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Marktmanipulation : SEC forciert Jagd auf Hochfrequenzhändler

Kriminalfall? Auch das FBI unterstützt die SEC mit technologischer Expertise bei der Untersuchung des Aktienhandels Bild: dpa

Neue Daten der amerikanischen Börsenaufsicht zeigen einen extrem hohen Anteil stornierter Aufträge an den Aktienmärkten. Das könnte die Debatte um die Manipulation der Märkte verschärfen.

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          Die überwiegende Mehrheit von Aktienaufträgen an der Wall Street wird wieder storniert, bevor sie ausgeführt werden. Neue Daten der amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC zeigen, dass im zweiten Quartal dieses Jahres durchschnittlich nur 3,2 Prozent aller Aktienaufträge an den amerikanischen Börsen in einem abgeschlossenen Geschäft resultierten. Bei anderen handelbaren Produkten, etwa börsennotierten Fondsanteilen, ist das Verhältnis noch niedriger. Im zweiten Quartal wurden in diesem Marktsegment im Durchschnitt nur 0,24 Prozent der Aufträge ausgeführt.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Auch an der Deutschen Börse wird nur ein Bruchteil der eingestellten Aufträge tatsächlich ausgeführt. Um die Funktionsfähigkeit des Handelssystems sicherzustellen, hat die Deutsche Börse im Februar 2012 die Marktteilnehmer jedoch dazu verpflichtet, bei Dax-Aktien wenigstens einen von 1800 eingestellten Aufträgen auch tatsächlich auszuführen.

          Gebühr für stornierte Aufträge geplant

          Die Daten könnten die Debatte um die mögliche Manipulation der Finanzmärkte durch leistungsstarke Computer von Hochfrequenzhändlern verschärfen, die Wertpapiere im Takt von Millisekunden handeln. Nach Schätzungen der Analysegesellschaft Aite Group sind die Handelsmaschinen bereits für rund 70 Prozent des ausgeführten Handelsvolumens an den amerikanischen Aktienmärkten verantwortlich. Eric Hunsader, Gründer des Informationsdienstes Nanex und Kritiker des Hochfrequenzhandels, schätzt, dass bis zu 95 Prozent aller Aktienaufträge von den superschnellen Handelscomputern stammen.

          Die SEC prüft derzeit, ob Hochfrequenzhändler die Märkte mit Aufträgen fluten, um Preise zu manipulieren und von kleinsten Abweichungen zu profitieren. Auch die amerikanische Bundespolizei FBI unterstützt die SEC mit technologischer Expertise bei der Untersuchung des millisekundenschnellen Handels. Die Behörde erwägt seit geraumer Zeit, Gebühren für stornierte Aufträge zu erheben, um die Praxis einzudämmen. Diese Forderung wird auch von Vertretern traditioneller Wertpapierhäuser erhoben. „Eine Strafe für exzessive Stornierungen, strikte Durchsetzung der Regeln für den Zugang zu Informationen und eine vollständige Überprüfung des 40 Jahre alten Systems für Marktdaten der New Yorker Börse wären ein guter Anfang“, schrieben Charles Schwab und Walter Bettinger im Juli in einem Meinungsbeitrag für das „Wall Street Journal“. Schwab ist der Gründer und Verwaltungsratsvorsitzende, Bettinger der Vorstandschef des größten amerikanischen Online-Wertpapierhauses Charles Schwab, dessen Kunden vornehmlich Privatanleger sind.

          Behörde rüstet auf

          Die Kontroversen um den Computerhandel gelten als einer der Gründe, warum sich Privatanleger in den vergangenen Jahren zunehmend aus dem Aktienmarkt zurückgezogen hatten. Die SEC, die eine Gleichbehandlung von Anlegern auf den Märkten sicherstellen will, hatte kürzlich eine Geldstrafe gegen die New Yorker Börse in Zusammenhang mit Hochfrequenzhandel verhängt. Der Börsenkonzern Nyse Euronext musste im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs 5 Millionen Dollar zahlen, weil Profianleger zwei Jahre lang bevorzugt wurden. Die New York Stock Exchange hatte zahlenden Abonnenten Kursdaten kurz vor der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Es war das erste Mal, dass die Börse eine Geldbuße an die SEC zahlen musste. Befürworter des Hochfrequenzhandels argumentieren mit niedriger gewordenen Preisen für Aktiengeschäfte aufgrund stärkeren Wettbewerbs sowie höherer Handelsliquidität an den Märkten wovon auch Privatanleger Vorteile hätten.

          Die erstmals auf der Internetseite der SEC zugänglichen Daten über das Verhältnis von stornierten und abgeschlossenen Aktienaufträgen sind ein Indiz für die technologische Aufrüstung der Behörde. Seit mehreren Monaten ist ein vom Hochfrequenzhändler Tradeworx für die SEC entwickeltes Computersystem in Betrieb, mit dem die Aufseher Milliarden von Handelsdaten an den amerikanischen Börsen schnell kontrollieren und bewerten können. Das Programm mit dem griffigen Namen Midas (Market Information Data Analytics System) kostet die SEC 2,5 Millionen Dollar im Jahr. Auch personell will die SEC mit den von promovierten Mathematikern bevölkerten Hochfrequenzhändlern gleichziehen. Verantwortlich für das Midas-System ist der ehemalige Hedgefonds-Manager Gregg Berman, ein Atomphysiker mit einem Doktorgrad der Eliteuniversität Princeton.

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