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Kursstürze an den Börsen : Was Anleger jetzt tun sollten

Im Moment tobt nur der Bär: Er steht für fallende Kurse an der Börse - der Montag war sein Tag. Bild: dpa

An den Börsen rund um die Welt rutschen die Kurse ab. Anleger fragen sich jetzt: Verkaufen – oder doch schon wieder kaufen? Fachleute haben vor allem einen Rat.

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          Die Börse ist nichts für Angsthasen. Wer sein Erspartes in den Dax investiert hat und vor zehn Tagen bei komfortablen 11.500 Punkten in den Urlaub gefahren ist, der findet ihn nun nach der Heimkehr satte 2000 Punkte im Minus. Am Montag ist das deutsche Börsenbarometer erstmals seit Januar wieder unter die Marke von 10.000 Punkten gerutscht. Auslöser waren abermals schlechte Vorgaben von den chinesischen Börsen. Und auch in Tokio, London und an der Wall Street rutschten die Indizes um mehrere Prozentpunkte nach unten. Mancher Urlaubsheimkehrer wird sich ärgern, dass er nicht vor der Abreise Kasse gemacht und die Erlöse in ein größeres Zimmer mit Meerblick investiert hat.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was aber sollten die Anleger jetzt tun, die das jüngste Hoch offensichtlich verpasst haben? Jetzt noch verkaufen? In Anleihen und andere Anlageklassen umschichten? Oder abwarten und im Zweifel sogar neue Aktien kaufen, weil sie gerade wieder auf Einsteigerniveau gesunken sind? In einem sind sich die Marktkenner einig: Anleger sollten jetzt bloß nicht in Panik verfallen. Schließlich gilt die alte Regel: Verluste macht nur der Anleger, der bei niedrigen Preisen verkauft.

          „Wir raten Anlegern auf jeden Fall, einen kühlen Kopf zu bewahren“, sagt etwa Henning Gebhardt, der die Aktienanlage in der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank leitet. „Viele der Gründe, die jetzt für die Kursrückgänge verantwortlich gemacht werden, halten wir eher für einen Sturm im Wasserglas“, sagt der Chefanlagestratege der Commerzbank, Chris-Oliver Schickentanz. Weder die Verlangsamung des Wachstums in China noch die zu erwartende Zinswende in den Vereinigten Staaten rechtfertigen seiner Meinung nach die starken Verluste an den deutschen Börsen. Deutsche-Bank-Mann Gebhardt führt einen bedeutenden Teil des Rückgangs auf Markttechnik und nicht so sehr auf die Fundamentaldaten zurück. Viele Großanleger müssen verkaufen, wenn die Kurse eine gewisse Schwelle unterschreiten.

          Vieles spricht gegen eine nachhaltige Abwärtsbewegung

          Auch Frank Naab, Leiter der Vermögensverwaltung des Bankhauses Metzler, spricht von stark übertriebenen Kursrückgängen. Vor allem die sich erholende Konjunktur in Europa und den Vereinigten Staaten solle man nicht unterschätzen, sagt er. „In Euroland haben wir gerade das stärkste Wachstum in einem zweiten Quartal seit vier Jahren gesehen.“ Die Gewinne der Unternehmen im Euro Stoxx 600 dürften in diesem Jahr zwar nicht mit den erwarteten 9 Prozent wachsen, aber wohl immer noch um 6 bis 7 Prozent. Das rechtfertige nicht die derzeitigen Kursrückgänge.

          Auch Commerzbank-Stratege Schickentanz verweist auf die fundamentalen Unternehmensdaten, die sich zuletzt eher verbessert hätten. In der Berichtssaison für das zweite Quartal habe es überdurchschnittlich viele positive Überraschungen gegeben. Durch die jüngsten Kursverluste sei das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Dax inzwischen unter 12 gerutscht, was gegen eine nachhaltige Abwärtsbewegung spreche. Der V-Dax, der die Volatilität im Dax misst, hat im Laufe des Montags einen Wert von über 40Punkten erreicht. In der Vergangenheit habe ein Wert von mehr als 30 Punkten in der Regel dazu geführt, dass in den Tagen darauf der Boden erreicht worden sei. Insofern sollten Anleger eher überprüfen, ob sich nicht hier und da schon wieder Zukäufe lohnten.

          Angesichts des Kurseinbruchs in Asien fiel der Deutsche Leitindex am Montag unter die magische 10.000-Punkte-Marke

          Metzler-Fachmann Naab empfiehlt dabei, auf die Werte zu setzen, die stärker von der europäischen und der amerikanischen Konjunktur abhängen, als vom Wachstum in China. Dazu zählten europäische Technologie-, IT- und Chemieunternehmen, aber auch vereinzelt Finanzwerte. Niall Gallagher, Fondsmanager des GAM Star European Equity, geht stärker ins Detail und unterscheidet sogar zwischen den zuletzt stark gebeutelten Autobauern und -zulieferern. So sei etwa bei Volkswagen und BMW mit einem kräftigen Margenrückgang zu rechnen, weil diese Unternehmen vor allem in China zuletzt gute Margen durchsetzen konnten. Ein Zulieferer wie Continental habe in Europa und Asien nicht so unterschiedliche Margen erzielt. Wenn sich die Absätze nun wieder nach Europa und Amerika verschöben, würde er also weniger leiden.

          Staatsanleihen sind keine sinnvolle Alternative

          Gebhardt von der Deutschen Asset & Wealth Management weiß: „Um jetzt in Aktien zu gehen, braucht es natürlich viel Mut.“ Wem die Lage gerade zu brenzlig sei, der solle lieber noch abwarten und dabei den S&P-Index beobachten. Nach wie vor sei Amerika schließlich die Leitbörse, die auch für Europa und Deutschland die Richtung vorgebe.

          Zumal es durchaus auch Stimmen gibt, die einen weiteren Niedergang des Aktienmarkts für möglich halten. Vor allem die Freunde der technischen Analyse warnen vor entsprechenden Zeichen. So mahnt etwa die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud Traud, dass technisch jetzt die Marken zwischen 9220 und 8900 in Fokus stünden. „Man sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, dass auch die 9000er-Marke in diesem Bärenmarkt fallen wird“, sagt sie. Die Anlageberater der Frankfurter Sparkasse, die zur Helaba gehört, raten den Kunden, die jetzt neues Geld anlegen wollen, erst einmal von der Anlage in Aktien ab. In den Filialen sei aber bislang noch keine Panikstimmung zu merken.

          Was sollte man auch machen mit dem Geld, das man aus den Verkäufen derzeit erzielen kann. Das Umschichten in Staatsanleihen ist bei den nach wie vor niedrigen Renditen für die meisten Marktbeobachter noch keine sinnvolle Alternative. Sollten die Renditen mit der erwartbaren Zinswende in Amerika wieder steigen, müssten diejenigen, die dann Anleihen besitzen, Kursverluste hinnehmen. Auch bei Unternehmensanleihen ist – zumindest bei denen mit guten Bonitäten – ebenfalls kein guter Schnitt mehr zu machen.

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