https://www.faz.net/-gv6-8e3c4

Finanzstandort Deutschland : Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Alle Ressourcen in die Mainmetropole stecken

Was aber ist mit Dublin? Immerhin lockt Irland seit Jahren Unternehmen mit günstigen Steuern an, auch viele Investmentfonds werden dort für den Vertrieb in ganz Europa aufgelegt. Günstige Bedingungen für Banken eigentlich. Gute Geschäfte allerdings versprechen die Stadt und das Land drum herum nicht gerade. In Deutschland, dem wirtschaftlich stärksten Staat des Euroraums, ist das anders: Die Unternehmen hierzulande sind viel größer und bedeutender als die irischen – alles potentielle Kunden, die von Frankfurt aus leichter zu erreichen sind als von Dublin. Ein klarer Sieg nach Punkten für die Stadt am Main.

Die wohl einflussreichste Investmentbank der Welt sieht dies ganz genauso. Schon im Juni des vergangenen Jahres sagte Richard Gnodde, bei Goldman Sachs für das Europageschäft verantwortlich, dieser Zeitung.: „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir im Falle eines unwahrscheinlichen Brexit ganz sicher mehr Ressourcen nach Frankfurt stecken würden.“ Dort beschäftigt die Bank derzeit rund 200 Mitarbeiter, in der britischen Hauptstadt sind es 6500.

Bittere Niederlage für Frankfurt

Wer nun glaubt, die Banken in der Londoner City würden erst einmal in aller Ruhe abwarten, wie das EU-Referendum im Juni ausgeht, täuscht sich. Zwar mag sich offiziell derzeit niemand äußern, aber hinter den Kulissen herrscht Betriebsamkeit. Von konkreten Umzugsplänen zu sprechen wäre zu viel. Aber die Banken bereiten sich schon intensiv auf den Fall der Fälle vor. Denn Frankfurt ist im Vergleich zu London eben unbestritten auch ziemlich klein. Kommt der Brexit tatsächlich, kann sich nur diejenige Bank die besten Büroräume in Frankfurt sichern, die sofort handlungsfähig ist. „First mover advantage“ nennt man das auf Englisch. Oder, um es ganz traditionell mit einem deutschen Sprichwort zu sagen: Den Letzten beißen die Hunde.

So stolz manchen Frankfurter diese neue Popularität auch machen mag: Fällt der Brexit aus, werden die Banken ihre Pläne in der Tasche stecken lassen. Die geographische Neuordnung der europäischen Finanzwelt fiele dann aus. Wahrscheinlich würde London seine Vormachtstellung sogar noch weiter ausbauen: Der geplante Zusammenschluss zwischen der Deutschen Börse und der Londoner Börse LSE war in der vergangenen Woche das Topthema. Firmensitz der Holding soll ausgerechnet London werden – wenn es wirklich so kommt, eine bittere Niederlage für Frankfurt.

Kein „kosmopolitisches Flair“

Ob man an dieser Entscheidung auch im Falle eines Brexit festhalten würde, ist allerdings zweifelhaft. Schließlich befände sich der Sitz des wichtigsten europäischen Börsenunternehmens dann außerhalb der Europäischen Union. Von den Fusionspartnern heißt es dazu bislang nur, dass man zu diesen Fragen ein Beratergremium einrichten wolle.

Man kann sich trotzdem fragen, ob Vermieter und Immobilienverkäufer wirklich mit goldenen Zeiten in Frankfurt rechnen können. Denn die Stadt gilt – anders als London – im internationalen Maßstab nicht gerade als cool. Dabei ist es genau das, was für Banker ebenso wichtig ist wie ein hochbezahlter Job: „kosmopolitisches Flair“ – Restaurants, schicke Kneipen, ein Überfluss an kulturellem Angebot. Alles Dinge, die man mit Frankfurt gemeinhin nicht verbindet. Kein Wunder, dass diese Seite der Stadt aus London heraus mit misstrauischem Interesse beäugt wird.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
Ein Bild von Japans Ministerpräsident Abe wird während einer Demonstration in Südkorea verbrannt.

Handelskonflikt mit Japan : Südkoreas Angst vor dem Fukushima-Wasser

Seoul hat Angst vor atomar verseuchter Nahrung aus Fukushima. Deshalb gibt es für Südkoreas Sportler während der Olympischen Spiele in Tokio möglicherweise eine eigene Kantine. Der Konflikt zwischen den Ländern spitzt sich immer weiter zu.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.