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Finanzstandort Deutschland : Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Blick auf die Skyline von Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Noch ist London die Finanzhauptstadt Europas. Doch sollte der Brexit kommen, könnte sich das ändern. Auch am Main lässt es sich gut leben.

          An einem Dienstag Mitte Februar konnten die Leser des Londoner „Evening Standard“ in ihrer Zeitung Kurioses entdecken. Normalerweise befasst sie sich hauptsächlich mit den neuesten politischen Skandalen im Königreich. Diesmal fand sich unter der Überschrift „Wish you were here?“ eine doppelseitige Reportage über einen Ort, der in den Tagträumen gestresster britischer Pendler in der Regel keine Rolle spielt: Frankfurt am Main. Sollte Großbritannien die Europäische Union verlassen, schrieb die Reporterin anlässlich des kurz bevorstehenden EU-Gipfels, müsse ein Teil der Londoner Banker womöglich bald nach Frankfurt umziehen – höchste Zeit also, sich dort einmal ausgiebig umzuschauen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Zeitpunkt für die Geschichte war gut gewählt. Vier Tage später, am Samstag vor einer Woche, präsentierte der britische Premierminister der Öffentlichkeit den Termin für das lange erwartete EU-Referendum und rief seine Landsleute dazu auf, für den Verbleib in der EU zu stimmen. Am 23. Juni werden die Briten darüber entscheiden.

          Befürworter und Gegner gleichauf

          „Brexit“ nennen die Briten den Austritt – eine Wortkreuzung aus „Britain“ und „Exit“. In der City of London, dem Herzen der britischen Finanzwelt, ist man deswegen extrem nervös. 700.000 Banker arbeiten dort, das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl Frankfurts. Alle wichtigen Banken der Welt sind mindestens mit einer Tochtergesellschaft vertreten, besonders Amerikas Investmentbanken wie Goldman Sachs und JP Morgan beschäftigen in London Tausende Mitarbeiter.

          Es lässt darum aufhorchen, wenn sich mächtige Banker wie JP-Morgan-Chef Jamie Dimon in diesen Tagen in düsteren Worten äußern. Er rechne im Falle eines Brexit mit „heftigen Verwerfungen“, sagte Dimon in einem Interview. Auch bei Goldman Sachs ist man angespannt: Mit 500.000 Dollar unterstützt die Investmentbank die Kampagne der EU-Befürworter, ein ordentlicher Batzen Geld. War man in den Führungsetagen der Finanzhäuser lange Zeit davon ausgegangen, dass eine große Mehrheit der Briten sich für einen Verbleib in der Europäischen Union aussprechen würde, hat sich das Bild nun gewandelt. Befürworter und Gegner liegen in jüngsten Meinungsumfragen gleichauf. Und die Zahl der Unentschlossenen ist hoch.

          Tor zu den Märkten der Europäischen Union

          Weshalb fürchten sich die Mächtigen der Finanzbranche so sehr vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU? Was macht ihnen Angst?

          Ihre Befürchtung ist: Der Brexit würde Europas Finanzwelt aus den Angeln heben, und zwar auch im geographischen Sinne. Denn viele internationale Banken haben sich nicht nur deswegen in London angesiedelt, weil es sich um eines der angesehensten und ältesten Finanzzentren der Welt handelt. Sondern auch aus einem ganz pragmatischen Grund: Von ihrer Europa-Zentrale in London aus betreiben sie einen Großteil ihres kontinentaleuropäischen Geschäftes. London dient ihnen als Tor zu den Märkten der Europäischen Union.

          Neue Arbeitsplätze in Frankfurt

          Nach einem Austritt Großbritanniens würde das voraussichtlich so nicht mehr möglich sein. Für die Banker in der City ist das eine unangenehme Sache, denn ein bedeutender Teil der Arbeitsplätze im Londoner Finanzviertel würde ohne die britische EU-Mitgliedschaft nicht mehr gebraucht. Bis zu 100.000 Stellen im Finanzsektor könnten nach Schätzungen auf dem Spiel stehen.

