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Luftfahrtwerte : Wetten auf eine Erholung sind verfrüht

  • Aktualisiert am

Stimmungsbild der Branche Bild: dpa

In den vergangenen Wochen konnten sich die Aktien der Luftfahrtunternehmen von ihren Kursverlusten etwas erholen. Ein skeptischer Ausblick der IATA und aktuelle Verkehrszahlen zeigen aber, dass die Krise noch nicht vorbei ist.

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          Im Rahmen des in den vergangenen Wochen aufgekommenen Wirtschaftsoptimismus und der dadurch ausgelösten Erwartungshausse an den internationalen Börsen konnten sich auch die Aktien der Luftfahrtunternehmen von den zum Teil massiven Kursverlusten des vergangenen Jahres etwas erholen.

          Die weiteren Aussichten sind jedoch nicht sonderlich gut. Die Fluggesellschaften weltweit werden nach einer Schätzung des internationalen Airlineverbandes IATA in diesem Jahr neun Milliarden Dollar oder umgerechnet etwa 6,35 Milliarden Euro Verlust einfliegen. Dies sei Folge der globalen Wirtschaftskrise, erklärte der Verband am Montag in Kuala Lumpur. „Es gibt in der modernen Zeit kein Beispiel für den derzeitigen Einbruch“, sagte IATA-Chef Giovanni Bisignani beim Jahrestreffen der Luftfahrtbranche in Malaysias Hauptstadt. „Der Boden bebt, unsere Industrie ist erschüttert.“

          IATA verschlechter Prognosen für das laufende Jahr

          Damit verschlechterte IATA seine Vorhersagen für dieses Jahr nochmals drastisch. Im März war der Verband noch von 4,7 Milliarden Dollar Verlusten für die Fluggesellschaften ausgegangen. Allerdings zeigt sich die wirtschaftliche Lage der etablierten Fluglinien exemplarisch in Form der Äußerung von Willie Walsh, dem Vorstandssprecher von British Airways. Die Fluglinien hätten keine Möglichkeit, in der Krise die Nachfrage zu stimulieren, erklärte er, die Kunden reagierten selbst im Premiumbereich nicht auf preisliche Anreize, erklärte er.

          Der Luftverkehr war im April den achten Monat in Folge geschrumpft. Er ging im April international um insgesamt 3,1 Prozent zurück. Besonders deutlich waren die Rückgänge im Frachtbereich: Dort ging der Verkehr im April um 18,4 Prozent zurück, nachdem er im März um 18,5, im Februar um 19,5 und im Januar sogar um 27,6 Prozent geschrumpft war. Die Fluglinien haben darauf reagiert und Kapazitäten aus dem Markt genommen. Im April gingen die verfügbaren Sitze je Kilometer um 2,5 Prozent zurück, nachdem sie im März um 4,4, im Februar um 5,9 und im Januar um zwei Prozent reduziert worden waren. Das führte dazu, dass der so genannte Ladefaktor von 69,9 Prozent im Februar auf 74,4 Prozent im April verbessert werden konnte.

          Auf diese Weise können die Fluglinien zumindest in der Tendenz ihre Profitalilität verbessern. Allerdings wurden diese Bemühungen zumindest bei den etablierten, internationale tätigen Unternehmen der Branche dadurch konterkariert, dass das Passagieraufkommen im besonders margenträchtigen Premiumsegment besonders stark zurückging: Im Februar und März um jeweils etwas mehr als 19 Prozent. Delta Airlines berichtete noch für den Mai einen Rückgang um knapp 15 Prozent.

          Das dürfte dazu beigetragen haben, dass Analysten ein den vergangenen Monaten dazu übergingen, die Gewinnschätzungen für die Fluglinien immer weiter nach unten zu nehmen. Selbst bei reduzierten Gewinnerwartungen sind die meisten ihrer Aktien jedoch noch nicht günstig: Die Papiere der Lufthansa etwa liegen auf Basis der durchschnittlichen Gewinnschätzungen für das laufende Geschäftsjahr bei einem Kurs-Gewinnverhältnis von knapp 28, die Papiere von Qantas haben ein KGV von 32, die von Singapore Airlines von 26, die von Air China von 21 und die von Southwest Airlines 19. Dagegen wird bei British Airways ebenso ein Verlust erwartet wie bei Air France, Cathay Pacific, Japan Airlines, All Nippon Airways und China Eastern Airlines. Optisch vernünftig bewertet sehen lediglich die Papiere der chilenischen Lan Airlines, von Delta Air Lines und von Ryanair mit KGVs von 15, 12 und 15 aus.

          Aktuelle Zahlen zeigen: Die Krise ist noch nicht vorbei

          Delta scheint nach der Rückkehr aus der Insolvenz geschickter als in der Vergangenheit auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Auf einen Rückgang der Passagierzahlen im Mai reagierte das Unternehmen mit einem Abbau der Kapazitäten. Die Auslastung ging zwar leicht zurück, allerdings ist sie noch vergleichsweise hoch. Der internationale Verkehr ging im Mai um 14,6 Prozent zurück, der Frachtverkehr um 32 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Wirtschaftskrise noch lange nicht vorbei ist.

          Am günstigsten scheint wirtschaftlich Rynair dazustehen: Das Unternehmen passt seine Kapazitäten stetig an, hat niedrige Kosten, eine hohe Kapazitätsauslastung und ist nicht abhängig vom Premiumsegment - ein vergleichsweise robustes Geschäftsmodell.

          Mit Blick auf die Hersteller heißt es, die globale Wirtschaftskrise werde die beiden großen Flugzeugbauer Boeing und Airbus erst noch treffen. Im kommenden Jahr könnten die Auslieferungen neuer Verkehrsflugzeuge um 30 Prozent einbrechen, wie der IATA- Chef Giovanni Bisignani in einem Interview mit Bloomberg News in der vergangeenn Woche schon voraussagte. Es handele sich um Erfahrungswerte aus früheren Rezessionen. „Wir haben schließlich gesehen, wie sich sämtliche Daten nach unten bewegt haben“, sagte Bisignani in einem Gespräch in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, wo in der kommenden Woche das Jahrestreffen der internationalen Vereinigung stattfindet. Die weltweite Wirtschaftskrise bremst die Nachfrage nach Flügen allgemein, und besonders im einträglichen Business-Class- Segment.

          Insgesamt scheinen optimistische Wetten auf eine zyklische Erholung der Luftfahrtwerte deutlich verfrüht zu sein. Aufgrund ihres zyklischen Charakters, der chronischen Überkapazitäten und der Anfälligkeit für externe Schocks sind die Aktien der Branche grundsätzlich kaum geeignet für „Witwen und Waisen“.

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