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Finanzstandort Deutschland : Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

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Schummerige Eckkneipen der Zuhälter

So beginnt die Frankfurt-Reportage des „Evening Standard“ mit der Beobachtung, Frankfurt sei gerade in Londoner Finanzkreisen als die europäische Hauptstadt der Langeweile verschrien – eine Versetzung dorthin komme nach Ansicht vieler der Verdammnis gleich. Und noch vor ein paar Jahren hätte sich eine britische Zeitung wohl nicht die Mühe gemacht, dieses harte Urteil zu korrigieren. Das ist nun anders: In dem Artikel finden sowohl die Kneipendichte der Stadt als auch die Höflichkeit der Frankfurter Männer lobende Erwähnung. Einziges Manko: Sonntag und Montag sind Bars und Pinten häufig nicht geöffnet. Ein Unding für die durch zahlreiche Pub-Besuche gestählten Briten.

Doch das Interesse zeigt: Ein Massenaufstand der Londoner Banker gegen einen Umzug nach Frankfurt ist heute weitaus weniger wahrscheinlich als noch vor wenigen Jahren. Zumal sich auch die meist hartgesottenen Investmentbanker in Frankfurt jene Kicks holen können, die sie von Zeit zu Zeit einfach brauchen – und zwar im Frankfurter Bahnhofsviertel. Wo sich lange nur das Rotlichtmilieu tummelte, entstehen seit einiger Zeit schicke Cocktailbars in ehemaligen Strip-Clubs, und die Mitarbeiter der umliegenden Bankentürme können neben den schummerigen Eckkneipen der Zuhälter in marmorverkleideten In-Lokalen Vorspeisen für 30 Euro bestellen. Wer Sehnsucht nach der Restaurantszene von Soho oder den Kneipen von Dalston und Shoreditch hat, wird hier schon heute fündig – und sind die Londoner erst einmal da, wird sich die Anzahl der Bars wahrscheinlich noch viel schneller erhöhen als bisher.

Langweilige britische Banker

Es tut sich also viel in Frankfurt. Das lässt sich auch an der Museumsdichte ablesen, die in Frankfurt mit seinen 60 Museen für 700.000 Einwohner weit höher ist als in London, wo sich 8,6 Millionen Menschen rund 200 Museen teilen müssen. Und Frankfurt beeindruckt nicht nur durch Masse, sondern auch durch Klasse: Als Party-Veranstalter können die Frankfurter Museen mittlerweile durchaus mit Locations wie der Londoner Tate mithalten. Zumindest haben die perfekt choreographierten Ausstellungseröffnungen der Schirn Kunsthalle oder des Städel-Museums am Mainufer in den vergangenen Jahren schon das ein oder andere Lob verwöhnter Gäste aus London eingeheimst.

Ein paar tausend kulturaffine Banker mehr können diese Partys eigentlich nur noch besser machen. Schon jetzt brüstet sich Städel-Chef Max Hollein schließlich damit, dass er einen Großteil seines Budgets der Großzügigkeit Frankfurter Spender verdankt.

Sollten also alle Frankfurter Lokalpatrioten von nun an beim Kurztrip nach London Handzettel für die britische „Leave“-Kampagne verteilen? Ganz so einfach ist es vielleicht doch nicht. Auch in London gibt es nämlich Streit darüber, ob mehr Banker einer Stadt tatsächlich mehr Lebensqualität bescheren. Es sei unmöglich zu leugnen, dass das Geld aus der Finanzbranche das Leben für die meisten Londoner eher weniger angenehm mache, schreibt der Schriftsteller John Lanchester. „Das liegt auch daran, dass insbesondere die Männer so wahnsinnig langweilig sind.“ In Lanchesters Szenario mischen die Banker nicht die Kneipenszene auf, sondern nehmen im Gegenteil kaum am öffentlichen Leben teil, weil sie nur im Büro herumhängen. Das hält sie aber nicht davon ab, mit ihren irren Gehältern die Immobilienpreise in die Höhe zu treiben und die Verdrängung normaler Geschäfte durch überteuerte Edel-Läden zu befeuern – zum Leidwesen weniger finanzstarker Nachbarn.

Das aber muss man aushalten können, wenn man zu Europas Finanzhauptstadt Nummer eins aufsteigen will.

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