro Stoxx 50.

          Sofern es bei den Geschehnissen von Freitag bleibt, rechnen die meisten Marktbeobachter nicht mit nachhaltigen Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Jürgen Fitschen, der Ko-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, sagte am Rande der Euro Finance Week in Frankfurt, dass die Finanzmärkte sich nicht von den Anschlägen einschüchtern lassen würden. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Privatbank Berenberg, verwies auf frühere Terroranschläge, die gezeigt hätten, dass sie in der Regel die ökonomischen Trends in den westlichen Ländern nicht aus der Bahn werfen könnten. Auch Tina Fordham, Analystin der Citigroup, sieht zwar kurzfristig keine erhöhte Marktvolatilität. Allerdings verwies sie auch auf längerfristige Folgen, wenn sich weitere Staaten an den Angriffen auf den IS im Nahen Osten beteiligten.

          Die Erwartung größerer Militärausgaben der europäischen Staaten hat denn auch am Montag zu erhöhter Nachfrage nach Rüstungstiteln geführt. Aktien der Düsseldorfer Panzerschmiede Rheinmetall zählten mit einem Plus von bis zu 4,5 Prozent zu den Gewinnern im M-Dax.

          Anschläge auf Ölanlagen im Irak denkbar

          Öl wurde am Montagmorgen teurer: Der Preis der Nordseesorte Brent legte um gut 1 Prozent auf 45 Dollar je Fass (159 Liter) zu, die amerikanische Sorte West Texas Intermediate verteuerte sich um mehr als 2 Prozent auf 43 Dollar. Im Tagesverlauf drehte der Ölpreis jedoch wieder ins Minus. Bei den Mineralölgesellschaften hieß es, das Überangebot auf dem Ölmarkt sei so groß, dass geostrategische Sorgen den Preis nicht mehr so stark steigen ließen wie früher. Zu Beginn des Kuweit-Krieges 1991 sei der Brent-Preis von 20 auf mehr als 40 Dollar je Fass gestiegen. Eine vergleichbare Entwicklung sei jetzt nicht zu erwarten, meinte Alexander von Gersdorff vom Mineralölwirtschaftsverband. Amerika, Saudi-Arabien und Russland förderten Öl nahe am Rekordniveau, auch Iran und der Irak planten höhere Mengen. Aus Syrien hingegen sei im Jahr 2011 überhaupt das letzte Mal Öl nach Deutschland exportiert worden.

          Gleichwohl gebe es Szenarien, in denen der Konflikt mit dem IS massive Auswirkungen auf den Ölmarkt hätte, sagte Ölfachmann Steffen Bukold von Energy Comment. Wenn der IS in der Lage sei, recht komplexe Anschläge durchzuführen, wie den Flugzeugabsturz über dem Sinai, den Anschlag in Beirut und jetzt in Paris, seien auch Anschläge auf Ölanlagen im Irak denkbar. „Das könnte eine Neubewertung der Fähigkeiten des IS notwendig machen und die Risikoprämien steigen lassen“, meinte Bukold. Er sagte weiter, ein Einsatz von Bodentruppen gegen den IS könnte die Lage grundsätzlich verändern. „Allein die Nachricht ,Krieg‘ hätte schon Auswirkungen auf den Ölpreis.“ Dabei sei es selbst bei einer Eskalation des Konflikts unwahrscheinlich, dass die Ölförderung in Saudi-Arabien betroffen wäre: „Es träfe eher Bagdad oder Teheran als Riad.“ Amerika jedenfalls sei im Augenblick „sehr entspannt“, weil es einen großen Teil seines Ölbedarfs aus eigener Förderung decken und den Rest nötigenfalls aus Kanada beziehen könne.

          Die sonst bei unsicheren Lagen üblichen Ausweichbewegungen in vermeintlich sichere Häfen blieben überschaubar. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe, die zwischenzeitlich auf 0,54 Prozent gesunken war, stand bald wieder auf dem Niveau von Freitag. Auch der Goldpreis legte zwar am Montag früh um gut 1 Prozent zu, gab aber bald darauf wieder nach. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio sagte auf einer Konferenz in Frankfurt: „Es ist zu früh, zu beurteilen, welche Auswirkungen die Anschläge auf die Wirtschaft und Finanzmärkte haben werden.“ Ihren Kurs des extrem billigen Geldes will die Notenbank vorerst beibehalten. „Anders als nach dem 11. September 2001 muss die Geldpolitik nicht reagieren“, meinte auch Ulrich Leuchtmann, Analyst bei der Commerzbank. „Denn anders als damals steckt der vom Terror betroffene Währungsraum nicht in einer Rezession.“

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