          Das heißt aber nicht, dass diese Arbeitsplätze komplett wegfallen würden. Sie würden vielmehr an anderer Stelle neu entstehen. Viel spricht dafür, dass dies größtenteils in einer Stadt passieren könnte, die von London aus nur eine gute Flugstunde (Luftlinie: 637,4 Kilometer) entfernt ist – Frankfurt am Main.

          Verlagerung von 20.000 Stellen

          Kein Wunder also, dass sich die Reporter des „Evening Standard“ und anderer Londoner Zeitungen in diesen Tagen so ausführlich mit Frankfurt beschäftigen wie nie zuvor. Schließlich werden nicht wenige ihrer Leser aus dem Londoner Bankenviertel möglicherweise bald von der Themse an den Main umziehen.

          Das Gespenst des „Brexit“ bringt richtig etwas in Bewegung zwischen den beiden wichtigsten Finanzstädten Europas. Von einer Umkehrung der Verhältnisse zu sprechen wäre zwar ein wenig übertrieben, stehen doch bislang gut 60.000 Frankfurter Bankern mehr als zehn Mal so viele Londoner Banker gegenüber. Aber die Stadt am Main wird aller Voraussicht nach der größte Gewinner sein, falls es zum Brexit kommt. Martin Hellmich, Professor an der Frankfurt School of Finance, hat dazu eine betont konservative Rechnung aufgestellt und kommt doch schon auf eine Zahl, die gewaltig ist: „Ich halte die Verlagerung von rund 20.000 Arbeitsplätzen von London nach Frankfurt für realistisch.“ Schätzungen anderer Experten liegen noch höher.

          Der Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf

          Enormer Logistischer Aufwand

          Doch warum genau hätte der Brexit solch drastische Konsequenzen für das Verhältnis zwischen den beiden Städten? Und was stört die Banken daran?

          Die zweite Frage ist schnell beantwortet: Ein solcher Umzug kostet vor allem Geld, viel Geld. Denn er müsste in großem Stil ablaufen. Um es einmal plastisch zu machen: Die Investmentbank Morgan Stanley beschäftigt in London rund 5000 Mitarbeiter, in Frankfurt dagegen nur 250. Selbst wenn man nur die Hälfte der Londoner Mannschaft nach Deutschland verfrachten würde, wäre dies ein enormer logistischer Aufwand.

          London für amerikanische Banken reizvoller

          Die Antwort auf die Frage, warum so viele Jobs verlagert werden müssten, besteht in einem einzigen englischen Wort: „Passport“. Auch wenn in diesem Fall nicht die nächste Urlaubsreise gemeint ist, trifft der Begriff doch ziemlich gut, worum es geht. Denn bei diesem Pass handelt es sich um eine EU-Regel, die das Geschäft der Banken in Europa enorm erleichtert. Stark vereinfacht, funktioniert dies so: Hat ein Geldhaus in einem einzigen EU-Mitgliedstaat von den Aufsichtsbehörden eine Banklizenz erhalten, kann es ohne zusätzliche Prüfung auch in allen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union sein Geschäft betreiben. Ob man ein Unternehmen an die Börse bringen, es bei der Ausgabe von Anleihen beraten oder einfach nur Zertifikate der Bank an Anleger verkaufen will – hat eine Bank einmal den europäischen Pass, braucht sie sich um die Landesgrenzen innerhalb der EU nicht mehr zu scheren.

          Ohne mühsam in jedem Staat vollwertige Tochtergesellschaften zu gründen, kann sie von einem einzigen Standort aus den ganzen europäischen Binnenmarkt bespielen. Das genau macht London bisher besonders für amerikanische Banken so reizvoll: Erstens können sie von dort aus locker ihr gesamtes Europa-Geschäft steuern. Zweitens drohen ihnen in England keine allzu großen Verständigungsprobleme. Und drittens lockt die Acht-Millionen-Metropole London mit all ihren kulturellen Vorzügen.

