https://www.faz.net/-gv6-3x49

Morgeninterview : „Die Japaner leben nicht im Bewusstsein einer Krise“

  • Aktualisiert am

UFJ-Volkswirt Wermuth: „Das Reformpaket ist eher enttäuschend” Bild:

Die neu vorgelegten Reformpläne sind nicht die Lösung der Probleme in Japan. Dieses einseitige Fazit zieht Dieter Wermuth, Chefvolkswirt der UFJ Bank.

          Mit einem neuen Anti-Deflations-Programm zur Überwindung der Banken- und Konjunkturmisere warteten am Mittwoch die Verantwortlichen in Japan auf. Diesmal beinhalten die Beschlüsse unter anderem einen weiteren expansiven geldpolitischen Schritt und das Ziel, die Summe der faulen Kredite bei den Finanzinstituten bis März 2005 zu halbieren.

          Doch wie so oft bei früheren Versuchen stießen die Vorhaben bei Beobachtern auf wenig Begeisterung. So auch bei Dieter Wermuth, Chefvolkswirt in Deutschland bei der UFJ Bank, der viertgrößten Bank in Japan. Auch er kritisiert die Maßnahmen als nicht weitreichend genug und bewertet sie als enttäuschend. Lesen Sie im Morgeninterview, welche Medizin Wermuth dem Patienten Japan stattdessen verabreichen würde.

          Herr Wermuth, wie beurteilen Sie die neuen Reformpläne der Regierung?

          Es handelt sich erneut um keine radikalen Reformen. Das Problem ist im Grunde genommen nur hinausgezögert worden. Das Ganze sieht nicht nach einer ernsthaften und kurzfristig wirkenden Lösung für das Problem der notleidenden Bankkredite aus. Um diese Hängepartie zu verstehen, muss man auch wissen, dass die Japaner mit den derzeitigen Verhältnissen noch immer ganz gut leben können. Die Deflation gestaltet sich aus der Sicht der Ausländer schlimmer als für die Japaner. Dafür spricht die noch immer relativ niedrige Arbeitslosenrate und die durch die Deflation sogar steigende Kaufkraft. Das Bewusstsein einer Krise ist nicht so stark, dass die Regierung zu sofortigen ernsthaften Reformen gedrängt würde.

          Muss diese Haltung nicht irgendwann zur ganz großen Krise führen?

          Die Gefahr besteht in der Tat ständig. Sie wird dann virulent, wenn die Banken gezwungen werden, die notleidenden Kredite sofort und in voller Höhe abzuschreiben. Wenn die Bilanzposten realistisch bewertet würden, würde der japanische Bankensektor mehr oder weniger verschwinden. Dann würde nur noch eine Verstaatlichung helfen. Aber im Grunde genommen trägt der Staat dieses Risiko auch jetzt schon. Schließlich weiß jeder, dass es in Japan nicht zu großen Konkursen und einer Bankenkrise kommt, weil der Staat im Zweifel immer einspringen wird.

          Gleichzeitig dürfen zu Gunsten Japans aber auch einige positive fundamentale Aspekte nicht vergessen werden. Zu nennen wären da unter anderem die hohen Spar- und Investitionsquoten. Der Netto-Kapitalstock, und damit das Potenzial für Produktivitätssteigerungen, wächst nach wie vor in Japan. Erwähnenswert ist auch die ebenfalls hohe Zahl an Patentanmeldungen pro Kopf. Die Expertise auf technologischen Gebiet ist beinahe unübertroffen.

          Wie beurteilen Sie die am Mittwoch ebenfalls verkündeten expansiven geldpolitischen Beschlüsse der Notenbank?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Salvini lässt sich am Sonntag von seinen Anhängern in Pontida feiern.

          Lega-Treffen in Pontida : Die Jagdsaison ist eröffnet

          Nach seiner Niederlage ist Matteo Salvini wieder in Angriffslaune. Bei einem Treffen der Lega ruft er zum Sturz der Linkskoalition auf. Die Stimmung in Pontida ist bei spätsommerlichem Wetter in jeder Hinsicht aufgeheizt.
          Christian Pirkner, Chef des Bezahldienstes Blue Code

          Angriff auf Google Pay : „Ich liebe unmögliche Missionen“

          Bisher zahlt kaum jemand mit dem Smartphone. Doch der Unternehmer Christian Pirkner will dem mobilen Bezahlen in Europa zum Durchbruch verhelfen – und legt sich dabei sogar mit Google und Apple an.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.