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Leitzins : Leitzins: Unsicherheit an den Finanzmärkten

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Aktienbörsen schwanken zwischen Konjunktursorgen und der Hoffnung, dass niedrigere Leitzinsen der Wirtschaft Rückenwind verschaffen. Doch die Meinungen, wie viel Einfluss die amerikanische Wirtschaft auf die Weltwirtschaft hat, liegen weit auseinander.

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          Nach den ganz unterschiedlichen geldpolitischen Botschaften der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Notenbank Fed war das Geschehen an den Finanzmärkten zum Wochenschluss von Unsicherheit geprägt. An den europäischen Aktienmärkten pendelten die Kurse richtungslos, in Wall Street eröffneten die Aktienbörsen am Freitag schwächer. Der Euro hielt sich mit 1,48 Dollar auf hohem Niveau, zum britischen Pfund erreichte er mit 75,87 Pence ein Rekordhoch.

          Die Europäische Zentralbank hatte am Donnerstag wegen der Gefahren für die mittelfristige Preisstabilität mit einer Anhebung ihres Leitzinses von derzeit 4 Prozent gedroht. Sie enttäuschte damit viele Investoren, die gehofft hatten, dass die Notenbank eine Senkung des Leitzinses in Aussicht stellen werde. Genau dies tat hingegen, ebenfalls am Donnerstag, der amerikanische Notenbankpräsident Ben Bernanke: Mit Hinweis auf die Abkühlung der amerikanischen Konjunktur machte er ziemlich unverblümt deutlich, dass der Dollar-Leitzins demnächst von 4,25 auf 3,75 Prozent zurückgenommen wird. Die amerikanischen Aktienmärkte hatten darauf am Donnerstag zunächst mit Kursgewinnen reagiert.

          „Schnäppchenjäger“ auf den Plan rufen

          Offensichtlich gingen viele Investoren davon aus, dass es der amerikanischen Notenbank mit ihren Leitzinssenkung gelingen werde, die Konjunktur zu stabilisieren - und damit auch die Gewinne der Unternehmen, erläuterte Hans-Günter Redeker, ein Finanzmarktexperte bei BNP Paribas. Redeker hält dies für zu optimistisch: Mit dem Konjunkturabschwung in Amerika dürften auch die Gewinne der amerikanischen Unternehmen in diesem Jahr abnehmen, argumentiert er. Ähnliches gelte für die Weltwirtschaft und die Unternehmensgewinne ganz allgemein. Denn anders als vielfach unterstellt, werde es der Weltwirtschaft nicht gelingen, sich von der amerikanischen Konjunkturflaute abzukoppeln.

          Allerdings ist laut Redeker nicht mit einem scharfen Einbruch der Aktienkurse zu rechnen. Seine Begründung: Im Vergleich zu Anleihen seien Aktien derzeit recht günstig bewertet. Rückläufige Kurse dürften deshalb bald „Schnäppchenjäger“ auf den Plan rufen, die Aktien zukauften und die Kurse damit vor einem Absacken bewahrten. Redeker sieht deshalb das Rückschlagspotential für die globalen Aktienmärkte auf rund 15 Prozent beschränkt. Stephen Jen, ein Finanzstratege bei Morgan Stanley, sieht das ähnlich: Im ersten Halbjahr dürften die Gewinnschätzungen für viele Unternehmen nach unten revidiert werden. Das werde die Aktienkurse unter Druck bringen. Doch dürften die niedrigen Zinsen und Anleiherenditen die Nachfrage nach Aktien dann wieder steigen lassen und deren Kursen Unterstützung geben.

          EZB zu optimistisch, glauben Analysten

          Der Euro hat nach den gegenläufigen Leitzins-Botschaften an Wert gewonnen, nicht nur zum Dollar, sondern gegenüber zahlreichen anderen Währungen. Das zeigt sich am handelsgewichteten Euro-Index, der auf Rekordniveau liegt. Das Gegenteil gilt für den handelsgewichteten Dollar-Index, der nahe seines Rekordtiefs liegt. Er gehe davon aus, dass der Euro demnächst bis auf 1,55 Dollar steigen werde, sagte Thomas Mayer, Chefökonom Europa bei der Deutschen Bank in London. Für Mayer wird der Anstieg des Euro einer der Faktoren sein, die das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum im Laufe des Jahres deutlich bremsen - viel stärker, als von der EZB noch erwartet.

          Letztlich habe es Europas Wirtschaft mit ähnlichen Belastungsfaktoren zu tun wie die amerikanische, meint Mayer: So werde die Abkühlung der Hochkonjunktur an den Immobilienmärkten die Konsumnachfrage dämpfen. Gleichzeitig dürfte die Krise der Banken deren Bereitschaft zur Vergabe von Krediten einschränken, was die Investitionen verringern werde. Zudem belaste das hohe Niveau der Energiepreise Haushalte und Unternehmen. Dies alles werde dazu führen, dass sich das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum in diesem Jahr auf 1,6 Prozent abschwächen werde. Auch wenn sie derzeit noch mit einer Anhebung des Leitzinses drohe, werde die EZB darauf mit einer Zinssenkung reagieren, erwartet Mayer. Auch Redeker hält es für unwahrscheinlich, dass die EZB ihren Leitzins tatsächlich anheben wird. Die Annahme der EZB, dass das starke Wachstum in Ländern wie China und Indien den Konjunkturabschwung in den Vereinigten Staaten ausgleichen werde, sei zu optimistisch, meint er.

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