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Finanzstandort Deutschland : Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Zugang zum Binnenmarkt aushandeln

Die beiden letzten Vorteile blieben London natürlich auch nach einem EU-Austritt Großbritanniens erhalten. Aber das tägliche Geschäft der Banken hätte unter erheblichen Einschränkungen zu leiden. Ein kleines Beispiel gefällig? Derzeit können die Händler einer Bank von ihrem Handelsraum in London aus ohne größere Beschränkung neue Klienten in ganz Europa kontaktieren und ihnen beispielsweise ihre jüngsten Aktienanalysen feilbieten. Eine solche „aktive Kundenakquise“, wie es im Finanzsprech heißt, wäre aber von dem Moment an nur erschwert möglich, in dem Großbritannien die EU verlassen würde. Genauso wie all die anderen Bankgeschäfte, für die der „Passport“ nötig ist. Er wäre dann gewissermaßen ungültig – und London hätte seinen wichtigsten Vorteil für außereuropäische Geldhäuser verloren. Von einer „signifikanten Unsicherheit“ spricht die Deutsche Bank in einer Studie. Und folgerichtig hat JP-Morgan-Chef Jamie Dimon für den Fall eines Brexit „massive Verlagerungen“ von Arbeitsplätzen angekündigt.

Natürlich könnte man sich vorstellen, dass Großbritannien auch nach einem EU-Austritt wieder Zugang zum Binnenmarkt erhält, genauso wie beispielsweise Norwegen und Island, die beide nicht zur Europäischen Union gehören. Aber dies müsste erst ausgehandelt werden und ist keineswegs sicher.

Reicht es für den Verbleib in der EU?

In London weiß man um die Gefahr, deutlich an Strahlkraft einzubüßen. Der Brexit könnte möglicherweise gar zur vollständigen Abschaffung der Personenfreizügigkeit zwischen Großbritannien und seinen Nachbarländern führen – ein weiterer gewaltiger Wettbewerbsnachteil. „Natürlich wird die Stadt nicht über Nacht zum Provinznest“, sagt John Springford, der in der Denkfabrik Centre for European Reform die Konsequenzen eines möglichen britischen EU-Austritts erforscht. Doch London sei durch den Zuzug von Menschen aus ganz Europa in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches attraktiver geworden. „Die Stadt lebt von ihrem kosmopolitischen Flair. Wenn wir die EU verlassen, riskieren wir, dass London langweiliger wird“, sagt Springford.

Auch deswegen kämpft der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der am vergangenen Sonntag öffentlichkeitswirksam seine Unterstützung für die Anti-EU-Kampagne verkündet hat, in seiner eigenen Heimatstadt auf ziemlich verlorenem Posten. Im Gegensatz zum Rest des Landes gibt es in London nämlich eine solide Mehrheit für den Verbleib in der EU. Trotzdem sieht es derzeit so aus, als würde dies am Ende nicht reichen.

Nützliche Nähe zur Notenbank

Dass ausgerechnet Frankfurt der größte Nutznießer dieser für London eher traurigen Entwicklung wäre, mag auf den ersten Blick nicht sogleich einleuchten. Gibt es doch in Europa noch ein paar andere Städte, die auf ihre Nähe zur Finanzwelt stolz sind: Paris etwa oder Amsterdam, ja selbst das irische Dublin (wo neben Steuervorteilen noch ein ganz profaner Vorzug lockt – man spricht Englisch). Schaut man genauer hin, wird aber schnell klar, warum Frankfurt mit ziemlicher Sicherheit das Rennen machen würde.

Hubertus Väth ist als Geschäftsführer der Standortinitiative „Frankfurt Main Finance“ zwar des Lokalpatriotismus verdächtig, nennt aber ein Argument, das sich nahezu alle großen internationalen Banken so zu eigen machen: „In Frankfurt hat die bedeutendste Finanzinstitution des Euroraumes ihren Sitz, die Europäische Zentralbank.“ Es kann sich auszahlen, sich in räumliche Nähe zur Notenbank zu begeben. Denn seit etwas mehr als einem Jahr ist die EZB nicht allein für die Geldpolitik zuständig,sondern auch als Aufsichtsbehörde für große Banken, die im Euroraum tätig sind. Diese Aufgabe der EZB sehen viele Fachleute zwar kritisch, aber Banker müssen pragmatisch sein: Sich auf kurzem Wege mit der Aufsichtsbehörde abzustimmen ist eben nur in Frankfurt möglich. In Paris oder Amsterdam wäre das alles viel komplizierter.

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