          Zugang zum Binnenmarkt aushandeln

          Die beiden letzten Vorteile blieben London natürlich auch nach einem EU-Austritt Großbritanniens erhalten. Aber das tägliche Geschäft der Banken hätte unter erheblichen Einschränkungen zu leiden. Ein kleines Beispiel gefällig? Derzeit können die Händler einer Bank von ihrem Handelsraum in London aus ohne größere Beschränkung neue Klienten in ganz Europa kontaktieren und ihnen beispielsweise ihre jüngsten Aktienanalysen feilbieten. Eine solche „aktive Kundenakquise“, wie es im Finanzsprech heißt, wäre aber von dem Moment an nur erschwert möglich, in dem Großbritannien die EU verlassen würde. Genauso wie all die anderen Bankgeschäfte, für die der „Passport“ nötig ist. Er wäre dann gewissermaßen ungültig – und London hätte seinen wichtigsten Vorteil für außereuropäische Geldhäuser verloren. Von einer „signifikanten Unsicherheit“ spricht die Deutsche Bank in einer Studie. Und folgerichtig hat JP-Morgan-Chef Jamie Dimon für den Fall eines Brexit „massive Verlagerungen“ von Arbeitsplätzen angekündigt.

          Natürlich könnte man sich vorstellen, dass Großbritannien auch nach einem EU-Austritt wieder Zugang zum Binnenmarkt erhält, genauso wie beispielsweise Norwegen und Island, die beide nicht zur Europäischen Union gehören. Aber dies müsste erst ausgehandelt werden und ist keineswegs sicher.

          Reicht es für den Verbleib in der EU?

          In London weiß man um die Gefahr, deutlich an Strahlkraft einzubüßen. Der Brexit könnte möglicherweise gar zur vollständigen Abschaffung der Personenfreizügigkeit zwischen Großbritannien und seinen Nachbarländern führen – ein weiterer gewaltiger Wettbewerbsnachteil. „Natürlich wird die Stadt nicht über Nacht zum Provinznest“, sagt John Springford, der in der Denkfabrik Centre for European Reform die Konsequenzen eines möglichen britischen EU-Austritts erforscht. Doch London sei durch den Zuzug von Menschen aus ganz Europa in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches attraktiver geworden. „Die Stadt lebt von ihrem kosmopolitischen Flair. Wenn wir die EU verlassen, riskieren wir, dass London langweiliger wird“, sagt Springford.

          Auch deswegen kämpft der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der am vergangenen Sonntag öffentlichkeitswirksam seine Unterstützung für die Anti-EU-Kampagne verkündet hat, in seiner eigenen Heimatstadt auf ziemlich verlorenem Posten. Im Gegensatz zum Rest des Landes gibt es in London nämlich eine solide Mehrheit für den Verbleib in der EU. Trotzdem sieht es derzeit so aus, als würde dies am Ende nicht reichen.

          Nützliche Nähe zur Notenbank

          Dass ausgerechnet Frankfurt der größte Nutznießer dieser für London eher traurigen Entwicklung wäre, mag auf den ersten Blick nicht sogleich einleuchten. Gibt es doch in Europa noch ein paar andere Städte, die auf ihre Nähe zur Finanzwelt stolz sind: Paris etwa oder Amsterdam, ja selbst das irische Dublin (wo neben Steuervorteilen noch ein ganz profaner Vorzug lockt – man spricht Englisch). Schaut man genauer hin, wird aber schnell klar, warum Frankfurt mit ziemlicher Sicherheit das Rennen machen würde.

          Hubertus Väth ist als Geschäftsführer der Standortinitiative „Frankfurt Main Finance“ zwar des Lokalpatriotismus verdächtig, nennt aber ein Argument, das sich nahezu alle großen internationalen Banken so zu eigen machen: „In Frankfurt hat die bedeutendste Finanzinstitution des Euroraumes ihren Sitz, die Europäische Zentralbank.“ Es kann sich auszahlen, sich in räumliche Nähe zur Notenbank zu begeben. Denn seit etwas mehr als einem Jahr ist die EZB nicht allein für die Geldpolitik zuständig,sondern auch als Aufsichtsbehörde für große Banken, die im Euroraum tätig sind. Diese Aufgabe der EZB sehen viele Fachleute zwar kritisch, aber Banker müssen pragmatisch sein: Sich auf kurzem Wege mit der Aufsichtsbehörde abzustimmen ist eben nur in Frankfurt möglich. In Paris oder Amsterdam wäre das alles viel komplizierter.

