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Nach dem EU-Gipfel : Anleger gehen wieder höhere Risiken ein

Bild: F.A.Z.

Die Erleichterung über die Ergebnisse des EU-Gipfels hat Fondsmanager positiver gestimmt. Sie denken neu über ihre Anlagen nach.

          Erleichterung über die Ergebnisses des EU-Gipfels, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag bekannt geworden sind, hat viele Anleger veranlasst, wieder höhere Risiken auf den Finanzmärkten einzugehen. Der deutsche Standardwerteindex Dax stieg bis zum Handelsschluss um 5,4 Prozent auf 6338 Punkte, der Euro Stoxx 50, der die 50 wichtigsten Unternehmen des Euroraums abbildet, stieg um 6,1 Prozent auf 2477 Punkte. Besonders Finanztitel profitierten. Demgegenüber sanken die Kurse der als ausfallsicher geltenden deutschen Bundesanleihen. Verkäufe drückten den Terminkontrakt auf zehnjährige deutsche Staatsanleihen, den Bund-Future, in der Spitze um 190 Stellen auf 133,72 Punkte.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Dabei interpretieren Marktteilnehmer die Ergebnisse des Gipfels eher zurückhaltend. „Die Beschlüsse sind ein merklicher Schritt in die richtige Richtung“, sagt Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors/RCM. Offen geblieben seien aber Details zum Beispiel über die exakte Ausgestaltung der EFSF. „Der EU-Gipfel hat nichts Greifbares gebracht“, sagt Bert Flossbach, Vorstand der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. „Doch schon allein die Tatsache, dass irgendetwas entschieden wurde, stimmt die Märkte zuversichtlich.“

          Inflationsraten werden steigen

          Flossbach erwartet, dass die europäische Schuldenkrise weniger über erhöhte Sparanstrengungen gelöst wird als über das Drucken von Geld. Gleichzeitig würden die Zinsen im Euroraum künstlich niedrig gehalten. Deshalb sollten sich Anleger darauf einstellen, dass die Inflationsraten im Euroraum in den nächsten Jahren kräftig steigen werden. „Zur Lösung der Schuldenkrise braucht der Euroraum auch eine höhere Inflation.“ Eine Inflationsrate von 10 Prozent hält der Vermögensverwalter und Fondsmanager für realistisch und tragbar.

          Darauf sollten sich Anleger allmählich einstellen durch eine entsprechende Ausrichtung ihrer Portfolios. Grundsätzlich böten Aktien, Edelmetalle und Immobilien den besten Inflationsschutz. Doch in Immobilien sei weltweit schon zu viel Geld geflossen. „Immobilien sind als Anlageklasse zu teuer“, sagt Flossbach. In der Aktienauswahl setzt er auf qualitativ hochwertige, defensive Titel, wobei im Finanzjargon mit „defensiv“ solche Anlagen gemeint sind, deren Wert weniger stark schwankt als der gesamte Markt und deshalb auf einen allgemeinen Kurseinbruch weniger heftig reagieren.

          Rally am Aktienmarkt

          Dass die Kursrally am Aktienmarkt nach dem sprunghaften Anstieg am Donnerstag weitergeht, ist für professionelle Anleger keine ausgemachte Sache. „Ob sich eine andauernde Rally am Aktienmarkt an die Gipfel-Beschlüsse anschließt, hängt natürlich von den Details ab“, sagt Johannes Müller, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft DWS: „Außerdem gibt es für diese Anlageklasse Gegenwind aus dem sich tendenziell abschwächenden Wachstum diesseits wie jenseits des Atlantiks.“

          Auch in puncto Bankaktien, die am Donnerstag mitunter Kursgewinne von bis zu 20 Prozent verzeichneten, ist er zurückhaltend. Die Kurse von Bankaktien stiegen aus seiner Sicht vor allem aus zwei Gründen: Einmal sei im Markt offenbar schon ein höherer Schuldenerlass privater Gläubiger für Griechenland angenommen worden als die nun mitgeteilten 50 Prozent. Außerdem gebe es in dem veröffentlichten Dokument Hinweise darauf, dass den Banken bei der Refinanzierung längerfristiger Schulden geholfen werden könnte, parallel zu den Maßnahmen, welche die EZB bereits ergriffen hat. Nach Schätzungen müssen europäische Banken vor allem im kommenden Jahr längerfristige Schulden über mehrere hundert Milliarden Euro refinanzieren.

          Kein Unfall an den Märkten

          Dafür seien am Anleihemarkt nun auch höher verzinsliche, für risikoreicher befundene Titel, wieder interessanter geworden. Müller nennt sowohl italienische als auch spanische und irische Anleihen mit sehr kurzen Restlaufzeiten. Im Falle von deutschen Bundesanleihen erwartete er in den kommenden Monaten eher, dass sie höher rentieren, also Kursverluste erleiden. Deutsche Staatsanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit rentierten während der Eskalation der Schuldenkrise und der Flucht der Anleger in für sicher befundene Anlagen vorübergehend deutlich unter 2 Prozent. Am Donnerstag betrug ihre Rendite beinahe 2,2 Prozent.

          Positiv beurteilt Mark Burgess, Leiter der Anlagestrategie der Fondsgesellschaft Threadneedle in London, die Ergebnisse: „Wir werden keinen größeren Unfall an den Märkten erleben, und vor diesem Hintergrund macht die Rally in risikotragenden Finanzinstrumenten durchaus Sinn.“ Das sind in erster Linie Aktien.

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