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Länder-Analyse : Chinas Börse mit Sechs-Jahres-Tief weiter auf Talfahrt

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China hat Shanghai Zi Jiang Enterprise Group Co. und drei anderen Unternehmen erlaubt, Staatsanteile zu verkaufen. Mit dieser ersten Privatisierungsstufe soll unter anderem die Reaktion der Börsen getestet werden. Diese antwortet mit einem Sechs-Jahres-Tief.

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          Staatsbeteiligungen im Volumen von insgesamt 264 Milliarden Dollar sollen an den chinesischen Börse zum Verkauf angeboten werden. Die Regierung möchte unbedingt einen Zusammenbruch des Marktes vermeiden. Die ersten Signale waren entmutigend. Der Aktienkursindex von Schanghai sank am Montag auf ein Sechs-Jahres-Tief.

          Marktteilnehmer zeigten sich enttäuscht, daß die Regierung relativ kleine und unattraktive Unternehmen als Testballon ausgesucht hat. Die Investoren hatten darauf spekuliert, daß der Staat zunächst Beteiligungen an größeren und profitableren Unternehmen abstößt. Aber Shanghai Zi Jiang Enterprise, Sany Heavy Industry Co., Tsinghua Tongfang Co. und Hebei Jinniu Energy Resources Co. kommen zusammen auf einen Marktwert von nur 19 Milliarden Yuan (1,8 Milliarden Euro). Das ist weniger als ein Prozent der gesamten chinesischen Marktkapitalisierung. „Das sind definitiv nicht die Unternehmen, die wir sehen wollen,“ sagte Zhang Ling, Fondsmanager bei First Trust Management Co. in Schanghai. „Wir wollen Unternehmen mit Wachstumspotential oder einer Monopol-Stellung in ihrer Branche sehen.“

          „Sie wollen kein Risiko mit größeren Werten eingehen.“

          Der Aktienkurs des PC- und Software-Hersteller Tshinghua Tongfang ist in den letzten zwölf Monaten 48 Prozent abgesackt. Hingegen kommt der Shanghai Composite Index nur auf ein Minus von 27 Prozent. Die Titel von Sany Heavy Industry (Baumaschinen) und Zi Jiang Enterprise (Verpackungen), sind 38 beziehungsweise 35 Prozent eingebrochen. Lediglich der Kurs des Kohleproduzenten Jinniu Energy ist in den letzten zwölf Monaten 28 Prozent geklettert. Alle vier Unternehmen schrieben in den letzten fünf Jahren schwarze Zahlen. „Wir waren nicht überrascht über die Aktienauswahl,“ erklärte Yang Jianxun, Analyst bei Penghua Asset Management Co. in Shenzhen. „Sie wollen kein Risiko mit größeren Werten eingehen. Sie sind sich unsicher, wie der Markt reagiert.“

          Mit den Einnahmen aus den Beteiligungsverkäufen will der Staat Pensionsverbindlichkeiten abdecken. China hat im Rentensystem eine Finanzierungslücke von 2,5 Billionen Yuan (etwa 250 Milliarden Euro). China musste 1999 und 2001 den geplanten Verkauf von staatlichen Beteiligungen abblasen, nachdem die Ankündigung die Aktienkurse ins Rutschen gebracht hatte. Nicht handelbare Aktien machen etwa zwei Drittel des chinesischen Aktienmarktes aus. Das sind Aktien, die im Besitz von Kommunen, Provinzen und Zentralregierung sind und so genannte Aktien „juristischer Personen“, die größtenteils von Staatsunternehmen gehalten werden.

          Anleger immer vorsichtiger

          Dieses latente Überangebot drückt schon seit längerem auf die Kurse. Daneben gibt es aber auch andere Gründe, die Anleger in den vergangenen knapp vier Jahren dazu bewogen haben, immer vorsichtiger mit chinesischen Aktien umzugehen. Dabei mag noch am wenigsten schwer wiegen, daß Ökonomen nunmehr seit Jahren die von chinesischer Seite propagierten Wachstumszahlen anzweifeln. Viel handfester sind die akuten und potentiellen Ungleichgewichte in der chinesischen Volkswirtschaft. Da ist zum einen das marode Banken- und Kreditwesen. Chinesische Unternehmen refinanzieren sich vorzugsweise über die leicht erhältlichen Kredite. Der Anteil der problematischen Kredite in den Portefeuilles der Banken wird mit 40 Prozent angegeben. Dies verunsichert die Anleger - hinsichtlich der Qualität der Unternehmensbilanzen ebenso wie der Stabilität der chinesischen Finanzmärkte im allgemeinen.

          Auch die Nachhaltigkeit der Wachstumsstory wird auf diese Weise zunehmend angezweifelt. Denn ein kreditgetriebenes Wachstum der Produktion muß sich rasch refinanzieren. Daher wird über den Preis konkurriert und nicht über die Qualität. Forschungs- und Entwicklungsausgaben unterbleiben und die Margen schrumpfen im Zeitverlauf zusehends. Der Nachfrage nach profitablen Aktien-Investments steht in China daher ein mangelhaftes Angebot gegenüber.

          Auch charttchnisch zeichnet sich bisher am chinesischen Aktienmarkt keine Trendwende ab. Somit steht zu befürchten, daß der Schanghai Composite Index in naher Zukunft auch noch ein Sieben-Jahres-Tief erreicht. Dazu fehlen nur noch 6,2 Prozent.

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