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Leitindex auf Jahrestief : Rätsel um Dax-Absturz

  • Aktualisiert am

Blick in den Handelssaal der Deutschen Börse in Frankfurt. Bild: dpa

Ein vollkommen überraschender Ausverkauf drückt die deutschen Aktienmärkte am Mittwoch auf neue Jahrestiefstände. Börsianer rätseln über die Ursachen.

          3 Min.

          Der Dax ist am Mittwoch auf den tiefsten Stand des Jahres gefallen. Gegen 9.40 Uhr rauschte der deutsche Leitindex innerhalb von nur zehn Minuten um 160 Punkte oder 2 Prozent nach unten, begleitet von ungewöhnlich hohen Umsätzen an der Termin- und Optionsbörse Eurex. Der Dax fällt um 1,7 Prozent auf 7554 Punkte, der marktbreite FAZ-Index um 1,5 Prozent auf 1630 Zähler.

          Abstufung Deutschlands?

          „Marktgerüchte um eine unmittelbar bevorstehende Abstufung Deutschlands haben den Dax gedrückt“, versucht es Alastair McCraig von IG Markets in London zu erklären.  Beobachter halten eine Senkung der Kreditwürdigkeit Deutschlands nicht für ausgeschlossen, aber doch für sehr unwahrscheinlich. Mit Moody’s habe lediglich eine der drei großen Ratingagenturen einen negativen Ausblick für Deutschland, der eine Abstufung rechtfertigen könnte.

          Auffällig ist zudem, dass der Euro, der bei einer Abstufung der größten Volkswirtschaft und des Wachstumsmotors der Eurozone stark abwerten würde, zu Dollar und Yen erst gut eine Stunde später nachgab.

          Vor allem aber sind Bundesanleihen gesucht. Der für den Rentenmarkt maßgebliche Terminkontrakt auf die zehnjähige Bundesanleihe, der Bund Future steigt um 34 Basispunkte auf 146,07 Prozent. Zudem hat Deutschland am Vormittag eine zehnjährige Anleihe im Umfang von 3,349 Milliarden Euro verkauft. Die Durchschnittsrendite fiel auf 1,28 Prozent nach 1,36 Prozent bei der letzten Auktion am 20. März. Das war die niedrigste Rendite bei einer Auktion zehnjähriger Titel durch den Bund überhaupt. Unterschiedliche  Auffassungen an Aktien- und Rentenmarkt sind zwar nicht ungewöhnlich, doch in dieser Gegensätzlichkeit höchst unwahrscheinlich und wenig plausibel.

          Gewinnmitnahmen, Computer, dicke Finger

          Eine gewisse Tendenz dazu ist zu beobachten, dass die Verkäufe vor allem die stabilen Kernländer des Euroraums betreffen. So geben nach dem Dax der französische CAC 40, der finnische OMX Helsinki und der Eurostoxx am deutlichsten nach. Dagegen haklten sich die Nicht-Euro-Märkte, aber auch die der Peripherie deutlich besser. Möglicherweise handelt es sich auch um Gewinnmitnahmen an den besser gelaufenen Aktienmärkten des Euroraums.

          Andere Händler ziehen andere Begründungen vor: Es habe Verkaufsprogramme mit hohen Volumina gegeben, die über Computer-gesteuerte Schnellverkäufe - das sogenannte Algo-Trading - den Markt in die Knie gezwungen hätten. Auch der in solchen Fällen gern zitierte „Fat Finger“, also eine Fehleingabe eines Händlers, muss wieder einmal zur Begründung für den Kurseinbruch herhalten.

          Wieder andere führten den Einschlag einer Rakete nahe dem südiraelischen Badeort Eilat zur Begründung für den Ausverkauf an den Aktienbörsen ins Feld. Die Nachricht hierüber lief jedoch schon vor Handelsbeginn über die Nachrichtenticker. „Außerdem hätte das Investoren sicher in den Dollar als Fluchtwährung in Krisenphasen getrieben“, hielt ein Händler dagegen.

          Insgesamt ist der Kursrutsch wenig erklärbar, ebenso wie letztlich der massive Ausverkauf am Edelmetallmarkt am Freitag und Montag. „Bisher wurde noch kein spezieller Auslöser für den massiven Ausverkauf identifiziert“, sagt dazu Jeremy Baker, Rohstoffstratege bei Harcourt Investment, einer Tochter der Bank Vontobel. Vermutlich habe die Kombination mehrerer Faktoren Großanleger zur Liquidierung ihrer Goldpositionen veranlasst, wodurch Stopp-Lossverkäufe ausgelöst worden seien.

          Technische Situation stark verschlechtert

          Börsianer verweisen zudem darauf, dass zunächst die Terminkontrakte auf die amerikanischen Indizes ins Minus gerutscht seien und dann ein größeres Verkaufsprogramm die europäischen Märkte unter Druck gebracht habe. Allerdings handeln die amerikabnischen Futures weniger als 1 Prozent im Minus, der Dax-Future mehr als 2 Prozent.

          Mit dem Fall wichtiger Unterstützungen hätten dann charttechnische Gründe die Talfahrt verstärkt. Diese Begründung ist deutlich nachvollziehbar. Denn mit dem Kusrutsch bis auf 7514 Stellen wurde die Unterstützung aus dem Febnruar im Bereich von 7600 Punkten glatt und deutlich durchschlagen.

          Damit hat sich die technische Situation drastisch verschlechtert. Der Dax handelt nur noch knapp oberhalb der Unterstützung durch die Höchststände des Jahres 2011 bei rund 7500 Punkten. Hält diese Marke nicht, dpürfte der Weg Richtung 7000 Punkte gehen.

          Auch das Eintreten einer trügerischen Ruhe auf dem derzeitigen Niveau ist denkbar. Hier könnte sich zunächst über die Dauer von etwa zwei Monaten eine zweite Schulter ausbilden, der dann eine Trendwende nach unten folgen kann.

          Halbleitertitel unter Druck

          Der Aktienkurs von Daimler gibt um 1,8 Prozent nach. Der Stuttgarter Autobauer hat den Verkauf seiner verbliebenen EADS-Beteiligung bekannt gegeben. Der Plazierungspreis liegt bei 37 Euro je Aktie und damit am oberen Ende der in Medienberichten genannten Spanne. EADS verteuern um 3,8 Prozent .

          Infineon-Titel geben um 3 Prozent nach. Enttäuschend ausgefallene Zulassungsdaten vom europäischen Automarkt belasten den Kurs des Halbleiterkonzerns, der auch ein wichtiger Zulieferer für die Autobranche ist. Sie verwiesen zudem auf die schwachen Zahlen und den gesenkten Margenausblick des Wettbewerbers Cirrus Logic. Im Kielwasser geben Dialog Semiconductor 7,2 Prozent nach.

          Bayer-Titel geben 2,6 Prozent ab. Ein Berufungsgericht in den Vereinigten Staaten hält das Patent des Pharma- und Chemiekonzerns für seine Verhütungspillle Yaz für ungültig.

          Kabel Deutschland gewinnen 4,25 Prozent. Das „Manager Magazin“ berichte, der amerikanische Konzern Liberty Global bereite ein Übernahmeangebot vor, um Vodafone zuvorkommen. Ein Börsianer schwächte die Euphorie aber ab: „Solche Pläne dürften vom Kartellamt durchkreuzt werden.“ Er verwies dabei auch auf die von den Wettbewerbshütern nicht genehmigte Akquisition von Telecolumbus durch den Kabelnetzbetreiber.

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