          Alle Ressourcen in die Mainmetropole stecken

          Was aber ist mit Dublin? Immerhin lockt Irland seit Jahren Unternehmen mit günstigen Steuern an, auch viele Investmentfonds werden dort für den Vertrieb in ganz Europa aufgelegt. Günstige Bedingungen für Banken eigentlich. Gute Geschäfte allerdings versprechen die Stadt und das Land drum herum nicht gerade. In Deutschland, dem wirtschaftlich stärksten Staat des Euroraums, ist das anders: Die Unternehmen hierzulande sind viel größer und bedeutender als die irischen – alles potentielle Kunden, die von Frankfurt aus leichter zu erreichen sind als von Dublin. Ein klarer Sieg nach Punkten für die Stadt am Main.

          Die wohl einflussreichste Investmentbank der Welt sieht dies ganz genauso. Schon im Juni des vergangenen Jahres sagte Richard Gnodde, bei Goldman Sachs für das Europageschäft verantwortlich, dieser Zeitung.: „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir im Falle eines unwahrscheinlichen Brexit ganz sicher mehr Ressourcen nach Frankfurt stecken würden.“ Dort beschäftigt die Bank derzeit rund 200 Mitarbeiter, in der britischen Hauptstadt sind es 6500.

          Bittere Niederlage für Frankfurt

          Wer nun glaubt, die Banken in der Londoner City würden erst einmal in aller Ruhe abwarten, wie das EU-Referendum im Juni ausgeht, täuscht sich. Zwar mag sich offiziell derzeit niemand äußern, aber hinter den Kulissen herrscht Betriebsamkeit. Von konkreten Umzugsplänen zu sprechen wäre zu viel. Aber die Banken bereiten sich schon intensiv auf den Fall der Fälle vor. Denn Frankfurt ist im Vergleich zu London eben unbestritten auch ziemlich klein. Kommt der Brexit tatsächlich, kann sich nur diejenige Bank die besten Büroräume in Frankfurt sichern, die sofort handlungsfähig ist. „First mover advantage“ nennt man das auf Englisch. Oder, um es ganz traditionell mit einem deutschen Sprichwort zu sagen: Den Letzten beißen die Hunde.

          So stolz manchen Frankfurter diese neue Popularität auch machen mag: Fällt der Brexit aus, werden die Banken ihre Pläne in der Tasche stecken lassen. Die geographische Neuordnung der europäischen Finanzwelt fiele dann aus. Wahrscheinlich würde London seine Vormachtstellung sogar noch weiter ausbauen: Der geplante Zusammenschluss zwischen der Deutschen Börse und der Londoner Börse LSE war in der vergangenen Woche das Topthema. Firmensitz der Holding soll ausgerechnet London werden – wenn es wirklich so kommt, eine bittere Niederlage für Frankfurt.

          Kein „kosmopolitisches Flair“

          Ob man an dieser Entscheidung auch im Falle eines Brexit festhalten würde, ist allerdings zweifelhaft. Schließlich befände sich der Sitz des wichtigsten europäischen Börsenunternehmens dann außerhalb der Europäischen Union. Von den Fusionspartnern heißt es dazu bislang nur, dass man zu diesen Fragen ein Beratergremium einrichten wolle.

          Man kann sich trotzdem fragen, ob Vermieter und Immobilienverkäufer wirklich mit goldenen Zeiten in Frankfurt rechnen können. Denn die Stadt gilt – anders als London – im internationalen Maßstab nicht gerade als cool. Dabei ist es genau das, was für Banker ebenso wichtig ist wie ein hochbezahlter Job: „kosmopolitisches Flair“ – Restaurants, schicke Kneipen, ein Überfluss an kulturellem Angebot. Alles Dinge, die man mit Frankfurt gemeinhin nicht verbindet. Kein Wunder, dass diese Seite der Stadt aus London heraus mit misstrauischem Interesse beäugt wird.

