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Kursrutsch : Nur wenige raten noch zum Aktienverkauf

Bild: F.A.Z.

Der Rutsch am Aktienmarkt, der alle Dax-Werte erfasst hat, gilt als Zeichen für einen nicht mehr rein durch rationale Faktoren getriebenen Ausverkauf. Doch der Rat, jetzt in großem Stil Aktien zu kaufen, geht nicht jedem Analysten und Vermögensverwalter glatt über die Lippen.

          Es dauerte vier Handelsstunden, bis der Dax nach der Eröffnung auf dem Tageshoch von 7292 Punkten mehr als 500 Punkte oder 7,5 Prozent tiefer bei 6762 Punkten Halt fand. Selbst Aktien wie BASF, Bayer, RWE oder Eon, die auf den ersten Blick wenig mit der immer weitere Kreise ziehenden Finanzkrise zu tun haben, rutschten in der Spitze um mehr als 8 Prozent. „Das ist Exekutionsware“, sagt Gottfried Heller von der Vermögensverwaltung Fiduka und fügt hinzu: „Mein Freund André Kostolany hat immer gesagt: Exekutionsware muss man kaufen.“ Heller versteht unter Exekutionsware Aktien, die von um Liquididät ringenden Anlegern als Zwangsverkäufe auf den Markt geworfen werden müssen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Heller vermutet, dass Hedge-Fonds, die ihre Anlagen auf Kredit kaufen und manchmal nur 10 Prozent Eigenkapital verwenden, Kasse machen müssen. Denn oft halten Hedge-Fonds ihr ohnehin geringes Eigenkapital nicht als Liquidität vor, sondern müssen es sich erst durch Verkäufe von bestehenden Engagements verschaffen. Diese als Kreditsicherheiten dienenden Anlagen, so darf vermutet werden, haben in den vergangenen Tagen stark an Wert verloren. Damit könnten mehrere Hedge-Fonds von ihren Kreditgebern gezwungen worden sein, Eigenkapital nachzuschießen. Ein Indiz dafür, dass dafür Zwangsverkäufe nötig gewesen sein könnten, sei die jüngste Stärke der Verschuldungswährungen der vergangenen Monate, Yen und Franken. Ein weiteres Indiz sei, dass nun auch solide Standardaktien, Heller nennt sie „die bluesten Blue Chips“, unter starken Abwertungsdruck geraten sind. „Man sollte jetzt nicht sein gesamtes Pulver verschießen. Denn wo der Tiefpunkt ist, wissen nur die Lügner“, sagt Heller sarkastisch. „Aber Anleger können jetzt durchaus mit einem Teil ihrer liquiden Mittel Blue Chips auflesen, von denen man sich vor wenigen Wochen nicht hätte träumen lassen, dass man sie so billig bekommt“, sagt Heller.

          Zu Spät zum Verkaufen

          Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg in Hamburg, sieht das anders. „Wir haben unseren Kunden empfohlen, die Aktienquote zu verringern. In den vergangenen Tagen, und auch noch einmal heute“, berichtet Klude am Montag. Zwar gebe es Anzeichen eines Ausverkaufs und es sei gut möglich, dass täglich Hin und Her handelnde Day-Trader jetzt ein Schnäppchen machten. Doch Klude rät von einem Einstieg am Aktienmarkt längerfristig agierenden Anlegern ab, da er das Aktienmarktumfeld für nicht positiv hält. Die aus seiner Sicht bevorstehende Rezession in Amerika wird auch in Europa zu einer deutlichen Konjunkturabschwächung führen. „Daher halten wir für es nötig, dass die Analysten ihre Gewinnerwartungen für deutsche Unternehmen noch zurückschrauben“, sagt Klude. Es sei deshalb unwahrscheinlich, dass der Tiefpunkt im Dax schon erreicht sei.

          Nach Daten von Andreas Hürkamp, Aktienstratege der Commerzbank, sind die Dax-Werte gemessen an heutigen Kursen und den für 2008 von Analysten im Schnitt geschätzten Unternehmensgewinnen so günstig wie lange nicht mehr. „Erstmals seit November 1990 liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis bei weniger als 11“, sagt Hürkamp. Zudem sei der Pessimismus, der in Amerika unter Privatanlegern durch Umfragen ermittelt werde, so hoch wie seit 10 Jahren nicht. Die anscheinend niedrige Bewertung und der Pessimismus erinnerten an das erste Quartal 2003, in dem der Dax nach drei Jahren Baisse seinen Tiefpunkt erreichte. „Wir gehen davon aus, dass der Dax im ersten Quartal 2008 den Boden findet“, sagt Hürkamp, auch wenn er in der Finanzkrise derzeit ein Dominostein nach dem anderen falle. Eine schlechte Figur mache die amerikanische Notenbank, die es versäumt habe, mit aggressiven Leitzinssenkungen auf die Finanzkrise zu reagieren. So liege der Leitzins, der Zielzinssatz für Tagesgeld, 1,9 Prozentpunkte über dem Satz für zwei Jahre laufende Anleihen. Das ist nach Beobachtung von Hürkamp ein Rekord und zeige, wie stark die amerikanische Notenbank die Hoffnungen der Anleger auf eine außerordentliche Zinssenkungen enttäuscht habe.

          Wie Hürkamp hält es auch Jörg Scherer, der für HSBC Trinkaus & Burkhardt die Aktienmärkte aus technischer Sicht analysiert, für zu spät zum Verkaufen. Sollte der Dax tatsächlich am Montag zum Handelsende unterhalb der von 7040 bis 7190 reichenden Unterstützungszone liegen, müsse aber mit einem Rutsch bis auf 6200 Punkte gerechnet werden. „Anleger sollten vor Aktienkäufen eine Bodenbildung abwarten“, rät Scherer.

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