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Millisekunden-Handel : Börsen kämpfen mit ihrer Technik

Börsenprobleme in Amerika, Japan und Spanien Bild: Getty Images

New York, Madrid und Tokio: Viele Handelsplätze müssen wegen Pannen ihr Geschäft aussetzen. Das Vertrauen der Investoren schwindet.

          3 Min.

          Die Pannenserie an führenden Handelsplätzen setzt sich fort: Am Dienstag musste in Tokio der Derivatehandel am drittgrößten Börsenplatz der Welt gestoppt werden. Futures auf den Topix-Index, japanische Staatsanleihen sowie auf alle Optionen konnten in Tokio fast zwei Stunden lang nicht gehandelt werden. Es gab eine technische Panne in dem erst vor kurzem installierten System, teilte die Börse mit.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Der Vorfall in Japan wirft abermals ein Schlaglicht auf den Börsenhandel, der immer öfter mit Problemen zu kämpfen hat. Erst am Montag war der Aktienhandel an der Börse in Madrid wegen technischer Schwierigkeiten unterbrochen worden. Viereinhalb Stunden dauerte die Panne. Dabei hatte der Börsenbetreiber BME erst vor drei Monaten seine Systeme erneuert, um die Geschwindigkeit und die Kapazitäten zu steigern - und mit konkurrierenden Börsen mithalten zu können. Anfang Mai hatte das Xetra-Handelssystem der Deutschen Börse mehr als eine Stunde nicht funktioniert.

          Zweite Panne für Börse in Tokio

          Auch an der Wall Street hatte die elektronische Börse Bats, nach Nyse und Nasdaq der drittgrößte amerikanische Aktienmarkt, ihren Börsengang nach technischen Schwierigkeiten abgesagt. Mitte Mai war das Facebook-Börsendebüt zum Debakel geraten, nachdem die Nasdaq Schwierigkeiten mit ihrem Handelssystem bekam. „Der Börsenhandel wird immer komplexer und schneller“, sagt Matthias Jasper, Leiter des Aktiengeschäfts der WGZ Bank, „die Abhängigkeit von der Technik ist enorm. Gibt es einen Fehler im System, kann das schwerwiegende Folgen haben.“

          Für die Börse in Tokio ist es bereits die zweite größere technische Panne in diesem Jahr. Sorgen, die wachsende Zahl der Zwischenfälle könne das Vertrauen in den Börsenplatz untergraben, sind in Tokio deswegen nicht nur hinter vorgehaltener Hand geäußert worden. Bereits im Februar stand der Handel mit 241 Aktien an der Börse in Tokio für mehr als drei Stunden still - darunter waren so wichtige Papiere wie Sony oder Hitachi.

          Diese Pannen sind für die Börse in Tokio besonders unangenehm, weil sie die geplante Fusion mit der Börse in Osaka gefährden, dem zweiten großen japanischen Handelszentrum. Anleger äußerten die Sorge, die Börse in Tokio sei technisch für die geplante Fusion nicht vorbereitet. Zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt, habe vor der Fusion unbedingt Priorität, erklärte die Börse in der japanischen Hauptstadt.

          Hochfrequenzhandel sorgt für Probleme

          Mit Blick auf die Schwierigkeiten an den Handelsplätzen argumentieren Kritiker, dass besonders der Hochfrequenzhandel für Probleme sorgt. „Wenn in einer Millisekunde 39 Börsengeschäfte abgeschlossen werden können und solche Systeme kurzfristig verrückt spielen, kommt es schnell zur Katastrophe“, sagt Jasper.

          An der Wall Street wurden Anleger in den vergangenen zwei Jahren mehrfach von Kursturbulenzen verunsichert, die im Zusammenhang mit dem extrem schnell gewordenen Computerhandel stehen. In der vergangenen Woche hatte ein Softwarefehler in einem Handelsprogramm des Börsenmaklers Knight Capital kurzzeitig für starke Kursausschläge und hohe Handelsumsätze bei fast 150 Aktien gesorgt. Das brachte Knight nach hohen Verlusten zwar an den Rand des Zusammenbruchs, negative Auswirkungen auf die Handelssysteme der Börse scheint es aber nicht gegeben zu haben. Die New Yorker Börse annullierte nach einer Prüfung der Vorgänge nur Transaktionen mit sechs Aktien wegen zu starker Ausschläge.

          Beim Blitzcrash im Mai 2010 waren wesentlich mehr Aktiengeschäfte nachträglich für ungültig erklärt worden. Der Aktienindex Dow Jones war damals innerhalb von Minuten um fast 1000 Punkte abgesackt, hatte sich aber genauso rasch wieder von den Verlusten erholt. Die Börsenaufsicht SEC hatte dafür den computergestützten Verkauf von Terminkontrakten durch eine große Fondsgesellschaft und eine davon ausgelöste negative Kettenreaktion verantwortlich gemacht. An der Wall Street halten sich aber Gerüchte, dass Computerprogramme von sogenannten Hochfrequenzhändlern zum Blitzcrash beigetragen haben.

          SEC reagiert mit neuen Vorschriften

          Auf diese Handelsfirmen, deren Computer Aktien in Millisekunden handeln, entfallen gut zwei Drittel des Handelsvolumens an den amerikanischen Börsen. Die SEC reagierte auf den Blitzcrash mit neuen Vorschriften für die Unterbrechung des Handels bei starken Kursausschlägen. Das hat nach Einschätzung der SEC-Vorsitzenden Mary Schapiro geholfen, die Auswirkungen der Computerpanne von Knight auf den Rest des Börsenhandels zu begrenzen. Die Börsenaufsicht prüft, ob weitere regulatorische Maßnahmen nötig sind. Möglicherweise könnten von Börsen „spezifische Programme“ verlangt werden, um sicherzustellen, dass die Handelssysteme intakt sind und über ausreichende Kapazität verfügen.

          Der Vorstandsvorsitzende des Börsenkonzerns Nyse Euronext, Duncan Niederauer, verteidigte die Systeme der New Yorker Börse im Fall Knight, sprach sich aber für eine allgemeine Reform des aktuellen Marktsystems aus. „Es ist wichtig, dass wir und die Aufsichtsbehörden verstehen, dass Geschwindigkeit nicht immer besser ist“, sagte Niederauer.

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