          Schummerige Eckkneipen der Zuhälter

          So beginnt die Frankfurt-Reportage des „Evening Standard“ mit der Beobachtung, Frankfurt sei gerade in Londoner Finanzkreisen als die europäische Hauptstadt der Langeweile verschrien – eine Versetzung dorthin komme nach Ansicht vieler der Verdammnis gleich. Und noch vor ein paar Jahren hätte sich eine britische Zeitung wohl nicht die Mühe gemacht, dieses harte Urteil zu korrigieren. Das ist nun anders: In dem Artikel finden sowohl die Kneipendichte der Stadt als auch die Höflichkeit der Frankfurter Männer lobende Erwähnung. Einziges Manko: Sonntag und Montag sind Bars und Pinten häufig nicht geöffnet. Ein Unding für die durch zahlreiche Pub-Besuche gestählten Briten.

          Doch das Interesse zeigt: Ein Massenaufstand der Londoner Banker gegen einen Umzug nach Frankfurt ist heute weitaus weniger wahrscheinlich als noch vor wenigen Jahren. Zumal sich auch die meist hartgesottenen Investmentbanker in Frankfurt jene Kicks holen können, die sie von Zeit zu Zeit einfach brauchen – und zwar im Frankfurter Bahnhofsviertel. Wo sich lange nur das Rotlichtmilieu tummelte, entstehen seit einiger Zeit schicke Cocktailbars in ehemaligen Strip-Clubs, und die Mitarbeiter der umliegenden Bankentürme können neben den schummerigen Eckkneipen der Zuhälter in marmorverkleideten In-Lokalen Vorspeisen für 30 Euro bestellen. Wer Sehnsucht nach der Restaurantszene von Soho oder den Kneipen von Dalston und Shoreditch hat, wird hier schon heute fündig – und sind die Londoner erst einmal da, wird sich die Anzahl der Bars wahrscheinlich noch viel schneller erhöhen als bisher.

          Langweilige britische Banker

          Es tut sich also viel in Frankfurt. Das lässt sich auch an der Museumsdichte ablesen, die in Frankfurt mit seinen 60 Museen für 700.000 Einwohner weit höher ist als in London, wo sich 8,6 Millionen Menschen rund 200 Museen teilen müssen. Und Frankfurt beeindruckt nicht nur durch Masse, sondern auch durch Klasse: Als Party-Veranstalter können die Frankfurter Museen mittlerweile durchaus mit Locations wie der Londoner Tate mithalten. Zumindest haben die perfekt choreographierten Ausstellungseröffnungen der Schirn Kunsthalle oder des Städel-Museums am Mainufer in den vergangenen Jahren schon das ein oder andere Lob verwöhnter Gäste aus London eingeheimst.

          Ein paar tausend kulturaffine Banker mehr können diese Partys eigentlich nur noch besser machen. Schon jetzt brüstet sich Städel-Chef Max Hollein schließlich damit, dass er einen Großteil seines Budgets der Großzügigkeit Frankfurter Spender verdankt.

          Sollten also alle Frankfurter Lokalpatrioten von nun an beim Kurztrip nach London Handzettel für die britische „Leave“-Kampagne verteilen? Ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht. Auch in London gibt es nämlich Streit darüber, ob mehr Banker einer Stadt tatsächlich mehr Lebensqualität bescheren. Es sei unmöglich zu leugnen, dass das Geld aus der Finanzbranche das Leben für die meisten Londoner eher weniger angenehm mache, schreibt der Schriftsteller John Lanchester. „Das liegt auch daran, dass insbesondere die Männer so wahnsinnig langweilig sind.“ In Lanchesters Szenario mischen die Banker nicht die Kneipenszene auf, sondern nehmen im Gegenteil kaum am öffentlichen Leben teil, weil sie nur im Büro herumhängen. Das hält sie aber nicht davon ab, mit ihren irren Gehältern die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben und die Verdrängung normaler Geschäfte durch überteuerte Edel-Läden zu befeuern – zum Leidwesen weniger finanzstarker Nachbarn.

          Das aber muss man aushalten können, wenn man zu Europas Finanzhauptstadt Nummer eins aufsteigen will.

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