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Finanzstandort Deutschland : Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Verlagerung von 20.000 Stellen

Kein Wunder also, dass sich die Reporter des „Evening Standard“ und anderer Londoner Zeitungen in diesen Tagen so ausführlich mit Frankfurt beschäftigen wie nie zuvor. Schließlich werden nicht wenige ihrer Leser aus dem Londoner Bankenviertel möglicherweise bald von der Themse an den Main umziehen.

Das Gespenst des „Brexit“ bringt richtig etwas in Bewegung zwischen den beiden wichtigsten Finanzstädten Europas. Von einer Umkehrung der Verhältnisse zu sprechen wäre zwar ein wenig übertrieben, stehen doch bislang gut 60.000 Frankfurter Bankern mehr als zehn Mal so viele Londoner Banker gegenüber. Aber die Stadt am Main wird aller Voraussicht nach der größte Gewinner sein, falls es zum Brexit kommt. Martin Hellmich, Professor an der Frankfurt School of Finance, hat dazu eine betont konservative Rechnung aufgestellt und kommt doch schon auf eine Zahl, die gewaltig ist: „Ich halte die Verlagerung von rund 20.000 Arbeitsplätzen von London nach Frankfurt für realistisch.“ Schätzungen anderer Experten liegen noch höher.

Der Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf

Enormer Logistischer Aufwand

Doch warum genau hätte der Brexit solch drastische Konsequenzen für das Verhältnis zwischen den beiden Städten? Und was stört die Banken daran?

Die zweite Frage ist schnell beantwortet: Ein solcher Umzug kostet vor allem Geld, viel Geld. Denn er müsste in großem Stil ablaufen. Um es einmal plastisch zu machen: Die Investmentbank Morgan Stanley beschäftigt in London rund 5000 Mitarbeiter, in Frankfurt dagegen nur 250. Selbst wenn man nur die Hälfte der Londoner Mannschaft nach Deutschland verfrachten würde, wäre dies ein enormer logistischer Aufwand.

London für amerikanische Banken reizvoller

Die Antwort auf die Frage, warum so viele Jobs verlagert werden müssten, besteht in einem einzigen englischen Wort: „Passport“. Auch wenn in diesem Fall nicht die nächste Urlaubsreise gemeint ist, trifft der Begriff doch ziemlich gut, worum es geht. Denn bei diesem Pass handelt es sich um eine EU-Regel, die das Geschäft der Banken in Europa enorm erleichtert. Stark vereinfacht, funktioniert dies so: Hat ein Geldhaus in einem einzigen EU-Mitgliedstaat von den Aufsichtsbehörden eine Banklizenz erhalten, kann es ohne zusätzliche Prüfung auch in allen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union sein Geschäft betreiben. Ob man ein Unternehmen an die Börse bringen, es bei der Ausgabe von Anleihen beraten oder einfach nur Zertifikate der Bank an Anleger verkaufen will – hat eine Bank einmal den europäischen Pass, braucht sie sich um die Landesgrenzen innerhalb der EU nicht mehr zu scheren.

Ohne mühsam in jedem Staat vollwertige Tochtergesellschaften zu gründen, kann sie von einem einzigen Standort aus den ganzen europäischen Binnenmarkt bespielen. Das genau macht London bisher besonders für amerikanische Banken so reizvoll: Erstens können sie von dort aus locker ihr gesamtes Europa-Geschäft steuern. Zweitens drohen ihnen in England keine allzu großen Verständigungsprobleme. Und drittens lockt die Acht-Millionen-Metropole London mit all ihren kulturellen Vorzügen.

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