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Kursmanipulation : Anlegerschützer unter Verdacht

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Zwischen Anlegerschützern und dem Unternehmen Wirecard ist ein bizarrer Streit entbrannt. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) - der zweitgrößte Interessenverband auf diesem Gebiet - warf der Aktiengesellschaft eine „in verschiedenen wesentlichen Punkten unvollständige und irreführende Rechnungslegung“ vor. Sie droht zudem mit einer Strafanzeige wegen Bilanzfälschung und hat beim Landgericht München eine Anfechtungsklage eingereicht. Daraufhin brach der Kurs am vergangenen Freitag um 30 Prozent ein, erholte sich am Montag aber wieder teilweise. Das Unternehmen will Wirtschaftsprüfer um eine Begutachtung bitten.

          Mittlerweile kam außerdem heraus: Der stellvertretende SdK-Vorsitzende Markus Straub hält seit längerem Verkaufsoptionen auf die im Tec-Dax notierte Wirecard-Aktie. An einem Kurssturz dürfte er Millionen Euro verdienen. Wirecard, ein Anbieter von „elektronischen Zahlungs- und Risikomanagementlösungen“ etwa bei Millionen Akzeptanzstellen der Kreditkartenorganisation Mastercard, hat deshalb nun selbst Strafanzeige wegen Marktmanipulation und Insiderhandels erstattet. Wie Vorstand und Aufsichtsrat mitteilten, habe man sich dazu an die Staatsanwaltschaft sowie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) gewendet. Verschiedene Großaktionäre des Unternehmens aus Grasbrunn bei München bereiten demnach außerdem eine Schadensersatzklage in dreistelliger Millionenhöhe „gegen die SdK, ihre Organe und weitere Beteiligte“ vor. Das Unternehmen argwöhnt zudem, die SdK habe sich von Hedge-Fonds instrumentalisieren lassen.

          „Kräftig absahnen“

          Ein Geschäftsfreund Straubs war früher ebenfalls SdK-Mitstreiter und ist jetzt Vermögensverwalter. Nach Straubs Angaben ist er selbst ein „Shortseller“ und somit bei Wirecard mit Wetten auf sinkende Kurse engagiert. Auf die rhetorische Frage in einem von der SdK selbst geführten Interview, ob er bei Wirecard „kräftig absahne“, antwortete Straub: „Auch wenn ich meine Positionen noch nicht geschlossen habe, gehe ich fest davon aus. Und das halte ich auch für richtig, denn ich investiere in meine Arbeit sehr viel Zeit und verfüge über umfangreiche Kenntnisse.“ Leerverkäufe habe er aber nicht getätigt, und zur Vermeidung von Interessenkonflikten habe er sich auf der Hauptversammlung der Stimme enthalten. Straub beteuert zudem, er verfüge über keine Insiderinformationen. Auf Wirecard sei er vielmehr durch einen Diskussionsbeitrag in einem Internetforum gestoßen; daraufhin habe er seine Recherchen in öffentlich zugänglichen Quellen gestartet. „Jetzt liegt die Gesellschaft da wie ein offenes Buch - das Bild wurde immer grässlicher.“

          Aktie abgestuft

          Die Bafin fürchtet Schwierigkeiten bei den Ermittlungen gegen Straub. Die vorzeitige Bekanntgabe der Anzeige durch Wirecard könnte sich zumindest für die Staatsanwaltschaft als Hindernis erweisen, sagte eine Bafin-Sprecherin am Montag. Die Bafin hat derweil ihre eigenen Untersuchungen eingeleitet; dort nimmt man die Vorwürfe gegen die SdK offenbar ernst.

          Bei der größeren Anlegerschutzorganisation, der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), löst die Affäre Besorgnis aus. „Wir haben schon bei Inkrafttreten des Insiderhandelsverbots eigene Hygienevorschriften entwickelt“, sagte DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler dieser Zeitung am Montag. Wer Wertpapiere an einer Gesellschaft besitze, müsse dies der Vereinigung melden. Diese Positionen müsse er zudem schließen, bevor die DSW öffentlich Kritik an einem Unternehmen übe. Shortpositionen besitze in dem Verband erst recht niemand, versicherte Tüngler. „Schließlich sind wir nicht für die kurzfristig ausgerichteten Zocker da.“

          Die West LB stufte die Aktie zu Wochenbeginn von „Buy“ auf „Hold“ herunter. Kurzfristig sei nicht mit Klarheit in der rechtlichen Auseinandersetzung zu rechnen. Deswegen werde die Aktie, die seit Mitte Mai rund zwei Drittel an Wert eingebüßt hat, weiter von Gerüchten getrieben, sagte West-LB-Analyst Björn Stübner.

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