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Nach dem Schuldenkompromiss : Sorgen um die amerikanische Konjunktur belasten Aktienmärkte

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Bild: F.A.Z.

Die Vereinigten Staaten sind ein Sorgenkind der Anleger: Enttäuschende Konjunkturzahlen und Zweifel an der Bonität des Landes drücken auch den Dax unter die Marke von 7000 Punkten.

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          Trotz der Einigung im amerikanischen Kongress zur Anhebung der Schuldengrenze ist es am Montag an den Aktienmärkten zu hohen Kursverlusten gekommen. Kurz vor Handelsschluss lag der Dax mit 6975 Punkten um 2,5 Prozent schwächer. Auch der Euro, der zuvor bis auf 1,4454 Euro gestiegen war, tauchte am Nachmittag weit unter die Marke von 1,43 Dollar. Die Kursverluste führten Händler auf abermals enttäuschende Signale der amerikanischen Konjunktur zurück.

          So fiel der amerikanische Einkaufsmanagerindex der Industrie im Juli unerwartet schwach aus. Zum anderen kamen an den Finanzmärkten Zweifel auf, ob die im Kompromissvorschlag vorgesehenen Einsparungen von 2,4 Billionen Dollar ausreichen, um Amerika die höchste Bonitätsnote von „AAA“ zu sichern. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat Einsparungen in den kommenden zehn Jahren von mindestens 4 Billionen Dollar gefordert, um von einer Herabstufung auf „AA“ abzusehen. Dagegen will Moody’s von einer Ratingsenkung absehen, solange die Zinszahlungen gewährleistet bleiben.

          Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt der Allianz-Fondsgesellschaft RCM, schätzt die Wahrscheinlichkeit auf 50 Prozent, dass S&P die Bonitätsnote senken wird. Jedoch rechnet er dann nicht mit Marktverwerfungen. „Eine Herabstufung auf ,AA’ würde keinen massiven Verkaufsdruck für amerikanische Staatsanleihen auf der Bankenseite erzeugen“, sagt Hofrichter: „Einige Pensionsfonds wären eventuell gezwungen, ihre Positionen zu reduzieren, aber nach unseren Einschätzungen dürfte der Gesamteffekt auf die Anleihenmärkte überschaubar bleiben.“

          Vereinigte Staaten : Der Schuldenkrisen-Rap

          An der Wall Street wird die Bedeutung amerikanischer Staatsanleihen als sicherer Hafen für Investoren kaum in Frage gestellt. Das gilt auch für den Fall, dass Ratingagenturen die Bonität Amerikas herabstufen sollten. „Wir wissen alle, dass die Vereinigten Staaten ihre Ausgaben kürzen und die Steuern erhöhen können“, sagt David Ader, der die Anlagestrategie für Staatsanleihen beim Wertpapierhaus CRT Capital verantwortet. Marktteilnehmer würden sich zwar über den Kongress aufregen, der bis kurz vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit um einen Kompromiss zur Reduzierung des Defizits gerungen hatte. „Am Ende des Tages steht aber nicht in Frage, ob man sein Geld zurückbekommt“, sagt Ader.

          Eckpfeiler Amerika

          Die Rendite amerikanischer Staatsanleihen war trotz des Schuldenstreits in der vergangenen Woche um 0,17 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent gefallen – der niedrigste Stand seit November. Der Renditerückgang ist mit Kursgewinnen der Schuldtitel verbunden. Auch am Montag waren amerikanische Staatsanleihen gefragt. Selbst für kurze Laufzeiten, die wegen des Schuldenstreits unter Druck gestanden hatten, gaben die Renditen wieder nach. Insgesamt blieben die Marktteilnehmer aber gelassen. „Der Markt für amerikanische Staatsanleihen ist der Eckpfeiler der Finanzwelt und es gibt dafür kaum Alternativen“, sagt Nick Bennenbroek, der bei der Bank Wells Fargo die Anlagestrategie für Devisen leitet.

          Auch Chris Iggo, Leiter der Anlagestrategie für festverzinsliche Wertpapiere der französischen Fondsgesellschaft Axa Investment Managers, hat eine Verschlechterung der Bonität von amerikanischen Staatsanleihen einkalkuliert. „Die im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt erreichte Defizit- und Schuldenwerte sind die schlechtesten eines mit ,AAA’ beurteilten Staates“, sagt Iggo. Sorgen bereitet ihm auch, dass viele amerikanische Staatsanleihen 2012 und 2013 fällig werden, mit jeweils mehr als einer Billion Dollar im Jahr. Deshalb sei der Finanzierungsbedarf des amerikanischen Finanzministeriums in den kommenden zwei Jahren erheblich. „Es ist kaum vorstellbar, dass die Anleiherenditen so niedrig bleiben wie bislang, sollte sich der fiskalische Ausblick nicht bessern“, sagte Iggo.

          Ein beruhigendes Signal

          Zwar seien institutionelle Investoren an Alternativen zu amerikanischen Staatsanleihen interessiert, sagt Unicredit-Analyst Kornelius Purps. Jedoch zweifelt er, ob sie fündig werden. Aufgrund der hohen Liquidität amerikanischer Staatsanleihen gebe es keine Alternative zu ihnen. Selbst wenn die Bonitätsnote um eine Stufe gesenkt werde, ergibt sich seiner Ansicht nach aus aufsichtsrechtlichen Vorgaben noch kein Verkaufszwang.

          „Die Einigung sendet ein beruhigendes Signal an die internationalen Kapitalmärkte“, sagte eine Munich-Re-Sprecherin: „Die Schuldenprobleme sind dadurch jedoch nicht gelöst; es ist jetzt das wichtigste, dass Staaten und Staatenverbünde auf nachhaltige Haushaltskonsolidierung hinwirken.“ Die Munich Re hielt per Ende März amerikanische Staatsanleihen im Wert von 11,3 Milliarden Euro. Bei der Allianz beliefen sie sich Ende 2010 auf 7,1 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank war zu diesem Zeitpunkt mit 38,5 Milliarden Euro engagiert, davon 10,6 Milliarden Euro über Kredite. Die Commerzbank weist 6,1 Milliarden Euro aus.

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