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Aktienmarkt : Liquidität muss nicht immer reizvoll sein

Ein Großunternehmen mit Kernaktionären: BMW. Hier ein Bild von der Hauptversammlung im vergangenen Mai Bild: dpa

Wer Aktien kauft, sollte sich Unternehmen mit treuen Kernaktionären näher anschauen. Die haben oft einen besonderen Reiz, wie einer der größten Profi-Investoren der Welt herausgefunden hat.

          Es ist durchaus möglich, sich als Privataktionär an den Finanzgeschäften der Familie Rothschild zu beteiligen. Denn eine von der berühmten Familie kontrollierte Holdinggesellschaft namens Paris Orléans ist an der Pariser Börse notiert. Dennoch werden gerade viele Großanleger an einer solchen Aktie wenig interessiert sein. Der Börsenwert des Unternehmens ist mit 1,2 Milliarden Euro nicht sehr groß; vor allem aber befinden sich mehr als 60 Prozent der Aktien in festen Händen. Dies schmälert die Zahl der handelbaren Papiere erheblich und beeinträchtigt damit die Liquidität in dieser Aktie – ein erheblicher Nachteil für Marktteilnehmer, die darauf Wert legen, jederzeit handeln zu können.

          Die Bedeutung der Liquidität – also der Handelbarkeit – eines Wertpapiers hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Dies lässt sich unter anderem an einer wachsenden Zahl von Aktienindizes erkennen, in denen nicht der gesamte Börsenwert eines Unternehmens Berücksichtigung findet, sondern nur der Börsenwert der nicht in festen Händen befindlichen Aktien. In der von Anglizismen durchtränkten Börsensprache ist die Rede vom „Free Float“. Der Börsenwert der von langfristigen Aktionären gehaltenen Aktien fällt unter den Tisch. Der Dax gehört zu jenen Indizes, der nach diesem Prinzip aufgebaut ist. Er bevorzugt in der Gewichtung der einzelnen Unternehmen jene, die keine identifizierbaren langfristigen strategischen Aktionäre besitzen. Jeder Anleger, der seine Aktienstrategie an solchen Indizes ausrichtet – und dies gilt gerade für viele Großanleger wie Versicherungen oder Staats-, Pensions- und Investmentfonds –, vernachlässigt damit Aktien von Unternehmen, die strategische Kernaktionäre besitzen.

          Renditeaufschlag für Anlage in Brutto-Börsenwerten

          Aber warum eigentlich? Diese Frage wirft der größte Aktienanleger der Welt, der staatliche norwegische Pensionsfonds, in einer bemerkenswerten Studie auf. Der Fonds hält Beteiligungen an rund 8000 Unternehmen in 82 Ländern, und er besitzt etwas mehr als ein Prozent des Börsenwertes aller auf der Welt gehandelten Aktien. Die Aktienanlagen des Fonds belaufen sich auf gut 400 Milliarden Euro.

          Die Analysten des Fonds haben einen Vergleich unternommen zwischen einer globalen Aktienanlage, die sich an den Brutto-Börsenwerten von Unternehmen orientiert, also Unternehmen mit Kernaktionären nicht diskriminiert, und einer Aktienanlage bei Netto-Börsenwerten, also ohne Berücksichtigung der Aktien von Kernaktionären. Für den Zeitraum von 2004 bis 2012 ergibt sich für die Anlage in Brutto-Börsenwerten ein Renditeaufschlag von 0,41 Prozentpunkten im Jahr. Das ist vielleicht nicht sehr viel, aber auch nicht sehr wenig.

          Es gibt sehr unterschiedliche Arten langfristiger strategischer Aktionäre. Das können Einzelpersonen oder Familien sein, die ein Unternehmen schon lange begleiten. Andere typische dauerhafte Aktionäre sind Unternehmensgründer oder auch der Staat. In Deutschland ließe sich als Beispiel für ein Großunternehmen mit Kernaktionären BMW anführen, an dem mehrere Mitglieder der Familie Quandt schon lange beteiligt sind. Bei BMW sind damit nur rund 55 Prozent der Aktien nicht in festen Händen, aber angesichts eines Börsenwerts von 55 Milliarden Euro leidet der Börsenhandel mit Aktien des Münchener Autobauers nicht an mangelnder Liquidität. Etwas anders sieht es schon bei einem Unternehmen wie der Rational AG aus, einem global agierenden erfolgreichen deutschen Hersteller von Küchen für Restaurants und Kantinen. Bei einem Börsenwert von 2,7 Milliarden Euro wirkt sich ein Festbesitz von gut 70 Prozent auf die Handelbarkeit der Aktie aus. Extrem kann die Situation bei kleinen Spezialwerten aussehen. Ein Beispiel liefert die an der Börse notierte Nebelhornbahn. Hier befinden sich bei einem Börsenwert von 16 Millionen Euro knapp 85 Prozent der Aktien im Festbesitz.

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