https://www.faz.net/-gv6-7rv9d

Kursverfall : Russlands Märkte spüren die Krise

Der Rote Platz in Moskau Bild: plainpicture/Christof Mattes

Sechs Handelstage hintereinander haben die Aktienindizes der Börse Moskau verloren: Reiche Russen haben offenbar Angst vor weiteren Sanktionen und auch die Anleger im Westen meiden den Markt.

          3 Min.

          Russische Aktien sind die günstigsten Aktien auf der Welt. Und russische Wertpapiere werden mit jedem Tag, an dem sich der Konflikt zwischen Russland auf der einen Seite und Amerika und der Europäischen Union auf der anderen Seite noch mehr zuspitzt, noch günstiger. Dabei kommt es zu keinem richtigen Crash, sondern zu einem scheibchenweisen Kursverfall. Sechs Handelstage hintereinander haben die Aktienindizes der Börse Moskau, der Micex und der auf Dollarbasis berechnete RTS, nun verloren.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ihr Verlust belief sich in der vergangenen Woche auf gut 6 Prozent. Am Montag kamen weitere 2,3 Prozent hinzu. „Das ist kein großer Rutsch, gemessen daran, was für russische Unternehmen auf dem Spiel steht“, sagte am Montag ein Händler der F.A.Z., der für eine große europäische Bank russische Aktien wie Gazprom, Lukoil und Sberbank am Finanzplatz London handelt.  Tatsächlich scheint die Angst reicher Russen vor weiteren Sanktionen größer als die Zuversicht im Westen, dass die Strafen etwas bewirken könnten.

          Michail Kasjanow, der während Putins erster Präsidentschaft von 2000 bis 2004 als Ministerpräsident agierte, meldete sich aus seinem Lettland-Urlaub zu Wort und warnte: „Wenn es Sanktionen gegen den gesamten russischen Finanzsektor gäbe, würde unsere Wirtschaft in sechs Wochen zusammen brechen.“ Und Andrei Kostin, Vorstandsvorsitzender der zweitgrößten russischen Bank VTB klagt, dass die schon verhängten Sanktionen Russland in die Rezession stürzen.

          Anleger werden vorsichtiger

          Diese Befürchtungen reicher Russen werden von Anlegern im Westen nur eingeschränkt geteilt. Die Analysten der amerikanischen Investmentbank JP Morgan trauen auch nach den in der vergangenen Woche verhängten Sanktionen gegen die vier russischen Unternehmen Rosneft, Gasprom, VEB und Novatek der russischen Wirtschaft in diesem Jahr unverändert ein leichtes Wachstum von 0,5 Prozent zu. Lediglich für 2015 nahm JP Morgan die Wachstumsprognose geringfügig von 1,8 auf 1,6 Prozent zurück. Über die Auswirkungen weiterer möglicher Sanktionen gibt es noch keine Schätzung.

          Doch es gibt Zweifel, dass sich der Westen tatsächlich mit der russischen Gasindustrie anlegen wird, von der weite Teile Europas abhängig sind. So stand nach Informationen dieser Zeitung Alexei Miller, der Vorstandsvorsitzende von Gasprom, auf der ursprünglichen Liste der Personen, gegen die schon Ende April Reiseverbote verhängt wurden. Auf der endgültigen Liste von Putins „innerem Zirkel“ stand der Chef des größten russischen Gasunternehmen, an dem der Staat 50 Prozent hält, dann aber nicht.

          Gleichwohl gibt es Anleger, die vorsichtiger werden. Die Investmentbank Morgan Stanley hat russische Staatsanleihen mit „verkaufen“ eingestuft, weil sie keine einfache Lösung für den Konflikt erkennt. Die Marktreaktion dagegen ist zwar kritisch, aber verhalten. Russische Rubel-Staatsanleihen ließen sich am Montag nur noch zu Renditen von 9,2 Prozent verkaufen. Ende vergangener Woche griffen Anleger noch zu 8,9 Prozent, vor einer Woche noch für 8,5 Prozent zu. Aber im Mai waren die Renditen schon höher gewesen. Auch der Rubel hat seit einer Woche 1,7 Prozent verloren, über drei Monate hinweg aber 3 Prozent gewonnen.

          Der russische Aktienmarkt galt schon zu Jahresanfang als vernachlässigt. Seither haben die Aktienindizes Micex und RTS weitere 12 Prozent verloren. Die Aktien kosten nun weniger als das Sechsfache des von Aktienanalysten für 2014 erwarteten Gewinns. Zum Vergleich: An der deutsche Börse sind die Unternehmen im Dax mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 derzeit mehr als doppelt so hoch bewertet. Auch andere Emerging Markets wie China, Brasilien und Indien sind deutlich teurer als der russische. Noch aber traut sich niemand offiziell, angesichts der Unübersichtlichkeit des Konflikts mit dem Westen zum Einstieg am russischen Aktienmarkt zu trommeln.

          Der Zugang zur Börse Moskau ist auch schwierig, aber die großen Titel werden im Freiverkehr auch in Frankfurt gehandelt. Die Umsätze sind dort dürftig, die Preisausschläge groß und wenn Anleger wieder verkaufen wollen, kann es mangels Nachfrage ein böses Erwachen geben. Doch mutige Anleger, die nach dem „Motto „kaufen, wenn die Kanonen donnern“ agieren wollen, haben durchaus Möglichkeiten. Fachleute raten zu Fonds. ETF, die russische Aktienindizes nachbilden, haben den Nachteil, dass zum Beispiel Gasprom darin ein hohes Gewicht von fast 25 Prozent hat.

          Stärker balanciert ist das Risiko, wenn ein Fonds nicht allein auf den russischen Markt fixiert ist, sondern etwa auf vier Schwellenländer wie Brasilien, Russlands, Indien und China. In einem solchen ETF kommt Gasprom dann auf ein Gewicht von rund 6 Prozent. Außerdem gibt es viele aktiv gemanagte Aktienfonds, die sich auf Rohstoffe, Russland oder Osteuropa konzentrieren. Einer der renommierteste ist der Osteuropa-Aktienfonds der österreichischen Raiffeisen-Gruppe. Er ist zu 54 Prozent in Russland investiert, vor allem in Lukoil, Sberbank, Gazprom und Surgutneftegaz. Dieser Osteuropa-Aktienfonds hat in den vergangenen drei Monaten 12 Prozent an Wert gewonnen, seit einem Jahr aber 4 Prozent verloren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Beliebter denn je: Eintracht Frankfurt hat derzeit viele Rekorde zu vermelden.

          Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

          Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.